Europäisch-amerikanische Begegnungen

Ein Interview mit Reinhold Urmetzer

 

Frage: Sie sind ein ausgewiesener Spezialist für zeitgenössische Musik, Opern- und Konzertkritiker. Sie haben in der Stuttgarter, der Süddeutschen und in anderen Tageszeitungen geschrieben, arbeiteten mehr als zehn Jahre lang mit redaktionellen Aufgaben in der Stuttgarter Zeitung als Kritiker für Neue Musik und Rockmusik gleichzeitig, ein Novum in der deutschen Presselandschaft. Haben Sie das Kritisieren und Zeitungsschreiben nun ganz aufgegeben?

Nicht ganz, aber fast.

Warum?

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Rockkonzert. Tausende von Menschen um Sie herum jubeln, sind glücklich, haben sich auf den Augenblick gefreut. Und diese Leute sollen tags darauf in der Zeitung lesen, weil es tatsächlich so war: schlecht gespielt, miese Musik, einfallslose Texte. Ich konnte es einfach nicht mehr schreiben. Alles wird so relativ.

Ich habe mich dann in den Stil geflüchtet. Es hat mir Freude gemacht. wenn man mir vorwarf aus meinen Artikeln wäre keine Meinung mehr herauszulesen. Sollte man ja auch nicht. Jeder hat seine eigene Meinung, und die ist richtig.

Sie haben gleichzeitig angefangen, Akrostichen in die Artikel einzubauen.

Ja. Aus Langeweile. Alles kam mir so sinnlos vor, die Beschreibungen von klassischer Musik, immer wieder dasselbe, Opern, neue Musik. Da war nichts mehr neu, alles nur noch Klischee, nachgemacht, Akademismus. Internationaler Stil nennt man das in der Architektur. Wichtiger waren mir ab einen bestimmten Punkt dann tatsächlich die verschlüsselten Botschaften, die ich in die Texte mit einiger Mühe eingebaut habe.

Wo haben Sie sie veröffentlicht?

In Fachzeitschriften wie der “Neuen Zeitschrift für Musik“ oder dem “Orchester“ sind sie mir besser gelungen. Da hatte ich genug Zeit zum Nachdenken. Aber auch in der taz habe ich gelegentlich welche erfunden.

Wieviele dieser Akrostichen haben Sie zustande gebracht?

So etwa 25. Besonders stolz bin ich auf ein lateinisches Palindrom, “In girum imus nocte et consumimur igni“, im Kreis gehen wir nachts und werden vom Feuer verzehrt. Diesen Satz habe ich in einen zweiteiligen Aufmacher über die Stuttgarter Disko-Szene eingebaut. Nur hat Gerhard Stadelmeier, damals noch in der StZ, mein so schön gebasteltes Werk durch eine andere Anordnung der Abschnitte wieder zerstört

Wusste er von Ihrer Absicht?

Nein. Niemand wusste davon. Nur zwei, drei Leute. Stellen Sie sich vor: zweihundert, dreihunderttausend Mal läuft ein ganz persönlicher Satz durch die Druckerpressen, steckt in den Zeitungen, und niemand außer Ihnen weiß davon. Das ist Kunst, meine ich, unabhängig sein von Geld, Erfolg oder der Zustimmung des Publikums.

Dann haben Sie die Seite gewechselt und selbst den Kompositionsstift gezückt. Machen Sie es besser als Ihre kritisierten Künstlerkollegen?

Das weiß ich nicht. Darum geht es auch nicht. Überhaupt nicht. Was ist gut, was ist schlecht? Ein Anruf Kai Petersens vom AriosoQuartett jedenfalls hat mich wach gerüttelt. Uns verbindet vielleicht ein ähnlicher Musikgeschmack, Rockmusik und Klassik gleichermaßen.

Ich habe einige Jahre in Rockgruppen gespielt, mit dem ScorpionsSchlagzeuger zusammen einmal die Woche in der Schauspielschule improvisiert, war aber auch in einem klassischen Orchester und in einem Ensemble für Neue Musik engagiert. Wir haben auf Steinen rumgeklappert, Musikgrafiken interpretiert und die Leute schockiert; es war ganz lustig. Musique concrète hat man das genannt.

Mich stuft Kay Petersen immer noch, selbst in der Klassik, als “Underground“ ein. Er war Konzertmeister im SDR-Sinfonieorcheser, hat aber seine populäre Ader nicht vergessen. Ich soll ein Streichquartett komponieren, sagte er am Telefon. Und es ging tatsächlich, ganz leicht, dreißig Minuten Musik. Die Uraufführung fand am 3o.4.95 auf dem SWF-Festival für Neue Musik in Rottenburg statt.

Minimal Music, Werke etwa von Phil Glass, die das Quartett im Programm hat, zählt ja eher zur Popmusik als zur Klassik.

Ich weiß nicht, ob man meine Musik als “minimalistisch“ bezeichnen kann. Mir gefallen zwar die Ideen von Karel Goeyvaerts, und manche Stellen im Felix-namque – Quartett sind tatsächlich minimalistische Klischees, der Zuhörer wird sie leicht wieder erkennen können. Andererseits denke ich, dass gerade der historistische Zitat- und Bearbeitungs-Ansatz eher europäisch ist.

Immerhin stammt die Kompositionsvorlage aus dem 16. Jahrhundert und war damals schon eine Bearbeitung. Ich habe beim Schreiben auch an Umberto Eco gedacht, seine Art, Vergangenheit und Gegenwart, Populäres (Kriminalroman) und Anspruchsvolles zusammenzubringen.

Dann habe ich mir beim Hören der Musik aber auch Kalifornien vorgestellt mit diesen melancholischen und wie schöne Skulpturen in der Landschaft stehenden Hochhäusern. Irgendwie scheint mir alles dort von einer Schwermut verzaubert, auch wenn es reibungslos funktioniert.

Die Kompositionen tragen den Titel “Felix namque“, “Glücklich freilich…“

Der Titel stammt ebenso wie die Musikvorlage aus einer lateinischen Marienmesse, die Thomas Tallis als cantus firmus benutzt und für Tasteninstrument bearbeitet hat. Im Offertorium gibt es ein Gebet an die Jungfrau Maria, dass sie sich glücklich schätzen soll, den Urheber von Gerechtigkeit und Wahrheit in die Welt gesetzt zu haben.

Ein Streichtrio haben Sie mittlerweile im ähnlichen Stil komponiert.

Ja. Auch wieder diese gebrochene und mit Erinnerungen zersetzte Bearbeitung einer Bearbeitung aus dem 16. Jahrhundert; Wohlklang Harmonie und Statik gleichermaßen. Aus dem gleichen Material ist noch ein Duo für Geige und Cello sowie ein Solo für Bratsche im Entstehen.

In einer abendfüllenden Aufführung können alle vier Teile der Komposition in steigernder oder abnehmender Reihenfolge vorgetragen werden (Quartett, Trio, Duo, Solo). Die zweite Variante gibt dem Konzert einen eher mystisch-spirituellen Charakter (Solo am Schluss), während die steigernde Fassung mehr Anforderungen an den Beginn stellt, ansonsten aber in herkömmlichen Bahnen verläuft. Auch alte Instrumente sind willkommen. Das Trio habe ich auch in einer strengen Fassung für Orgel oder andere Tasteninstrumente bearbeitet.

Die Uraufführung der Streicherfassung in der Stuttgarter Reihe “Musik der Jahrhunderte“ am 18.11.95 geht auf eine Initiative von Hans-Peter Jahn vom Süddeutschen Rundfunk Stuttgart zurück.

New-Age-Musik?

Die Musik fließt dissonanzlos eine halbe Stunde dahin, eine Zeitreise durch mehrere Stile und Epochen. Manche Zuhörer machen tatsächlich die Augen zu und träumen sich in dieser Harmonie irgendwohin. Auf jeden Fall ist es keine expressionistische Musik, die aufschrecken oder verwirren will.

Wie geht’s weiter mit dem Komponieren?

Ich vergesse meine andere Schiene nicht. Ein zweites Buch über Musik ist fertig, eine Ausstellung mit Musikgrafiken aus den “wilden Siebzigern“ in Vorbereitung. Ein Orchesterstück ist in Arbeit, es ist bereits komponiert, muss nur noch instrumentiert werden. Dazu wird es auch eine Techno-Fassung mit Video vielleicht geben, wenn alles klappt. Und die beiden Bände Klaviermusik von früher müsste ich auch mal wieder ausgraben.

Genug zu tun also. Vielen Dank für das Gespräch!


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