{"id":2919,"date":"2014-09-27T09:04:18","date_gmt":"2014-09-27T09:04:18","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=2919"},"modified":"2016-03-30T20:03:01","modified_gmt":"2016-03-30T20:03:01","slug":"95-antwort-an-sg-wittgenstein-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=2919&lang=de","title":{"rendered":"95 Antwort an SG (Wittgenstein III)"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"padding-left: 30px;\">\u00dcber Sinn<\/h3>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ich zitiere und kommentiere vier S\u00e4tze von SG aus seinem letzten Blogbeitrag.<\/p>\n<p><strong>1<\/strong> <em>Mathematiker und Mystiker sind in der Person Wittgensteins nicht verschiedene Facetten eines Ganzen, sondern beides bildet eine Einheit im strengsten denkbaren Sinne.<br \/>\n<\/em><br \/>\nDass ein Mathematiker ein Mystiker sein kann, geht in meinem Denken durchaus \u00a0zusammen. Siehe Pythagoras oder Platon, dessen Verflechtung von Mathematik und \u00a0Welt der Ideen nur auf einer mystischen Ebene nachvollziehbar ist.<br \/>\nOb beides nun eine \u201eEinheit\u201c darstellt oder nur \u201eFacetten\u201c sind \u00a0einer gleichen Medaille, wage ich nicht zu beurteilen.<br \/>\nIn meinem Denken bildet sich aus der Einheit die Vielheit, die selbst heterogene oder &#8211; wie in diesem Fall &#8211; sogar <em>antithetische<\/em> Elemente beinhalten kann. Aus der Zahl 1 entfalten sich nach Nikolaus von Kues alle Zahlen, selbst die negativen. Die Einheit, die alles entstehen l\u00e4sst in Form von Begriffen, ist in seinem mittelalterlichen Denken der\u00a0menschliche Geist. Dieser ist gleichwohl nur ein Abbild des platonisch \u00a0gesehenen Urbildes, also der \u00fcberzeitlichen Idee, \u00a0also von Gott.<br \/>\nGottes Geist l\u00e4sst den menschlichen \u00a0Geist entstehen, dieser die Begriffe, diese dann\u00a0 Kunst, Technik, Kultur\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2 <\/strong><em>Erkenntnisse der negativen Theologie sind relativ banal, da sie f\u00fcr jeden Gegenstand gelten<br \/>\n<\/em><br \/>\nAuch dieser Satz stimmt, nur nicht der pejorativ abwertende Unterton. Banal ist es ganz gewiss nicht, dass wir das riesige Universum in und \u00fcber uns, dieses metaphysische Mehrsein (immer wieder), wie ich es im Blogbeitrag Nr. 94 bezeichnet habe, nicht in seiner Totalit\u00e4t erfassen k\u00f6nnen, auch niemals erfassen werden. Dazu hat <strong>Blaise Pascal<\/strong>, ein Mathematiker und christlicher Philosoph des 17. Jahrhunderts, in seinen <em><span style=\"text-decoration: underline;\">Pens\u00e9es<\/span><\/em> viele Beispiele geliefert. Hier ein Zitat:<\/p>\n<p><em>Ich sehe diese furchtbaren R\u00e4ume des Weltalls, die mich umschlie\u00dfen, und ich finde mich an einen Winkel dieser unermesslichen Ausdehnung gebunden, ohne zu wissen, warum ich gerade an diesen \u00a0Ort gestellt bin und nicht an einen anderen, noch warum mir die kleine Zeitspanne, die mir zum Leben gegeben ist, gerade an diesem und nicht an einem anderen Ort der ganzen Ewigkeit zugeordnet ist: Der Ewigkeit, die mir vorauf gegangenen ist, und jene, die mir folgt. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich sehe auf allen Seiten nur Unendlichkeiten, die mich umschlie\u00dfen wie ein Atom und wie einen Schatten, der nur einen Augenblick dauert und nicht wiederkehrt. Alles, was ich wei\u00df, ist, dass ich bald sterben muss, aber was ich am allerwenigsten kenne, ist dieser Tod selbst, dem ich nicht entgegen gehen kann. <\/em><\/p>\n<p><em>Wie ich nicht wei\u00df, woher ich komme, so wei\u00df ich auch nicht, wohin ich gehe.<\/em><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich l\u00e4sst mich diese Unendlichkeit im Kleinen wie im Gro\u00dfen, im<br \/>\nMikrokosmos wie im Makrokosmos staunen und erschrecken, zumal sie ja vom Menschen immer nur bruchst\u00fcckartig erfasst werden kann selbst in seiner vielleicht auch unendlichen Zukunft.<br \/>\nEs gibt m.E. keinen Fortschritt in der Erkenntnis. Es gibt nur immer wieder andere Worte, Theorien und Geschichten (<strong>Lyotard<\/strong> spricht von &#8220;Erz\u00e4hlungen&#8221;) als schwache Hilfsmittel f\u00fcr unsere mentale und emotionale Hilflosigkeit und Ungewissheit. Worte und Texte, manchmal auch mit Zahlenreihen, die eine jede Zeit f\u00fcr sich erfindet und wieder verwirft.\u00a0 Auch im menschlichen Geist regieren \u00a0Chaos, Vielfalt, Heterogenit\u00e4t, Unklarheit (\u201eUnsinn\u201c?) und Ungewissheit.<\/p>\n<p>Wittgensteins Sehnsucht und Suche nach wahrer Erkenntnis dieses Transzendentalen\u00a0 und Absoluten bleibt aber gleichwohl seit Menschengedenken die gleiche und sie bleibt immer wieder auch <span style=\"text-decoration: underline;\">negativ<\/span> und gerade nicht <em>banal<\/em>. F\u00fcr mich ist sie sogar ausschlaggebend daf\u00fcr, dass ich an Gott glaube.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3<\/strong> <em>Wittgenstein ist (fast) kein Mystiker in seiner Schrift, da er hier nur die M\u00f6glichkeit der Mystik offen h\u00e4lt. Er war es durch sein Leben. Es gibt keine mystische Erkenntnis.<\/em><\/p>\n<p>Auch diesem Satz kann ich zustimmen, dass es keine &#8220;mystische Erkenntnis&#8221; gibt. Erkennen geht nur mit dem Verstand. Ein mystisches Leben &#8220;zeigt sich&#8221;, w\u00fcrde Wittgenstein sagen.<br \/>\nPascal schreibt \u00fcber die Vielfalt der Erkenntnis sinngem\u00e4\u00df:\u00a0 <em>das Herz hat\u00a0eine Sprache, die der Verstand nicht spricht.<\/em><br \/>\nWenn wir jetzt die Worte \u201eHerz\u201c, \u201eSeele\u201c, \u201eGott\u201c etc. metaphorisch verstehen wollen, deren \u00a0Sinn dann vieldeutig sich aufzul\u00f6sen vermag in ein <em>Nichts als blo\u00dfes Konstrukt<\/em>, rational gesprochen als ein Trugbild unserer Vernunft, um einigerma\u00dfen in dieser Welt bestehen zu k\u00f6nnen, dann sind wir wieder bei der Lehre, ich sage besser \u00a0L e e r e \u00a0des Existenzialismus.<\/p>\n<p>Dass wir mit unserem Erkenntnisverm\u00f6gen, was\u00a0 metaphysische Fragen betrifft, Fragen auch \u00fcber Gott, Seele, Denken mit dem Herzen etc., \u00a0dass unsere Lebensform nur immer wieder einem Ameisenhaufen gleich kommt (ich \u00fcbertreibe), der zwar mittlerweile ins All expandieren kann (es gibt auch fliegende Ameisen), der sich selbst steuernde Maschinen erfindet und sogar Menschenimitationen wird klonen k\u00f6nnen, der aber die Unendlichkeit seiner Begrenztheit niemals wird erfassen, niemals wird \u00fcbersteigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Pascal spricht von Dimensionen. Dass ein Punkt nichts von einer Gerade, diese nichts von der Dreidimensionalit\u00e4t wissen k\u00f6nne etc.<br \/>\nDies alles ist m. E. nicht banal, sondern existenziell &#8211; es ber\u00fchrt und betrifft uns Tag f\u00fcr Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4<\/strong> <em>Deshalb bin ich mit ganzem Verstand \u00a0Naturwissenschaftler<\/em>.<\/p>\n<p>Einverstanden. Ich nicht. Ich kann nicht einmal mehr einfache Kurvendiskussionen l\u00f6sen, geschweige denn Vektoren-Gleichungen oder Ergebnisse der formalen Logik verstehen. Andererseits werden Sie wohl Ihre Schwierigkeiten mit Martin Heidegger oder Paul Celan haben.<br \/>\nDennoch genie\u00dfe ich die Annehmlichkeiten des t\u00e4glichen Lebens, welche die Technik als ein Kind der Naturwissenschaften mir bereit stellt Tag f\u00fcr Tag und mir sogar hilft mein Leben zu verl\u00e4ngern. Auch wenn es im kriegerischen Nahen Osten mit Einsatz der Technik wieder anders aussieht.<\/p>\n<p>Doch\u00a0 die vollen Eisschr\u00e4nke Saint-Exup\u00e9rys (&#8220;Sehen Sie, man kann einfach nicht mehr von den vollen Eisschr\u00e4nken leben, man kann es nicht mehr&#8221;), Leben in Lust und Genuss, die zahlreichen Ablenkungs-und Unterhaltungsangebote, die Computer und Smartphones mit ihren neuen Mauern der Entfremdung, die sie aufbauen und die uns immer mehr voneinander trennen, sie gen\u00fcgen mir nicht mehr.<\/p>\n<p>Wozu? Zum Gl\u00fccklich-Sein? Zum sinnvollen Sprechen, zum sinnvollen Leben und Lieben? Zur Beantwortung all dieser Fragen? Welcher Fragen?<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=95%20Antwort%20an%20SG%20%28Wittgenstein%20III%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Sinn Ich zitiere und kommentiere vier S\u00e4tze von SG aus seinem letzten Blogbeitrag. 1 Mathematiker und Mystiker sind in der Person Wittgensteins nicht verschiedene Facetten eines Ganzen, sondern beides bildet eine Einheit im strengsten denkbaren Sinne. 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