166 Von Wahrheit und Wissenschaft (2)
Was ist Wahrheit?
Es gibt mehrere Möglichkeiten, diesen Begriff zu definieren.
Der Laie unterscheidet üblicherweise zwei Wahrheiten: Die rationale Wahrheit, das, was man für sein Handeln als richtig und gut empfindet, also die nützliche, also die pragmatische Wahrheit. Genauso wichtig scheint ihm jedoch auch die gefühlsmäßige Wahrheit zu sein: Wahr ist für mich das, was ich fühle – die Angst, die LIebe, Glück, Verzweiflung, Freude. Diese Art von Wahrheit scheint unserem Leben viel näher, richtungsweisender und handlungsanleitender zu sein als jede andere Vorstellung von Wahrheit. Zumal der Leitspruch unserer Zeit nicht mehr lautet: Ich bin, weil ich denke, ich bin, weil ich arbeite. Heute hat sich seit der Entwicklung der vielen Psychoschulen im letzten Jahrhundert das “Ich bin, weil ich fühle” durchgesetzt. Damit sind auch dem Genießen, der Lust, letztlich auch dem Konsumismus Tür und Tor geöffnet.
SG definiert Wahrheit in einem Beitrag für diese Blogseite als “das, was sich bewährt” habe. Er stellt sich damit in die Richtung des christlichen Existenz-Philosophen Karl Jaspers. Beide meinen jedoch nichts anderes, als was Platon meinte: Wahr ist das, was gut ist.
SG: ‘Wahrheit und Bewährung’ ist ein Buch von Karl Jaspers, das ich vor 30 Jahren gelesen habe. Pragmatisch gesehen ist Bewährung meist ein guter Maßstab. Aber natürlich ist es nicht ganz so einfach: Es gibt auch Klassen von Aussagen, für die Bewährung kein ausreichendes oder auch nur geeignetes Kriterium ist.
Als (Gegen-)Beispiel nennt er wieder die Mathematik:
“Es gibt Aussagen in der Zahlentheorie, die erweisen sich, wenn man sie ausprobiert, als richtig, bewähren sich also. Erst nach zig Millionen Bewährungen, also Zahlen von 1 bis …, für die sie stimmen, kommt ein Gegenbeispiel. Die Aussage ist also mathematisch falsch, obwohl sie sich fast immer bewährt”.
Bleiben wir jedoch im Bereich des Sozialen. Bewährt wofür, gut wozu? Bewährung hängt m.E. mit einer Aufgabe, einem zu erreichenden Ziel zusammen. Das Gute, das Bewährte mag für den Mafioso etwas ganz anderes darstellen als für den Normalsterblichen. Oder stimmt vielleicht doch die These von Sokrates, dass das Wissen um das Gute eine Sache von Bildung, Lernen und Erfahrung sei? Dass das gute, auch das gerechte Leben lehr-und lernbar sei? Es braucht jedoch Wissen, auch Anstrengung, um aus unserer Höhle der geistigen Dunkelheit und Verwirrung ans Licht der platonischen Idee des Guten zu gelangen, die, nebenbei bemerkt, nur von Philosophen erkannt werden kann.
Nach Lyotard braucht es jedoch auch den Streit, die Auseinandersetzung und das Sprechen. Auch das Anzweifeln-Dürfen von Wahrheiten, die uns Gurus wie Sokrates oder Platon einimpfen wollen. Lyotard und die meisten französischen Philosophen dieser Schulrichtung waren undogmatisch. Das heißt sie waren Skeptiker und letztlich auch Anhänger der Sophisten. Sie sind Wahrheits-Sucher, aber nicht Wahrheits-Prediger. Und Wahrheit gibt es bei Ihnen – ebenso wie im Pluriversum – nur in der Mehrzahl. Das schließt nicht aus, dass das Denken immer schon so sehr sich um Wahrheit in der Einzahl bemüht, um das Eine, das Ganze, Umfassende. Dass eine große Sehnsucht in unserem Geist danach vorhanden ist und vorhanden bleiben wird. Meist ohne Erfolg.
Sextus Empirismus, ein Hauptvertreter der späten Akademie, also der skeptischen Schule 600 Jahre nach Platon, schreibt über Wahrheit schon im alten Rom um 190 nach Chr.:
“Bei den stoischen Dogmatikern herrscht Widerstreit über das Wahre, da einige sagen, es gebe etwas Wahres, andere, es gebe nichts Wahres, und dieser Widerstreit lässt sich nicht entscheiden.
Denn dem, der behauptet, es gebe etwas Wahres, wird wegen des Widerstreits nicht geglaubt, wenn er es ohne Beweis behauptet, und auch, wenn er einen Beweis beibringen will, ist er unglaubwürdig, falls er eingesteht, dass der Beweis falsch ist.
Nennt er den Beweis aber wahr, so gerät er in die Diallele, und außerdem wird man dafür, dass er wahr ist, einen Beweis von ihm fordern und für diesen wieder einen Beweis und bis ins Unendliche. Es ist jedoch unmöglich, Unendliches zu beweisen. Also ist es auch unmöglich zu erkennen, dass es etwas Wahres gibt.”
Als eine weitere Steigerung zeigt Sextus im Folgenden, das es weder Wahres (als Einzelnes) noch Wahrheit (als Allgemeinbegriff) geben kann:
“Ich zeige, dass weder die Wahrheit noch das Wahre im Sinne der Stoiker existieren.
Ich zeige es so: Das Wahre soll sich von der Wahrheit in dreifacher Hinsicht unterscheiden: a) in der Substanz, b) in der Zusammensetzung und c) im Umfang.
Und zwar a) in der Substanz, weil das Wahre unkörperlich ist, denn es ist ein Urteil und ein Lekton, die Wahrheit dagegen ist ein Körper, denn sie ist ein alle wahren Dinge aussagendes Wissen, und das Wissen ist ein Zustand des Zentralorgans, wie auch die Faust ein Zustand der Hand ist; das Zentralorgan aber ist ein Körper; denn es ist nach Meinung der Stoiker ein geistiger Hauch;
c) in der Zusammensetzung, weil das Wahre etwas Einfaches ist, wie “Ich unterhalte mich”, die Wahrheit dagegen sich aus der Kenntnis vieler wahrer Dinge zusammensetzt.
d) Im Umfang schließlich, weil die Wahrheit an das Wissen gebunden ist, das Wahre dagegen nicht unbedingt. Daher soll die Wahrheit sich nur in einem guten Menschen finden, das Wahre auch in einem schlechten. Denn es ist möglich, dass der Schlechte etwas Wahres sagt. Soweit die stoischen Dogmatiker.
Ich werde im Folgenden deshalb nur gegen das Wahre reden, da mit diesem auch die Wahrheit ausgeschaltet wird, die ja ein System der Kenntnis der wahren Dinge sein soll”*.
In meinem Denken gibt es viele Wahrheiten, die miteinander kompatibel sein müssen. D.h.: so kompatibel, dass ein System reibungslos funktionieren kann. Welches System meine ich damit? Es gibt unzählige. Genannt seien nur als einfache Beispiele der Körper des Menschen, die Gesellschaft, die Weltgemeinschaft, das All. Aber auch die verdoppelte und vernetzte Welt der digitalen Steuerung und Manipulation, der Ökonomismus, die Religionen, die Wissenschaft. Der Ameisenhaufen ist ein gut funktionierendes System und das Rechtswesen, Liebe und Lust funktionieren als System, das beobachtbar, steuerbar und analysierbar scheint. Selbst diese meine Sprache und dieses mein Denken bilden ein System, das analysier-und steuerbar sein mag.
Oder auch (als ein noch viel spannenderes System) das ganz Andere, welches noch nicht beschreib-, berechnen- und erkennbar ist. Denn dieses System des Nicht-oder Noch-Nicht-Erkennbaren umgibt uns ebenso wie das System des Erkennbaren, des Wissens, auch des falschen Wissens und der falschen Wahrheit. Und es ist um ein Vielfaches größer, mächtiger als unser Denken über diese unsere kleine Welt, die von jedem Blickwinkel aus wieder anders klein und beschränkt und unerkennbar aussehen mag.
Was heißt reibungslos? Reibungslos bedeutet: ohne Schäden, ohne Schmerz, Zusammenbruch, Leid. Das bedeutet auch und immer wieder, das Sterben zu verhindern, Untergang und Tod. Wenn ein Wahrheitsbegriff das Sterben fördert, dann lehne ich ihn ab. Doch die Wahrheiten sind dauernd im Umbruch. Wenn es die eindeutige Wahrheit gäbe, bräuchte man nicht so viele Worte darüber zu finden, zu erfinden. Es bräuchte auch nicht so viele Wissenschaften zu geben.
Sterben und Tod sind gleichwohl die einzigen unveränderlich absoluten Fixpunkte im System Leben. Selbst die Wahrheitsbegriffe unterliegen dem Sterben: Sie sind relativ auf Zeit und Ort.
Alles will leben. Und das Leben will leben! Es will lieben, d.h. bleiben, d.h. sich fortpflanzen. Es will schön sein, Freude machen, Spaß, Lust und Glück genießen, wie es Aristoteles vielleicht richtig definiert hat. Leben will sein ureigenstes Grundbedürfnis befriedigen: Sich selbst zu erhalten. Dazu bedarf es Nahrung, Fortpflanzung, es bedarf emotionaler Faktoren wie Freude, Wohlleben und Lust.
Noch einmal: das Leben will leben. Und alles, was dieser Maxime zuwider läuft: Tod, Zerstörung, Gesetzlosigkeit, ist schlecht. Gesetze sind die Scharniere in unserem sozialen System, die das Ganze zusammen halten und dass es auch reibungslos funktioniert.
Und der Geist, das Denken? Wozu ist das Denken gut? Es ist gut, um die Wahrheit dieses Lebens und seiner Energie, Kraft, auch Freude zu erkennen und danach zu handeln. Es ist gut, das Ganze zu überblicken und sich darin einzurichten: Dass jedes Leben ein Leben zum Sterben hin ist. Oder wie Seneca sagt: Jeder gelebte Tag ist auch ein gestorbener Tag.
Für die antike Kultur bezeichnend ist dabei die Tatsache (man glaubte ab einem gewissen Zeitpunkt an keine Götter mehr, selbst wenn man die Rituale der Götter-Verehrung akzeptierte), dass bei den Triumph-Umzügen der siegreichen Feldherren in Rom immer ein Sklave mit auf dem Triumph-Wagen stand, dem Kriegs-Helden mit einem Lorbeerkranz Luft zu wedelte und gleichwohl immer wieder einflüstern musste: “Denke daran, dass du auch nur ein Mensch und sterblich bist”: Respice post te, hominem te esse memento („Sieh dich um; denke daran, dass auch du nur ein Mensch bist“).
Die Popmusik hat diesen berühmten Satz Senecas von der Vergänglichkeit des Lebens trivialisiert unter’s Volk gebracht: “Tanze heute so, als wenn es deine letzte Disco-Nacht wäre – Dance dance dance like it’s the last last night of your life” (Usher, “DJ got us falling in love”).
*Sextus Empiricus, “Grundriss der pyrrhonischen Skepsis” (S.173ff stw 499)

