127 Über Meinungsfreiheit
Charlie Hebdo ist eine Satire-Zeitschrift in Frankreich und Belgien, die ich seit vielen Jahren kenne. Zeitweise war sie zusammen mit dem reinen Comic-Magazin “Charlie” die führende Comic-Zeitschrift überhaupt, die von mir so geschätzte Künstler wie Régis Frank, Wolinski, F’Murr oder Franquin berühmt und erfolgreich hat werden lassen.
Aber auch Meinungsfreiheit hat m.E. eine Grenze, welche die Schreiber und Künstler selbst kennen, spüren, auch die Verantwortung dafür übernehmen müssen.
Nur wo ist diese Grenze, die sich immer wieder verschiebt, mal hier-, mal dorthin? Das ist die Frage.
Platon wollte in seinem idealen “Staat” Theaterstücke und sogar Musik-Tonarten ganz verbieten lassen, weil er deren schlechten Einfluss auf die Bevölkerung bekämpfen wollte. In seinem Himmel der Ideen taucht das Wort “Freiheit” eher selten auf. Und wenn dann nur im Sinn eines Stadtstaates, der sich gegen Eroberung und Versklavung zur Wehr setzen musste. In diesem allgemeinen, nicht jedoch im individual-psychologischen Sinne war Freiheit und Kampf gegen Unfreiheit angesagt.
Auch das Mittelalter kannte nicht den Freiheitsbegriff in unserem Sinn: Die Religion definierte dogmatisch fast jede Lebensspur, zumal es ja auch gewaltbereite Fürst-Bischöfe und Päpste gab. Widerspruch war nicht erlaubt. Und wenn ja (Luthers “Freiheit eines Christenmenschen“), dann nur mit dem Kollateralschaden eines blutigen Religionskrieges, der noch nicht einmal 1648 endete. Im Namen des einen Gottes mordete und schlachtete man ganze Dörfer ab gegen eine andere Gottesvorstellung.
Die Aufklärung im 18.Jahrhundert brachte den individual-psychologischen Begriff von Freiheit des Denkens, der Selbstentfaltung ins Spiel. Auch sexuelle Freiheit wurde thematisiert (Marquis de Sade). Nach Schiller ist nur das Denken und Meinen frei, nicht jedoch das Handeln. Im Mittelpunkt standen außerdem mehr die „Klassenschranken“, wie die Marxisten später sagten, das Bürgertum, das sich gegen die allmächtige Aristokratie zur Wehr setzen wollte.
Die Französische Revolution hatte dann sogar Freiheit zusammen mit Gleichheit und Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben. Was daraus wurde, ist allseits bekannt. Napoleon als Kaiser, Wiener Kongress, willkürlich zusammengewürfelte Länder und Völker. Spätestens 1989, 200 Jahre danach, wurden in Frankreich von den dortigen Philosophen selbst diese Revolutions-Ideale voller Ironie und Spott zu Grabe getragen. Wo bleiben Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit?
Ein Seitenzweig dieser Entwicklung in der Epoche der Aufklärung, deren großer philosophischer Fürsprecher nicht zuletzt Kant war, hat sich in den USA fortgepflanzt mit der Deklaration der Menschenrechte, die das Allgemeine und Staatliche mit dem Individuellen und Persönlichen zu verbinden suchte und bis heute dort Ton angebend geblieben ist.
Vor allem in den USA werden die individuellen Rechte besonders hartnäckig verteidigt, allen voran die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit und die sexuelle Selbstbestimmung. Immer mehr setzen sich ebenfalls die sogenannten Frauenrechte durch (von “Männerrechten” wird noch nicht gesprochen), auch wenn alle diese Rechte in weiten Teilen der Welt nicht akzeptiert werden aus ideologischen und machtpolitischen Gründen.
Immerhin hatte Hegel bereits in seiner Rechtsphilosophie definiert (und später auch Marx, vor allem jedoch Lenin), Freiheit sei die Einsicht in die Notwendigkeit der Beschränkung, also der Unfreiheit. Ein Satz, den alle autoritären Machthaber, Diktatoren und Tyrannen dieser Welt für sich und ihre Anliegen gegenwärtig immer noch gerne in Anspruch nehmen.
Der Ökonom und Publizist Bernard Maris, der für die satirische Wochenzeitschrift Charlie Hebdo Kolumnen gegen die Konsumgesellschaft und den «kapitalistischen Furor» schrieb und ebenso wie Wolinski zu den zwölf Todesopfern des Anschlages in Paris zählt, schreibt im Vorwort eines Bandes, der mit Hilfe von Karikaturen aus «Charlie Hebdo» eine Chronik der Jahre 1992 bis 2012 entwirft:
“Warum ist das Leben nicht, wie wir es erträumen: poetisch, befriedet, intelligent, spekulativ, widersprüchlich, aber so, dass jede Meinungsverschiedenheit, jede Zänkerei sich nach einer zünftigen Diskussion in einem Glas Rotwein auflösen kann – und nicht in einer Blutlache?” (Aus: Neue Zürcher Zeitung, 8.1.2015)

