Tanzen und mit der Sinnlosigkeit spielen

Interview mit Reinhold Urmetzer

Frage: Was lange währt –

Antwort: Es hat tatsächlich etwas länger gedauert dieses Mal mit der Zusammenstellung des „Musikbuches“. Obwohl so viel Material sich im Laufe der Zeit angesammelt hatte. Teils lag es an Problemen mit dem Layout und Druck, teils aber auch an dem aufwendigen Korrekturlesen, das von den Korrektoren schon einiges an Wissen, Geduld und Konzentration abverlangt hat. Ein Büro in München hatte die Arbeit ganz aufgegeben, wohingegen sich Elisabeth Spiecker vom ZKM Karlsruhe mit bewundernswerter Geduld durch die heterogenen und manchmal auch sehr fachspezifischen Textpassagen hindurchgearbeitet hat.

Um was geht es in Ihrem neuen Buch?

Das Buch enthält die Summe meiner Erfahrungen, die ich mit Musik machen konnte, als Erfinder, als Interpret, als Beschreiber, Dolmetscher, Kritiker. Es geht u.a. um‘s Klavierspielen und um die Neue Musik, um Rockmusik und Begegnungen mit Komponisten wie Stockhausen, Rihm oder Bussotti, und es geht auch um Schopenhauers Musikphilosophie.

Immer wieder gibt es aber auch poetische und fast surreale Texteinschübe, welche die Stringenz des Gesamten brechen und den Text öffnen für andere Zugangsmöglichkeiten.

Sie zitieren am Ende, quasi als Vorbereitung zum Besuch der „Stahlstadt“, Koryphäen des Musiklebens, verantwortliche Rundfunkredakteure wie Josef Häussler von den „Donaueschinger Musikfestspielen“, oder Clytus Gottwald, seines Zeichens zuständig für Neue Musik am Stuttgarter Rundfunk.

Unsere Wege haben sich des Öfteren gekreuzt. Beide Personen haben einen wichtigen Beitrag in ihrer Zeit für die Akzeptanz der Neuen Musik geleistet.

Und dennoch proklamieren Sie im Kapitel über die zeitgenössische Musik das Ende dieser Musikgattung.

Als ironische Provokation.

Im Stockhausen-Aufsatz, auch im Bericht über Bussotti werden Sie feststellen, dass es mir weniger um den Untergang der Neuen Musik als eher um das Ende eines bestimmten historischen Zeitstils geht.

Ich habe bei der Abfassung des Textes sehr intensiv Baudrillard gelesen und mich von dessen Stil inspirieren lassen.

Gibt es auch diesmal wieder keine Kompromisse, was Ihren Stil betrifft?

Nein, keine Kompromisse was die sogenannte „Verständlichkeit“ meiner Sprache oder das Vermitteln von „Sinn“ betrifft. Besonders gut gelungen ist mir dies, wie ich glaube, in dem Kapitel über die Rockmusik, genauer im Abschnitt über die Diskokultur der Gegenwart. Es war in der Bretagne, wo ich den Text geschrieben habe, in einem kleinen Fischerstädtchen. In der einen Hand Baudrillards neues Denken und seine ironisch-provokativen „Fatalen Strategien“, in der anderen mein Manuskript über die Rockmusik mit dem lustigen Titel
„Öl – Was bleibt uns vom Absoluten?“ – eine Anspielung übrigens auf die zweibändige experimentelle Abhandlung Derridas über Hegel und Genet. Ich bin dabei tatsächlich in ein Delirium des Denkens und Fabulierens gekommen, wie ich es selten nur erlebt habe.

Ein Zitat aus dieser Zeit ziert jetzt die Rückseite des Buchcovers: „Wir sollen tanzen. Das heißt: mit der Sinnlosigkeit spielen“ und so weiter.

Gerade wegen solcher „delirierender“ oder auch „dekonstruktiver“ Stellen, die in allen drei Bänden Ihrer Ästhetik vorkommen, unterstellt man Ihnen oft, die Texte seien im Drogenrausch entstanden.

Nein.

Weder im Drogen- noch in sonst einem Rausch. Das Schreiben selber führt mich in eine gewisse Art von Delirium, das ich dann nicht mehr beeinflussen kann.

In meinem Blanchot-Buch „Landschaft mit Martyrium der Heiligen Katharina“, das fast fertig ist – es geht dort, rein äußerlich gesehen, um eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela – war ich am Ende tatsächlich so verzweifelt, dass ich mir über den Schluss des Buches nicht klar werden konnte. Soll nun die Kathedrale in Spanien stehen und existieren, oder soll sie, dieses heute noch so stolze Ziel vieler Pilgerscharen, als Ruine angetroffen werden? Ein Ende also von Hoffnung, Illusion und Glauben.

Auch im ersten Band der Ästhetik, im „Photobuch“, kommen solch schwermütige und kaum entschlüsselbare Szenen vor.

Ja, zum Beispiel in den
„Zwölf Sinaitafeln“, einem Text über die Steine von Gracia Saccitelli. Ich hatte mich im Winter für einige Tage in den verschneiten Schwarzwald zurückgezogen. Und war sehr verliebt, aber auch sehr verzweifelt. Ich hatte Photographien von den Stein-Skulpturen der Künstlerin, die sie mir geschenkt hatte, dabei und sollte sie interpretieren, das heißt einen Text darüber schreiben. Daraus ist dann eher eine subtile Liebeserklärung und sehr verschlüsselte Liebesaffaire geworden, weniger ein diskursiver Text für eine Kunstgalerie. . .

…der sich dann auf dem Rockfestival an der Loreley zu einem kleinen Katastrophen-Szenario entwickelt hat.

Der Loreleytext, ein Begleittext zu den
„Zwei Blumen“ im „Kunstbuch“, dem zweiten Band der Ästhetik, ist in direktem Gegensatz zu den „Sinaitafeln“ zu einer rationalen Aufarbeitung und Anamnese dieser Liebe geworden.

Sie springen in Ihrem Stil und den Gestaltungsmöglichkeiten immer wieder hin uns her. Vom Rationalen zum Poetischen, vom Surrealen zur Fachwissenschaft, auch der dadaistische Humor und Zufall kommt dann und wann ins Spiel. Hängt das mit Ihrer Vorliebe für die Gattung Rede zusammen? Immerhin sind fast alle Ihre Texte aus einer konkreten Redesituation heraus entstanden.

Vielleicht. Der Habermas-Text im „Kunstbuch“ ist tatsächlich sehr extravagant, übermütig-verspielt, auch provokativ. Wenn man sich vorstellt, dass ich diese subtile Parodie einer Habermas-Interpretation und ohne dabei auch nur einen Moment in Unsinn zu verfallen im Stuttgarter Landtag anlässlich einer Kunstausstellung der Grünen vorgetragen habe, dann gehört schon eine große Portion Mut dazu.

Aber diese Form von Rede, auch im Sinne der antiken Rhetorik, praktiziere ich schon viele Jahre lang. Das heißt, ich bin in der Übung, mein Publikum herauszufordern und zu unterhalten.

Sie wollen unterhalten?

Ja. Als Redner schon. Die Veranstaltungen werden nach einer bestimmten Zeit immer wieder von Live-Musikbeiträgen unterbrochen, meist aus dem Bereich der klassischen oder neuen Musik, um das Publikum nicht zu sehr zu verblüffen.

Warum sind Ihre Texte so heterogen?

Gerade deshalb. Um zu verblüffen, vielleicht auch zu verwirren. Ich verwende auch in der Sprache verschiedene Tonarten. Ihre Vielfalt macht jedes Musikstück anders, bunter und vielfältiger.

Sind Sie also ein Sprach-Musiker?

Es sind zwei Traditionen, die ich aufgegriffen habe und die mich beeinflussten. Die späten 60er Jahre mit ihren Experimenten. Fast alle Popkünstler haben multimedial gearbeitet im Sinne von Synästhesie. Die Musiker waren immer auch Texter, Lyriker, Poeten. Oft kamen sie darüber hinaus auch noch als Zeichner oder Maler von Kunstakademien, etwa John Lennon und Bryan Ferry.

Und dann die 80er Jahre mit ihrer Auseinandersetzung um die sogenannte Postmoderne.

Sind Sie ein postmoderner Künstler?

Ich sehe mich eher in der Tradition der Popart, ihrer Kreativität, im Spielerisch-Verspielten. Auch das multimediale Zusammenwirken gab es immer wieder in der Kunstgeschichte.

Für welche Zielgruppe arbeiten Sie?

Es sind schon Künstler und Philosophen, Musiker, Maler, Schriftsteller. Aber auch Menschen, die Freude an einer gestalteten Sprache haben, die sich mit ästhetischen Finessen und Tricks auskennen. Wissende also, die kunstvolle Verschlüsselungen aufbrechen und dekodieren können und Freude an Hermetik haben.

Nicht so sehr Intellektuelle, die wissen wollen, wie schöne, gute, politisch korrekte Kunst und so weiter zu sein hat. Auch wenn in den drei Bänden der Ästhetik genug Zündstoff für eine andere Ästhetik, auch eine andere zeitgemäße Kunst vorhanden ist.

Haben Sie Vorbilder?

Es gibt viele, die mich von Fall zu Fall interessieren. Immer wieder andere, wie in der Musik. – Spontan fallen mir in der Literatur jetzt Edmond Jabès und Henry James ein.

Welches von den drei Ästhetik-Büchern ist Ihnen am liebsten?

Ich glaube das „Photobuch“. Es ist am hermetischsten.

Das Kapitel über die „Zwölf Sinaitafeln“ steckt sprachlich am reinsten in der Extravaganz. Es verzichtet auf Wissen, auf Belehrung, auf Weisheit und Wahrheit und kreist nur um sich selbst. Das heißt auch: um mich. Denn immer wieder wird der Text durchbrochen und durchsetzt von Zeichen der Verliebtheit, von Sehnsucht und Begehren.
Auch die im „Photobuch“ entwickelte Idee des
„Postamerikanismus“, entwickelt immerhin bereits 1990, halte ich für diskutabel.

Ebenso gefällt mir dort der literarische Exkurs zu den „Engeln aus Feuer und Eis“, seine paradoxe Logik im Sinne Blanchots, die dennoch nicht veraltet und sogar jetzt wieder m.E. sehr aktuell geworden ist. Diese paradoxe Logik habe ich im „Musikbuch“ im Kapitel über den „Verbrauchten Blick“ noch weiter geführt bis an eine Grenze des Verständlichen vielleicht.

Sie arbeiten immer wieder auch mit anderen Künstlern zusammen.

Der
„Gegenliebe“Aufsatz im „Musikbuch“ ist einer der ersten Aufsätze in diesem dekonstruktiven Stil, eine Auftragsarbeit für den Baden-Badener Maler Rainer Braxmaier, entstanden in den Pausen und Zwischenstunden während der Donaueschinger Musikfestspiele. Es war ein warmes Spätherbst-Wochenende. Ich sitze in meinem Quartier, weit abgeschieden von der Stadt und ihren modernen Experimenten. Wolfgang Rihm kommt vorbei und wir besprechen dies und das –

„Das Tanzen“, ein kleiner, kurzer Text, enthält komprimiert etliche Stilmittel, die ich in den drei Ästhetik-Bänden immer wieder anwende und ausbreite. Darunter auch die Blanchot’sche Methode, grammatisch ganz einfache Sätze zu bilden, die jedoch semantisch oder in ihrer Bildebene schwer zu verstehen sind.

„Klavierspielen“ – worum geht es in diesem Text?

„Klavierspielen“ handelt vom Leistungsdruck, dem die klassischen Instrumentalisten ausgeliefert sind, ihrem Eingesperrtsein in fast unmenschliche Kategorien und Erwartungshaltungen und so fort. – „Über Stil, Künstlichkeit und Spiel“, ein Text über die Musik Wolfgang Rihms und gleichzeitig mit einer ebenfalls bis ins Irrationale ausgedehnten Interview-Publikation entstanden, ist ein früher und sehr experimenteller Essay, der immer wieder über die Musik dieses Komponisten „deliriert“.

Sie haben jetzt sehr detailliert und genau Ihre Texte beschrieben, die manche Menschen etwas ratlos zurückgelassen haben. Warum erklären Sie die Texte erst jetzt?

Ich denke, Kunst ist immer mehrdeutig. Jedes Verstehen, jede Interpretation ist subjektiv und braucht meine Unterstützung nicht; im Gegenteil. Es wird auch Menschen geben, die mich besser verstehen können als ich mich selbst verstehen kann, die manche „unverständliche Stellen“, die es sogar für mich gibt, leicht entschlüsseln, dechiffrieren werden, und sei es auch nur mit Hilfe der Psychoanalyse.

Jetzt, wo die ganze Ästhetik mit ihren drei Bänden abgeschlossen ist und ich bin sehr zufrieden damit, denn sie geht literarisch auch einen neuen Weg, zeigt eine neue Spur auf, jetzt kann ich Hinweise darauf geben, wie ich die drei Bücher verstanden habe.

Nicht wie ich sie verstanden haben will – denn ich will keine Belehrungen abgeben, wie’s steht mit der Kunst oder wo’s lang gehen soll mit der Schönheit – sondern meinen Blick auf diese Texte will ich deutlich machen. Da die Ratlosigkeit bei manchen Zeitgenossen tatsächlich groß war, habe ich mich zu diesem Hilfsmittel entschlossen.

Etwas anderes ist es bei meinen Vorträgen: Als Redner versteht man mich leichter. Man hört meine Sprache, die Intonation der Worte, beobachtet das leise Lächeln bei den ironischen Stellen und so fort. Die einzelnen Kapitel der Bücher vorgelesen sind deshalb ein sinnliches Erlebnis, das durch die Musikbeiträge noch verstärkt wird und deshalb auch weniger Anforderungen stellt, als sich durch einen manchmal gewollt komplizierten Satzbau durchkämpfen zu müssen.

Gewollt schwierig? Das hört sich nach Manierismus an.

Eine gewisse Portion Manierismus gehört tatsächlich dazu. Wir sind „Endzeitler“. Wir leben am Ende einer Epoche, in einer Übergangszeit. Die Unruhe ist groß. Das neue Zeitalter deutet sich an, über unsere Zeit und die Vergangenheit wird von den Nachgeborenen in nicht allzu ferner Zukunft eine Bezeichnung gefunden werden. Diese Zukunft zeigt sich auch schon bruchstückhaft dann und wann.

Im Guten oder Schlechten?

In Beidem. Auf jeden Fall auch in unfassbar Neuem, etwa in der Informationstechnik oder der Reproduktions-Technologie. Menschen-Züchtung wird wieder ein Thema werden. Auch wer züchtet die Züchter, das uralte Thema der Polis und der Politik. Wie kann Macht und Herrschaft verteilt werden, so dass sich Gerechtigkeit einstellt.

Sind Ihre Texte Wissenschaft oder Kunst?

Ich denke beides.

Vorbild waren mir französische Autoren wie Michel Serres, Roland Barthes und andere. Am meisten fasziniert bin ich von Maurice Blanchot. Natürlich ist sein paradoxes Denken schwer, fast gar nicht zu verstehen im landläufigen Sinn. Sein Einfluss ist sehr deutlich in meinem Buch „Landschaft mit Martyrium der Heiligen Katharina“ zu finden.

Auch „Vom Wohlleben“, ein Buch, das bald fertig sein wird, enthält eine Übersetzung meinerseits von ausgewählten Blanchot-Textstellen, damit man diesen in Frankreich sehr einflussreichen Autor auch hierzulande einmal kennenlernt.

Vom Stil her, auch was die Form meiner Texte betrifft, etwa das Aufspalten einer Seite manchmal in zwei Teile, haben mich ebenfalls die Franzosen beeinflusst. Wie ich überhaupt die Philosophen dort besonders schätze, allen voran Derrida und Baudrillard als Schriftsteller mit ihren witzigen und manchmal auch parodistischen Provokationen.

Dann sind Sie vom Saulus zum Paulus geworden, wenn man Ihre Apel-Habermas-Tradition betrachtet.

Nichts gegen Apel und Habermas.

Ich habe nur drei Personen in meinem Leben getroffen, die ich uneingeschränkt bewundert und geschätzt habe. Das ist einmal Robert Jungk mit seiner „Zukunftswerkstatt“, die ich in den 70er Jahren mehrmals am Ossiacher See besuchen durfte. Das ist Clemens Kremer, mein Kompositionslehrer an der Musikhochschule Saarbrücken, dem ich meine Liebe zu Satie, Duchamp, zu Dadaismus und zum Humor überhaupt, auch was die französische Lebensweise betrifft, verdanke.

Dann aber auch Karl Otto Apel, dessen Vorlesungen und Seminare ich mit großem Interesse besucht habe. Alle diese Menschen haben mich eher noch durch ihre Persönlichkeit, Menschlichkeit, durch ihren Enthusiasmus für eine Sache begeistert als durch ihr Wissen oder Können.

Sind Sie ein Philosoph?

Ein Schriftsteller bin ich, ein Schreiber. Vielleicht auch ein Privatgelehrter im alten Sinn.

Ich habe François Lyotard in der Stuttgarter Galerie Kubinski im Interview für die Berliner taz mit ironischem Hintersinn gefragt, ob er ein „postmoderner Philosoph“ sei. Lyotard war ja mit seinem Buch „Das postmoderne Denken“ weltweit und vor allem auch in den USA der eigentliche Popularisierer der postmodernen Bewegung, der postmodernen Philosophie geworden.

Er hat geantwortet: teils teils.

Ich glaube, wenn ein Mensch über das Denken, über Schönheit, Wahrheit und Gerechtigkeit nachdenkt, dies in Schriftsprache oder in gesprochene Worte fassen kann, dann ist er ein Philosoph. Wie viele, ja unzählige andere Menschen übrigens auch.
Selbst wenn sie keine Bücher schreiben oder schreiben können.

Die meisten „akkreditierten“ Philosophen sind Philosophie-Historiker.

Sie schaffen es, verschiedene Kunstsprachen der Philosophiegeschichte zu verstehen und, wenn es hoch kommt, auch ihren Studenten oder der Bevölkerung verständlich zu machen, das heißt diese Texte in die Sprache der Gegenwart oder der meist studentisch – akademischen Lebensform zu übersetzen. Auch das ist wichtig.

Doch sie sind keine Philosophen, wie ich den Begriff verstehe, kreativ einen eigenen Weg zu gehen, eine eigene, vielleicht sogar neue Spur zu legen im Labyrinth der Sprachen und der Lebensformen. In diesem Punkt bewundere ich auch sehr die Haltung Nietzsches.

Kann man Ihre Bücher als den Versuch einer postmodernen Ästhetik bezeichnen?

François Lyotard hat in seiner „Mauer des Pazifik“ oder in seinem Duchamp-Buch „Die Transformatoren Duchamp“ den Grundstein gelegt.

Der Begriff der Postmoderne ist in Deutschland in Misskredit geraten. Leider zu Unrecht. Er lebt munter weiter in den USA, in Japan, Asien. Die Postmoderne hat mittlerweile mit ihren esoterischen Extravaganzen sogar das Fußvolk hierzulande und weite Bevölkerungsteile erreicht, nur nicht die akademischen Zirkel.

Der germanische oder protestantische oder vielleicht auch preußische Rationalismus, nennen wir ihn einmal so, ist m.E. am Ende. Er sitzt in einer eher langweilig-isolierten Ecke der Welt und leckt seine Wunden. Ausnahmen gibt es immer wieder.

Auch die analytische Philosophie der Angelsachsen ist in einer Sackgasse festgefahren. Auch dieser Fels von Wissenschaftsgläubigkeit und sogenannter Rationalität ist am Wanken. Wer vertraut heute bedingungslos Berechnungen darüber, was wahr oder falsch sein kann, etwa in der Kunst oder in der Politik?

Wer glaubt noch den sogenannten Daten über die Entwicklung der Wirtschaft?

Wie kann man Klimawandel, Liebe oder Glück, selbst noch die Auseinan-dersetzungen von Arm und Reich in die Sprache der Zahlen, in Rechenoperationen von 0 und 1 zerlegen und darauf sein Weltbild stützen, den Glauben oder Nichtglauben an Gott, an die Möglichkeit von Verstehen und Verständigung?

Habermas und Apel, zwei typische Vertreter der europäischen Moderne, halten noch das Fähnlein der Konsenstheorie hoch, einen Ableger von Marxismus und christlicher Ethik. Vor allem Apel, wenn er an verallgemeinerbare Werturteile und an den diskursiv erfahrbaren Sinn von Philosophie glaubt und sich argumentativ dafür einsetzt, scheint der einzige Antipode im internationalen Alles-geht-Zirkus zu sein.

Überall ist doch das traurige Erbe Nietzsches und seiner Endzeitstimmung zu entdecken, jetzt einmal negativ gesehen.

Oder positiv ausgedrückt: Im weltweiten Pluriversum der Sprachspiele und Lebensformen kann mittlerweile jeder machen, was er will.

Alles geht, auch der Nihilismus, auch der Anti-Rationalismus; Schamanismus, Gruppensex und Papstfeierlichkeiten miteinbegriffen.

Das hört sich jetzt sehr pessimistisch an.

Das ist unsere verfahrene Situation, die sich in der Gleichwertigkeit von Antithesen ebenso spiegelt wie in der Unfähigkeit, Bücher oder Zeitungen lesen zu können oder auch nur Sätze mit zwei Nebensätzen verstehen zu können, verstehen zu wollen. Das Letztere ist das Wichtigere.

Vielleicht schreiben wir tatsächlich nur noch Bücher für Bibliotheken und Bibliophile. Vielleicht ist es auch schon zu spät. Das Verstehen komplexer Zusammenhänge gelingt nicht mehr.

Derrida hat in einer kulturpolitischen Kampagne im Paris der 80er Jahre „Noch mehr Philosophie!“ verlangt, noch komplexere Texte bis hin – gerade bei ihm – zu einem Manierismus der Überkomplexität, wie wir ihn vielleicht in der Barockzeit oder im Zeitalter der Klassik das letzte Mal hatten. Eine bewusste Antithese zur Verdummung von Sprache und Denken. Denn auch die allumfassende „Verbilderung“ unserer Gegenwart ist eine Form von Verdummung.

Bilder, sogar Filme dringen m. E. nur selten zur Wahrheit, zu einer verallgemeinerbaren Wahrheit vor. Macht und Manipulation, das wird uns weiterhin und immer mehr beschäftigen. Nicht Rationalismus versus Irrationalismus oder neu aufgeklärte Moderne im Habermas‘schen Sinne versus Postmoderne.

Was ist dann die Aufgabe der Künstler?

Was bleibt ist eine politische Aufgabe, die wir aus früheren Zeiten noch gut kennen: die Konditionierung der Massen zu beobachten und zu beschreiben, dass sie nicht aufbegehren gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit, wie sie ruhig bleiben, einkaufen gehen und Geld ausgeben für solche Produkte, dei uns die zahlreichen Plakate und Fernsehsender einreden wollen.

Sie sehen, wir sind schon mittendrin im hinteren Kapitel des „Musikbuches“, wo es sehr stark um Freiheit und Fremdbestimmung geht.

Warum veröffentlichen Sie Ihre Werke nicht in einem großen Verlag?

Einen Verkäufer seiner Kunst zu finden, dazu muss man ein bestimmtes Talent besitzen. Das Klinkendrücken, der Gang auf den Markt, die Marktschreiereien, Skandale oder auch nur das Auf-sich-aufmerksam-machen-Können, das ist eine Mentalitätssache und eine eigene kreative Leistung. Die Konzeptart lebt ja mittlerweile davon.

Wie viele Popmusiker habe ich mich für ein „Indie“, ein Independent Label entschieden, eine kleine, überschaubare Einheit und mit direkten Einflussmöglichkeiten unabhängig von Mode oder finanziellem Zwang.

Ich mache, um mit Nietzsche wieder zu reden, „Kunst für Künstler“. Künstler machen nur für Künstler Kunst, sagt er. Das bedeutet: für eine kleine Menschengruppe, selbst wenn jeder Mensch, wie Beuys glaubt, ein Künstler ist. Davon kann aber kein kommerziell ausgerichtetes Wirtschaftsunternehmen leben.

Ich will die jungen Leute ermuntern, neue und unabhängige Medien zu benutzen und sich nicht dem Diktat der Besserwisser zu beugen. Gleiches und noch viel intensiver vollzieht sich ja gerade im Popbusiness, wo die unabhängigen Labels oft mehr Qualität, nicht Quantität zu bieten haben.

Ganz schlimm sieht es m.E. im Kunst – und dort besonders im Galeriebetrieb aus. Da mittlerweile alles geht und die Kriterien von Gut und Schlecht verworren und vielfältig geworden sind, herrscht dort die reine Diktatur der Meinungsautokraten, „Entscheider“ und Geschäftsleute.

Was sind Ihre weiteren Pläne?

Die
„Gespräche mit Zeitgenossen“ müssten überarbeitet und veröffentlicht werden, darunter interessante Interviews mit Wolfgang Rihm, François Lyotard, Niklas Luhmann, die in verschiedenen Tageszeitungen erschienen sind.

Aber auch von mir ganz vergessene Künstler wie den Theatermacher Bob Wilson, den Musiker und Schauspieler John Lurie („Stranger than Paradise“) oder den Rockmusiker Herman Rarebell von den Scorpions sollte ich wieder hervorholen.

Ich denke zurzeit auch über die „Sinnfrage“ nach. Die Idee des Pluriversums wird ausgebreitet in die Gesellschaftstheorie. Im Kapitel über die Lust als Lebenszweck habe ich auch wieder alte und so einflussreiche Freudo-Marxisten wie Wilhelm Reich ausgegraben.

Keine abgedroschenen Themen also, sondern es geht immer wieder auch um Platon, Heidegger begegnet Camus, es geht um die Jugend, um Verstehen und Nichtverstehen, um Liebe –

Wieder Ihre Themen also! – Wir sind gespannt.
Wünschen Sie Kontakte mit Ihren Lesern? Wir könnten einen
Internet-Forum für Sie einrichten.

Gerne. Aber bitte die Namen dabei nennen!

Nicht sich mit diesen albernen Pseudonymen oder Wortmasken zu Wort melden, als wenn man sich hinter der eigenen Meinung, dem Mut zur eigenen Meinung verstecken und Angst vor den Folgen des eigenen Denkens haben müsste.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Gespräch führte Alexei Chibakov

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