93 Wittgenstein I
Über Fremdheit
Wagen wir uns in das nächste Herz der Finsternis hinein, diesmal in die Begegnungsformen (Interaktionen) des menschlichen Ich und seiner Gesellschaft. Dass Begegnungen oft scheitern, zu keinem guten Ende führen, ja schließlich abgebrochen werden müssen, das kennen wir aus unserer Alltagswirklichkeit. Unser Ich ist von einer großen, ja übergroßen, manchmal auch bedrückenden Fremdheit, das ist auch Andersartigkeit, Neuheit umgeben. Ich habe diese meine These schon öfter angedeutet und auch in einer Publikation etwas weiter ausgeführt*. Jetzt an dieser Stelle will ich sie noch einmal kurz erläutern.
Ich rede nicht von Fremden, von fremden Menschen oder von der Fremde in dem Sinne, dass wir uns in der exotischen Fremde befinden würden, was ja auch immer wieder vor kommt und sehr bereichernd sein kann. Sondern ich spreche von F r e m d h e i t fast schon als einer metaphysischen Abstraktion, die den Menschen, sofern er noch selbstreflexiv denken will, auf seinen Entwicklungsstufen in die Zukunft begleiten wird. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion einmal zu Ende geht, spätestens dann, wenn der Mensch sich seinen Maschinen ganz unterworfen haben wird.
Unter Fremdheit verstehe ich ein „Mehr“ im Sinne von Mehr-Sein, Mehr-Bedeuten, Mehr-Können, -Wissen-, -Wahrnehmen als unser gegenwärtiger Ist-Zustand darstellt, der den Menschen umgibt. Dieses „Mehr“ wird im Laufe der Zeit immer wieder weiter entdeckt, “enthüllt“ sagt Cusanus, erforscht, entzaubert im positiven wie negativen Sinn, und trotzdem bleibt es übermächtig groß wie ein Absolutes.
Dieses Mehr mag die Unendlichkeit von All und Leben einschließen, auch die Totalität des menschlichen Seins im Makrokosmos, seines inneren Universums im Mikrokosmos als Tier, als Mensch. Es hält Überraschungen bereit, Kräfte, Potential, Neuentdeckungen, „Fortschritte“, auch Zusammenbrüche und Katastrophen. Vielleicht kann tatsächlich einmal das Altern aufgehalten, das technische Entstehen von Nachkommenschaft und die Züchtung erfolgreich eingesetzt werden.
Aber dennoch wird vor allem in der persönlichen Begegnung unter Menschen weiterhin die Einsamkeit dominieren trotz Nähe und Vertrautheit, die dieses Mehr, welches in jedem Menschen ebenso vorhanden ist, immer wieder mit verursacht. Denn jeder Mensch ist mehr als wir von ihm glauben, glauben wollen, mehr als wir von ihm zu wissen vermeinen. Es schließt nicht zuletzt auch das Sterben und Verschwinden-Müssen jedes einzelnen von uns ein. Mehr als Lebendigsein ist der Tod. Viel mehr – eine ganze Unendlichkeit wartet auf uns und steht bereit.
Fremdheit und Einsamkeit sind Begriffe, die der Existenzialismus in die Waagschale des Denkens geworden hat. Albert Camus Hauptfigur in der berühmten Erzählung „Der Fremde“ verhält sich “fremd”, seltsam eigenartig. Auch sein weiteres Leben wird fremd und seltsam bleiben – sein sinnlos animalisches Dahinvegetieren, gleichsam ununterbrochen alive and dead, die unfähige und vergebliche Suche nach Nähe oder Liebe, ein grundloser spontan ausgeführter Tod am Strand von Algier in der Hitze des Tages.
Camus Protagonist lebt ein maschinengemäßes Leben, fremd gesteuert, was er noch nicht einmal weiß und dessen er sich auch nie bewusst werden wird. Einziger Ausbruch sind der scheinbar unmotivierte Todesschuss und die Hinrichtung. Sie scheinen weniger in das Konzept der Fremdsteuerung zu passen, sondern sie entsprechen mehr dem existenzialistischen Ideal der Freiheit, einer Freiheit auch zum Nichts. Nach Sartres früher Position sind wir “verurteilt” zu dieser Freiheit und mit dem grundlegenden Gefühl von Verlassenheit, Angst und Unaufrichtigkeit allein gelassen.
Ein wichtiger Philosoph des letzten Jahrhunderts, Wegbereiter des logischen Positivismus und Gründungsvater der Philosophy of Science bis auf den heutigen Tag, ist Ludwig Wittgenstein. Er ist an diesem metaphysischen Mehr und seiner Fremdheit gescheitert dergestalt, dass er es zu Beginn seiner Forschungen in eine korrekte und wahre Sprache hat fassen wollen, welche diese Grenze und Begrenzung zumindest wissenschaftlich, das heißt mittels Sprachanalyse, definiert, erforscht und trotz allem auch zu erweitern gesucht hat.
Gegen Ende seines Lebens hat er dieses metaphysische, man kann auch sagen transzendentale Mehrsein, das sich über Leben, Welt und Wirklichkeit ausbreitet, nur noch resignierend aufzulösen versucht in die Vielfalt von Meinungen (wie in den 80erJahren Lyotard), in die Relativität unserer Erkenntnis und Erkenntnisweisen, in das unausschöpfbare und unbeherrschbare Chaos auch der menschlichen Existenz und des menschlichen Lebens. Er spricht von manchmal ganz isolierten und solipsistisch existierenden „Sprachspielen“, die jeweils mit ihren „Lebensformen“ verknüpft sind, dort ihre „Wurzeln“ haben und von dort ihren Sinn, ja ihre Existenzberechtigung erst erhalten. Und vielfach unverständlich “fremd” bleiben müssen.
Das, was den Amazonas-Indianern wichtig ist, worüber sie sich verständigen, sprechen, das kann einem deutschen Musiker oder Mathematiker vollkommen gleichgültig sein, ja er mag sogar dafür kein Verständnis, auch gar kein Verstehen-Wollen besitzen.
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Wir sind also wieder bei einem meiner Lieblingsthemen, dem Verstehen, der Verständigung. Dass die Schnittmenge des Verstehens manchmal groß, manchmal klein, manchmal Null sein kann, das dürfte eine Alltagsweisheit sein. Dass man dazu komplizierte Denkschritte in der Sprachphilosophie hat unternehmen müssen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, das mag paradox erscheinen.
Man kann es, wenn man so will und diese Methodologie akzeptiert, aus der Biographie Wittgensteins erklären. Wer sich in Männertoiletten mit Strichjungen abgibt, lebt und fühlt eine ganz andere Welt als wenige Stunden oder Tage später dann der gleiche Mensch als Hochschulprofessor, der die Übereinstimmung von Sprachstrukturen mit der Wirklichkeit untersucht und schließlich lapidar feststellen muss: Über das, worüber nicht geredet werden kann, muss man schweigen.
Dieser Satz ist sehr berühmt geworden. Berühmt wegen seiner Mehrdeutigkeit: Worüber darf oder kann nicht geredet werden; wer muss müssen; was heißt „schweigen“ – verbergen, vergessen, nicht reden können, wollen, verdrängen?
Unsere Lebensform prägt unsere Sprache, auch wenn wir z.B.alle die gleiche Sprache sprechen und vorschnell glauben, uns verstehen zu können zumindest auf einer oberflächlichen Ebene. Selbst in diesem Fall mag die Verständigung schwer fallen, misslingen. Es gibt eine Tiefenstruktur der Sprache, die aus unserer Lebenswelt, Lebensgeschichte stammt und bis in unser Unterbewusstsein, selbst in das Unterbewusstsein einer Kultur reichen mag (die “Archetypen” C.G.Jungs). Sie steuert unseren Blick auf die Welt und drückt sich ebenso in weiteren Zeichen wie Gestik oder Handlungen aus . Das Gelingen von Kommunikation im Sinne einer Begegnungsfähigkeit mit der Welt und den Menschen, im Sinne von Verstehen und Verständigung hängt also wesentlich damit zusammen.
Deshalb gilt der Satz: Deine Sprache ist deine Welt, deine Welt ist deine Sprache. Und wer würde nicht zustimmen, dass es auch fremde, äußerst befremdliche Lebensformen um uns herum gibt mit seltsamen Sprachen und Verhaltensweisen, zu denen wir keinen Zugang finden. Diese kommen uns dann verschlossen, abwegig, verworren, manchmal sogar verrückt vor.
Was sind Menschen gleich welcher Art, wenn man ihnen leibhaftig begegnet, sie anblickt, mit ihnen spricht? – Es sind Masken. – Was steht hinter der Maske dieser scheinbar doch emotional gesunden und authentischen Menschen? – Die nächste Maske und so fort.
Weit entfernt sind wir immer noch nicht von dieser existenzialistischen Denkweise oder Erkenntnis. Sprache, Menschenrechte, Gleichheit vor dem Gesetz scheinen uns heute zu verbinden. Doch zentraler und wichtiger bleibt meines Erachtens die Fremdheit im Anderen, also auch seine Andersartigkeit zu sehen und anzuerkennen trotz aller Nähe, Übereinstimmung und Gleichartigkeit. Eine Tatsache, die wegen dem permanenten Aufruf zu Solidarität und Hilfe meist ganz vergessen und unterschlagen wird.
Aus Selbsterhaltungsgründen suchen wir das Verbindende und Gemeinsame in unseren Mitmenschen. Selbst die Nächstenliebe ist in diesem Sinne ein auch für das Gesamte und die Gesellschaft nützlicher Egoismus. Doch was steht jenseits der Maske von Liebe, Nähe und sozialer Verantwortung? – Immer wieder Fremdes, Unbekanntes, Neuartiges, manchmal auch Erschreckendes.
Wir leben in unseren enge Grenzen bildenden und begrenzten Lebensformen mit eigener Sprache, unterschiedlichen Werten und Zielen und schaffen selten einen Ausbruch aus diesem Ghetto-Käfig, geschweige denn den Versuch einer Antithese. Angst hält uns zurück, Angst vor dem Fremden, Anderen, Unbekannten und Antithetischen.
Im den fremden Menschen von Camus, auch in seinem Theaterstück “Das Missverständnis”, habe ich das Fremde als metaphysische Grundbestimmung unserer Gattung gefunden, und das Fremde als Fremdheit, dies meine Behauptung, umgibt uns immer und überall. Es ist ein wesentliches Strukturmerkmal des Universums und der Zukünftigkeit. Es ist das Unverständliche, Seltsame, das, was nicht in unser Selbstbild, Fremdbild, in unser Vorstellungsvermögen oder Weltbild passt, das uns befremdet, ängstigt, auch in die Verwirrung treibt.
In dieser Art Fremde zu leben bedeutet Einsamkeit: Nicht-Nähe, Nicht-Liebe, Nicht -Geborgenheit, und dieses dreimalige “Nicht” ist im Sinne der antiken Stoiker zu ertragen und auszuhalten. Es bedeutet, ich wiederhole mich, hinter der Maske des Bekannten und Gewohnten nur wieder die nächste Maske zu finden und so fort, selbst wenn wir diesem Gegenüber die Hand reichen, lächeln, verliebt sind und einen warmen Körper spüren möchten.
Selbst tagtägliche Nähe ist immer noch Fremdheit genug. Man gehe nur einmal als unpolitischer Mensch in eine Parteiversammlung gleich welcher Art, verirre sich als Freund der klassischen Musik in ein Hard-Rock Konzert. Oder man findet sich plötzlich im Facharztzimmer eines Spezialisten wieder – wie neu, wie fremd und unheimlich ist einem plötzlich diese Welt, wenn zum Beispiel eine Operation bevorsteht.
Ich habe eine gewisse Zeit lang geglaubt, Nacktheit und körperliche Begegnung wären der beste Garant dafür, diese Fremdheit auch im Sinne von Entfremdung zu überwinden. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. In der geschlechtlichen Vereinigung werden wir dergestalt von Sinnen und Gefühlen beherrscht und getäuscht, dass wir uns noch auswegloser in der weiten Spur des Fremden verirren müssen.
Nur in einem einzigen Augenblick fallen alle Schranken, Begrenzungen und Unabwägbarkeiten der Fremdheit in sich zusammen: In der direkten Begegnung mit dem Tod – dem eigenen oder dem Tod eines anderen. Bei Bestattungen findet eine eigentümlich grenzüberschreitende, ja fast schon metaphysische Begegnung und auch Verständigung der Trauernden statt.
Im Tod begegnen wir wieder dem Fremden, diesmal in seiner ganzen Totalität und Bedrängnis. Der Tod eliminiert alle Differenzen, Unterschiede, Fremdheiten. Nur bei dieser Erfahrung erkennen wir, dass wir alle gleich sind zumindest in unserer Endlichkeit, dass uns das gleiche Schicksal bevorsteht. Deshalb sind für mich Tod – und in ähnlichem Maße auch eine mit erlebte Geburt – tatsächliche und immer wirkende Gottheiten, jetzt einmal metaphorisch gesprochen, deren Bereich heilig, unerkennbar und undurchdringbar ist. Diesen Bereich zu betreten verlangt deshalb Ehrfurcht und auch Demut.
Das Fremde im Sinne von Fremdheit ist ein wichtiger Kosmos um uns herum, um unsere Nähe, um unsere Ferne; um unser Denken und unsere Gefühle, mit und ohne Kommunikationsmöglichkeiten, mit und ohne Einflussnahme. Es ist Mikrokosmos und Makrokosmos gleichermaßen, das Pluriversum. Überall gibt es Unverständlichkeit und Geheimnis. Selbst in den Wissenschaften, selbst im religiösen Glauben, in der Vernunft, im Körper und in der Liebe.
Beachten wir deshalb nicht nur die Nähe, sondern auch die Ferne, nicht nur das Verständliche, sondern auch das Unverständliche, Fremde, Geheimnisvolle.
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*Reinhold Urmetzer, “Über die Sinnfrage” (2011), auch als E-Book.
Teil II: Kommentierte Auszüge aus Wittgensteins “Tractatus“

