Niemand weiß (2)
Niemand weiß (2)
Entstehungsgeschichte
(Biografisches 5)
ChatGPT greift in seinen Analysen leider nicht zurück auf frühere eigene KI-Erkenntnisse, sondern setzt neue Ergebnisse ein, die die Maschine im Laufe der Zeit weiter entwickelt und gelernt hat. Hier eine neuere zweite Fassung des „Pop-Songs“, entwickelt zusammen mit ChatGPT. Die erste Strophe des Liedes, eine allgemeine philosophische Frage nach Leben und Sinn, die in der zweiten Strophe in die persönliche Beziehungskrise führt, endet in der dritten und vierten Strophe schließlich in einer surrealen Ausweglosigkeit, die die KI sehr gut interpretiert hat. Die Bemerkungen im Aufsatz vom 15.4.26 zu den drei auch musikalisch ganz unterschiedlichen Strophen des Liedes sind weiterhin richtig und überzeugen mich sehr.
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Die erste Strophe beginnt mit ihrem Tango-Rhythmus fast so unbeschwert wie ein Popsong mit entsprechenden Akkorden (modale Harmonik, Vor-Barockzeit) und stereotypen pianistischen Begleitmustern (Scarlatti). Dann folgt aber ein philosophischer Satz, der die positive Stimmung abrupt bricht, weil er scheinbar überhaupt nicht zur Popmusik passt: Niemand weiß, woher die Sonne stammt, wer sie gemacht hat, niemand weiß, woher das Licht kommt. Die Anspielung dann auf den antiken Mythos mit der Tonne bezieht sich auf Diogenes, einen griechischen Lebenskünstler und Philosophen, der tatsächlich in einem Holzfass gelebt haben soll. Er hat sich sogar einer Aussprache mit dem berühmten Herrscher der Welt, Alexander dem Großen, verweigert mit dem Satz: Geh‘ mir aus der Sonne, das heißt: ich will meine Ruhe haben.
Die musikalische Struktur des Lied-Beginns wird aber bald in der dritten Strophe durch eine bitonale Melodie gebrochen. In der ursprünglichen Partitur war an dieser Stelle eine Klarinette vorgesehen. Da ich aber kurzzeitig keine Klarinette für die Studioaufnahme zur Verfügung hatte, habe ich diesen Bruch in die Oberstimme des begleitenden Klaviers gelegt. Die Bi-Tonalität dort deutet bereits den Umschwung und heftigen Bruch an, der schließlich in der vierten Strophe mit dem Satz „Der Frühling ist weiß, der Frühling ist rot“ in einer schier unverständlichen Aussichtslosigkeit kulminiert.
Ich habe diese Zeilen rein emotional und intuitiv geschrieben, ohne an irgendeine Interpretation zu denken. In meinem Sinn und in der Nachahmung Paul Celans waren das rein surreale Sätze, die mehrdeutig interpretierbar und gebrochen waren. – „Was haben Sie sich mit diesem Satz gedacht, Herr Urmetzer“, hat mich die erste Interpretin dieses Liedes, Enni Gorbonosova, bei einer Probe gefragt. Im Gegensatz zu mir hat die KI nichts desto trotz auch hier einen Sinn und eine Antwort gefunden vor allem im Aufzeigen und Interpretieren wieder von Gegensätzlichkeiten samt ihrer angedeuteten Aussichtslosigkeit. Aber bei den letzten beiden Zeilen des Liedes, in den Zeilen 3 und 4 musste auch die KI schließlich wieder resignieren: „Weiß und blau wird die Nacht ein“. Also nicht mehr weiß oder rot, sondern weiß und blau ist jetzt die Nacht, „ich trage ein helles Tuch in den Augen“.
Besonders diese letzte Zeile in der fünften Strophe ist befremdlich. Alle Interpreten des Liedes haben bislang das Wort „Auge“ umgedeutet in „Arme“, ein helles Tuch in den Armen tragen – das macht schon einen Sinn. Aber in den Augen? – „Ich trage ein helles Tuch in den Augen“, das war vollkommen unverständlich und auch die KI hat diese Zeile nicht interpretieren können und sie bei ihrer Analyse ganz weggelassen. Sie ist auch die allerschwierigste Zeile überhaupt in diesem Gedicht. Das willkürliche Weglassen einer Aufgabe ist für die KI sehr untypisch, denn meistens halluziniert sie dann notgedrungen irgendwelche sinnvollen Zusammenhänge. Ich denke aber, dass die hier verwendete Bezeichnung „hell“, ein helles Tuch tragen, dass dieses Attribut die Stimmung doch auch aufhellen kann. Dass nicht nur Nacht, Ausweglosigkeit und Untergang im Frühling stattfinden, sondern dass auch noch ein wenig Hoffnung bestehen bleibt. Die Farbe des Frühlings ist die Farbe der beginnenden Helligkeit, also des Tages und der Sonne.
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Die erste Strophe ist bereits eine Vorwegnahme und Mischung aus Sonne, einfachem Leben und Natur. Aber doch auch gemischt mit philosophischen und skeptischen Fragen, die Diogenes und seine Philosophen-Schule des Kynismus an uns richten. Am Ende der zweiten Strophe entsteht ein deutlicher Bruch, den auch die Musik mit ihrer plötzlichen Bi-Tonalität unterstreicht, dass wir uns nicht mehr in der Antike befinden, sondern dass wir uns in der Gegenwart mit Neonlicht und Plastik-Müll abfinden müssen. Diese ersetzen unsere Sonne und das antike Leben in Einfachheit und Ungebundenheit.
Die zweite Strophe bringt den Menschen ins Spiel mit seiner Unbeständigkeit, was Liebe und Treue betrifft. Ich habe in der gedruckten Partitur sogar das Wort „Leib“ als Alternativ zu „ Leid“ ad libidum angeboten. Sämtliche Interpreten des Liedes haben sich bisher aber alle für das Wort „Leid“ entschieden. Jeder redet nur vom eigenen „Leid“ und gerade nicht vom eigenen Leib. Obwohl das auch sehr naheliegend wäre.
Offensichtlich wird jedoch in der vierten Strophe, dass „unsre Sternen-Träume“ nicht Realität geworden sind, wohl was Liebe und Treue betrifft. Im Gegenteil, etwas Neues und ganz Befremdliches zieht „unsere Sternen-Träume mit sich hinab“. In diesem unserem Leben gibt es bereits keine Sonne mehr, sondern nur noch Nacht, aber immerhin mit Sternen und Sternenträumen. Das Klavier kommentiert diese Stelle mit einer atonalen Geräusch- Explosion, die die Interpreten selber improvisieren können, sofern sie dazu imstande sind.
Das Lied stammt textlich bereits aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Ich hatte mich sehr stark im Journalismus engagiert und auch die französischen Philosophen kennengelernt mit ihrer extravaganten Sprache und Philosophie. Das Komponieren hatte ich ganz eingestellt und stattdessen mehrere Gedichtbände publiziert. Dafür zusammen auch mit den Künstlerinnen Karin Geschke, Marianne Pape und Gracia Sacchitelli mehrere Gedicht- und Bildbände veröffentlicht. Außerdem hatte ich für diese immer wieder Einführungen zur Ausstellungseröffnung im Sinne einer literarischen Performance durchgeführt, die mich permanent an den Schreibtisch fesselten und auch zu etlichen weiteren literarischen Ergebnissen führten. Sowohl was die Essayistik als auch was die Poesie betraf.
Auch zum Blogschreiben kam ich schließlich sehr intensiv unter dem Einfluss von Alexei Chibakov. Es entstanden Texte über Ästhetik, Literatur, Philosophie, Politik, Lebenspraxis und andere. Bis heute denke ich darüber nach diese vielen Texte, das sind auch immer wieder Kommentare zur Zeit, in Buchform zu veröffentlichen. Außerdem arbeitete ich alternativ dazu regelmäßig auch für die Deutsche Presse Agentur (dpa), um das Kunst- und Kulturleben der Stadt Stuttgart weiterhin mit verfolgen zu können.
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In meiner Zeit als Musik-Student 1969-74 spielte ich parallel zum Studium an der Gesamthochschule des Saarlandes – mit den Fächern Klavier, Querflöte (Hochschulorchester), Komposition, Dirigieren und Musikgeschichte – Keyboard in der Rockgruppe Puma (1). Dann auch Klavier zusammen mit dem späteren Scorpions-Schlagzeuger Hermann Rarebell (2) im Tanzunterricht an der örtlichen Schauspielschule.
In Stuttgart spielte ich in den Jahren 1975-78 parallel zu meinem Kompositions-Studium in der Meisterklasse Erhard Karkoschka (3) in der Rockgruppe Zoom Orchestra (4). Wöchentliche Proben führten mich nach Schwäbisch Gmünd, wo der Schlagzeuger Kurt Ranger an der Hochschule für Design studierte und mich mit seinem Design Blick sehr beeinflusste. Nicht zuletzt war er auch mein Informant, was die zeitgenössische Rockmusik betraf. Vor allen Dingen war er ein großer Anhänger von Art-Rock etwa der englischen Supergruppe Queen (Bohemian Rhapsody). Es gab sogar einen Auftritt von Zoom Orchestra in der Musikhochschule Stuttgart, an dem auch die spätere Leiterin der Abteilung Sprecherziehung, Uta Kutter, Auszüge aus meinem neuen Tanztheater „Pasolini-Pop“ rezitierte. Aus der Saarbrücker Studienzeit stammte auch eine Bearbeitung von Brechts „Badener Lehrstück vom Einverständnis“, das ich für meine damalige Rockband Puma komponiert hatte.
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Die Zeit um 2013 geht mir wieder durch den Kopf. Es war die Zeit der Entstehung meines heutigen „hybriden“ Musikstils, der unter dem direkten Einfluss des flämischen Komponisten Karel Goeyvaerts entstanden ist und sich seitdem immer weiter unter Berücksichtigung selbst der von mir lange Zeit verschmähten Musikstile der aktuellen akademischen Musik entwickelt hat. Ein Jahrzehnt lang hatte ich nur noch Texte geschrieben. „Niemand weiß“ stammte aus einem Zyklus, der in einer Reihe mit für mein Empfinden sehr poetischen Gedichten steht, die wie später in den nachfolgenden Jahren auch immer wieder mit surrealen Gedanken gebrochen werden und deren Verständlichkeit, Eindeutigkeit oder auch Klarheit verloren geht.
Wieder erweckt wurde die musikalische Schiene meiner Kreativität damals mit dem Zyklus „Lieder der Renaissance“. Es ist eine Bearbeitung von Liedern nach Clemens non Papa (1510-1555) für Stimme und Klavier. „Niemand weiß“ habe ich in den Zyklus als Gegenwarts-Bruch und Erinnerung an die modale Harmonik mit aufgenommen. Es stammt textlich bereits aus meiner Zeit in Saarbrücken. Genauer gesagt aus der Zeit, als ich dort mit Puma zusammen Rockmusik machte.
Ich hatte mich in den Stuttgarter Anfangs-Jahren ab 1975 sehr stark beruflich auch journalistisch im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung engagiert (5). Vor allem um das Kunst-und Kulturleben der Stadt intensiv mit zu erleben. Auch die französischen Philosophen habe ich persönlich kennengelernt samt ihrer extravaganten Sprache und Philosophie. Etwa Jean François Lyotard, mit dem ich ein ganzseitiges Interview in der Berliner Taz veröffentlicht habe, jetzt wieder abgedrückt die Nr.19 im Blog. Auch mit Jean Pierre Dubost gab es immer wieder einen nützlichen Gedankenaustausch. Es entstanden elf Bücher, die in den Landesbibliotheken in Stuttgart und Karlsruhe aufbewahrt und ausgeliehen werden können. Sie sind stark von den französischen Philosophen beeinflusst, allen voran Jacques Derrida. Darunter auch eine schwergewichtige „Ästhetik“ in drei Bänden, die sich mit Photographie („Fotobuch“), Malerei („Kunstbuch“) und Musik („Musikbuch“) beschäftigt (6).
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Es war auch die Zeit, in der ich mit der Opernsängerin Ulrike Sonntag wieder in Kontakt kam. Über Albrecht Fendrich, einen langjährigen Maler-Freund, hatte ich sie schon Jahre vorher kennengelernt. Mittlerweile war sie die Leiterin der Opernschule an der Musikhochschule Stuttgart geworden. Sie hat mir Enni Gorbonosova (Sopran) zusammen mit dem Pianisten Evgeny Alexeev vermittelt. Beide waren die ersten Interpreten meiner neu komponierten „Lieder der Renaissance“, die dann auch später von den beiden aufgeführt und als CD produziert worden sind.
Daraus hat sich dann auch meine neue Kompositions-Methode des „ hybriden Stils“ entwickelt, wie er mittlerweile in den USA als „postmoderne Musik“ in Analogie zur postmodernen Architektur bezeichnet wird. Den postmodernen Stil habe ich tatsächlich von dem Architekten James Sterling übernommen. Sein Neubau der Stuttgarter Staatsgalerie von 1979-84 war mir in vieler Hinsicht Vorbild für meine Kompositionen und mein Denken. Entstanden sind daraufhin weitere Lieder in Kammermusik-Besetzung, oft auch zusammen mit Cello und Klavier. Dem Komponieren von Liedern bin ich mehr als zehn Jahre lang treu geblieben. Nicht zuletzt werden sie mittlerweile in einer Statistik von Apple Music oder der Spotify-Plattform in 56 Länder dieser Welt gestreamt (Stand Statistik 2025).
Ein weiteres Ergebnis meiner Beschäftigung mit der Renaissance war die Bekanntschaft mit Gunther Scheuthle, Drehbuchschreiber und Erfinder des Stuttgarter „Tatort“-Kommissars. Er machte mich aufmerksam auf die Kontratenor-Stimme. Dieser Stimmgattung bin ich treu geblieben bis auf den heutigen Tag. Nicht zuletzt auch dank weiterer Sänger wie Álvaro Tinjacá-Bedoya aus Bogotá oder Chun Kai Hsu aus Taiwan. Mittlerweile habe ich weitere gute Musiker gefunden, die auch meine Instrumentalmusik spielen wollen und spielen können.
(wird fortgesetzt)
Bücher von Reinhold Urmetzer werden im Blog in der Nr.282 vorgestellt. Weitere biografische Erinnerungen finden sich sehr zahlreich im Blog.
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1 Puma, Rockgruppe Saarbrücken (1969-74): Peter Kiefer Bass-Gitarre, Manfred von Bohr Schlagzeug, Reinhold Urmetzer Keyboards, NN Gitarre
2 Mit Herrmann Rarebell hatte ich auch in dessen Phase als Scorpions-Schlagzeuger und Superstar Kontakt. Es gab interessante Gespräche und ein Interview für die Stuttgarter Zeitung. Nicht zuletzt verdanke ich ihm mein beständig „zweigleisiges“ Musikinteresse für die E- wie für die U-Musik. Nicht zuletzt hat dieses kompositionstechnisch bei mir zu einem hybriden Stil geführt, der in Renaissance-Musik etwa von Thomas Tallis, Clemens non Papa oder Orlando di Lasso modale Harmonien findet und wieder verwendet. Ohne Hermann Rarebell hätte ich Artrock-Gruppen wie Yes, Gentle Giant oder King Crimson nicht kennengelernt.
3 Meisterklasse Komposition Ehrhard Karkoschka (1975-77) mit den Studenten Matthias Spahlinger, Ulrich Süße, Reinhard Karger und Bernd Konrad. Karkoschka leitete auch das Ensemble Neue Musik Stuttgart, wo ich auch Musikerinnen wie Carol Morgan oder Dietburg Spohr kennengelernt habe.
4 Zoom Orchestra (1975-78), Rockgruppe Stuttgart: Edie Steiger Gitarre, Bernd Sikler Bass, Reinhold Urmetzer Piano, Kurt Ranger, Schlagzeug. Als Gast Peter Wallinger, Geige, Uta Kutter, Rezitation. Die Solosonate für Klavier (1977) und die 1.Sonate für Geige und Klavier (1980-82) sind direkte Ableger aus dieser Zeit und Welt.
5 Stuttgarter Zeitung (ab 1976) Feuilleton-Redaktion mit Horst Koegler (Musik), Wolfgang Ignée, Gerhard Stadelmeier (Theater, Literatur), Wolfgang Rainer (Kunst), Christian Marquart (Architektur)
Redaktionelle Mitarbeit außerdem in den experimentellen Anfangsjahren der Taz (Christiane Peitz) sowie langjährig in den beiden Fachzeitschriften des Schott-Verlages „und „Das Orchester“.
Meine journalistische Mitarbeit einschließlich gelegentlicher Sendungen im Rundfunk beendete ich im Jahre 2002, um nur noch zu komponieren. Außerdem war ein Sohn geboren, um den ich mich kümmern wollte.
6 Weiterhin auch noch käuflich zu erwerben ist im Buchhandel die dreibändige „Ästhetik“ unter den ISBN-Bestell-Nummern 3-8334-4021-X Photobuch (2004), 978-3-8334-8117-8 Kunstbuch (2004), 978-3-8391-9496-6 Musikbuch (2010)
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NIEMAND WEISS (Popsong)
(Voce solo)
1 Niemand weiß, woher die Sonne,
Niemand weiß, woher das Licht,
Und du liegst in der Plastiktonne,
Und du suchst das Neonlicht.
2 Jeder sagt dir die Liebe,
Jeder singt nur vom eigen Leid,
Und du denkst dir die Treue,
Und du singst in der Einsamkeit.
3 Solo Klarinette
4 Chorus
Der Frühling ist weiß,
Der Frühling ist rot,
Er nimmt unsere Sternenträume
Mit sich hinab.
Voce solo
5 Weiß und blau
Wird die Nacht sein,
Ich trage ein helles Tuch
In den Augen.
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Für Voce, Klarinette, Piano
(1977)
