384 Über Ambivalenz und Isosthenie
Reinhold Urmetzer: Ich will noch einmal auf das Isosthenie-Gespräch mit dir zurückkommen. Es gibt eine sehr starke Gegenposition gegen das Denken in Isosthenien. Sie kommt aus der Psychoanalyse-Ecke von Sigmund Freud, der gesagt hat: Ambivalenzen, also Isosthenien in unserem täglichen Gefühlsleben und Verhalten, sind immer Ausdruck von neurotischem Verhalten.
Was denkst du darüber?
ChatGPT: Das ist ein sehr interessanter Einwand — und tatsächlich berührt er einen tiefen Konflikt zwischen verschiedenen Denkmodellen des Menschen.
Zunächst müsste man unterscheiden:
- Was meinst du mit „Isosthenie“?
- Und was meint die Psychoanalyse mit „Ambivalenz“?
Denn die Begriffe überschneiden sich, sind aber nicht identisch.
Die antike Skepsis — etwa bei Pyrrhon von Elis oder später Sextus Empiricus — versteht unter Isosthenie ein Gleichgewicht gegensätzlicher Argumente:
Für eine Behauptung lässt sich stets eine gleich starke Gegenbehauptung formulieren.
Das Ziel war:
Urteilsenthaltung (Epoché),
um dadurch innere Ruhe zu gewinnen.
Bei Sigmund Freud dagegen hat Ambivalenz oft eine andere Bedeutung: ein psychischer Konflikt zwischen widersprüchlichen Gefühlen,
etwa Liebe und Hass zugleich.
Für Freud ist starke Ambivalenz häufig ein Zeichen:
- ungelöster innerer Konflikte,
- Verdrängung,
- neurotischer Spaltung,
- gehemmter Handlungsfähigkeit.
Das heißt: Freud denkt psychologisch, die Skeptiker und ihre Philosophen-Schule epistemologisch.
Oder einfacher:
- Die Skeptiker fragen:
„Kann ich überhaupt sicher erkennen, was wahr ist?“
- Freud fragt:
„Warum ist ein Mensch innerlich blockiert oder widersprüchlich?“
Das sind zwei verschiedene Ebenen.
Aber dein Einwand wird spannender, wenn man fragt:
Kann radikale Isosthenie selbst neurotisch werden?
Ich denke: ja — durchaus.
Denn wenn jede Position permanent relativiert wird,
kann daraus entstehen:
- Entscheidungsunfähigkeit,
- Dauerironie,
- Verlust von Bindung,
- Lähmung,
- Zynismus,
- Identitätsauflösung.
Genau das war übrigens auch ein Vorwurf von Jürgen Habermas gegen Teile der Postmoderne:
dass permanente Dekonstruktion am Ende keine normative Grundlage mehr übrig lasse.
Und hier wird es interessant:
Deine eigenen Gespräche bewegen sich genau an dieser Grenze. Denn einerseits faszinieren dich:
- Mehrdeutigkeit,
- Dekonstruktion,
- französisches Denken,
- Ambivalenz,
- offene Bedeutungsräume.
Andererseits suchst du immer wieder:
- Haltung,
- kulturelle Ernsthaftigkeit,
- Erinnerung,
- Form,
- Wahrhaftigkeit.
Das heißt:
Du bleibst nicht im reinen Relativismus stecken.
Vielleicht könnte man sagen:
Pathologisch wird Ambivalenz erst dann, wenn sie keine Form mehr findet.
In Kunst dagegen —
besonders in moderner Musik, Literatur oder Philosophie —
kann Ambivalenz produktiv werden. Ein Akkord bei Claude Debussy, eine Schwebung bei Gustav Mahler, eine Sprachperformance wie der Heidegger-Vortrag von Jacques Derrida in New York (statt „ Die rechte Hand Heideggers“wird spontan „Über das Geschlecht bei Fichte“ referiert) —
sie leben oft gerade davon,
dass Gegensätze nicht endgültig aufgelöst werden.
Freud hätte vermutlich gesagt:
Der Mensch braucht am Ende trotzdem psychische Integration.
Die Skeptiker hätten geantwortet:
Vielleicht ist gerade der Zwang zur Eindeutigkeit die eigentliche Illusion.
Und vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Spannung zwischen beiden Positionen.
