{"id":301,"date":"2014-03-04T08:13:40","date_gmt":"2014-03-04T08:13:40","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=301"},"modified":"2018-10-14T14:58:14","modified_gmt":"2018-10-14T14:58:14","slug":"ueber-die-begegnung-mit-der-antike-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=301&lang=de","title":{"rendered":"14 \u00dcber die Begegnung mit der Antike (II)"},"content":{"rendered":"<h4>14 \u00dcber die Begegnung mit der Antike (II)<\/h4>\n<p>Der reiche R\u00f6mer der Oberschicht wollte sein wie auch immer gestaltetes \u201eWohlleben\u201c genie\u00dfen. Dazu geh\u00f6rte\u00a0 wesentlich, dass er\u00a0gebildet\u00a0sein sollte. Seine Kinder hatten mit ihren meist aus Griechenland stammenden Privatlehrern die beste Ausbildung, die man sich vorstellen kann und die selbst in unserer Gegenwart noch g\u00fcltig bleibt.\u00a0Schon zu Platons Zeiten sollten\u00a0 in der Erziehung drei wesentliche Bereiche abgedeckt werden: Die <em>Naturforschung<\/em> einschlie\u00dflich\u00a0 Mathematik und Astronomie, die <em>Literatur<\/em> einschlie\u00dflich Sprachen, Geschichte und Philosophie sowie die <em>Kunst<\/em>. Dazu geh\u00f6rte auch die praktische Besch\u00e4ftigung mit Musik\u00a0 sowie die K\u00f6rperpflege einschlie\u00dflich Ern\u00e4hrung und Sport<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>.<\/p>\n<p>Gebildet sein hie\u00df aber auch, im \u00f6ffentlichen politischen und \u201eintellektuellen\u201c Leben mithalten zu k\u00f6nnen. Selbst Caesar hat in seiner Auseinandersetzung mit Cicero ein Buch \u00fcber Sprachlogik ver\u00f6ffentlicht. Dieser auch f\u00fcr die konkrete Politik wichtige Diskurs spielte sich weitgehend in philosophischen Bildungsanstalten ab, die man gegen eine Geb\u00fchr besuchen konnte.\u00a0Die ber\u00fchmteste dieser Bildungsst\u00e4tten war nat\u00fcrlich immer noch die <strong>Akademie in Athen<\/strong>. Gegr\u00fcndet von Platon pers\u00f6nlich in den Jahren zwischen 387 und 367 v.Chr. hatte sie ein buntes Auf und Ab erlebt. Schlie\u00dflich wurde sie durch die Einrichtung von drei festen Lehrst\u00fchlen mit fachkompetenten Lehrern im Jahre 220 v.Chr. institutionalisiert. Endg\u00fcltig aufgel\u00f6st wurde sie erst im Jahre 529 nach Chr. durch den Kaiser Justinian \u2013 immerhin eine fast\u00a0 tausendj\u00e4hrige Tradition.<\/p>\n<p>Auch die innere Entwicklung dieser Institution und ihrer Lehrmeinungen ist interessant: Zuerst noch weitgehend der \u00dcbermittlung und Tradierung platonischer Gedanken verpflichtet, l\u00f6ste sie sich gleichwohl recht schnell \u2013 schon unter Arkesilaos (268 v.Chr.) \u2013 vom platonischen Dogma und neigte eher der skeptischen Schule zu, die gleichwohl keinen Lehrstuhl inne hatte und dennoch, wenn auch als Antithese zu anderen dogmatischen Schulen, im ganzen philosophischen Denken der Zeit sehr einflussreich war und blieb.\u00a0Im sp\u00e4tr\u00f6mischen Reich schlie\u00dflich war die Akademie nur noch ein Hort des Zweifels und der Infragestellung. Unter <strong>Plotin<\/strong> durfte sie im 5.Jahrhundert n.Chr. noch einmal aufleuchten\u00a0 im Sinne ihrer alten platonischen und dogmatischen Tradition.<\/p>\n<p>Gerade diese weltanschaulichen Schulen, wie sie von <strong>Lukian<\/strong> ironisch nur akzeptiert werden konnten und die allesamt hellenistischen Ursprungs waren, auch eine lange Tradition besa\u00dfen, beeindruckten mich sehr. Fand ich doch viele Fragestellungen, die heute &#8211; wenn vielfach auch in einer anderen Sprache &#8211; noch g\u00fcltig sind, bereits dort abgehandelt und bis ins Kleinste durchdacht. Doch gerade diese Schriftsteller waren vergessen, auch sie, ihr Denken, ihre Provokationen, ihre Antworten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich und endlich landete ich immer wieder auch bei den griechischen literarischen Quellen, die zwischen der \u201eAchsenzeit\u201c (den Klassikern um 450 vor Christus) und dem sp\u00e4tr\u00f6mischen Kaiserreich sich ausbreiten konnten, quasi auch das Fundament der griechisch-r\u00f6mischen Philosophie bildeten und mithin auch die einflussreichen Vorbilder Ciceros gewesen sein m\u00f6gen. Insbesondere das zweib\u00e4ndige Werk \u201eLeben und Meinungen ber\u00fchmter Philosophen\u201c von <strong>Diogenes Laertius<\/strong> aus der zweiten H\u00e4lfte des nachchristlichen dritten Jahrhunderts hatte mich gepackt.<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0Erst vor wenigen Jahrzehnten, 1967, ist eine vollst\u00e4ndige kritische \u00dcbersetzung des Werkes von Otto Apelt in Deutsch wieder erschienen.\u00a0Es ist das einzige\u00a0 gut und fast vollst\u00e4ndig erhaltene philosophiegeschichtliche Dokument aus der Antike. Selbst viele Werke des Aristoteles sind nur \u00fcber\u00a0 arabische \u00dcbersetzungen im Abendland bekannt geworden und haben dann schlagartig\u00a0 die Diskussion im\u00a0 Mittelalter befruchtet bis auf den heutigen Tag.<\/p>\n<p>Die Textsammlung, die\u00a0 von Diogenes Laertios\u00a0 zusammengestellt und weniger geschrieben\u00a0 worden ist \u2013 die meisten Texte sind\u00a0 von ihm nur abgeschrieben oder zitiert worden \u2013 ist ein seltsames Durcheinander von Biografien, Klatsch-und Tratschgeschichten, Gedichten, eingeschobenen Textzitaten und philosophischen Tiefgr\u00fcndeleien. Sie endet mit der Schule <strong>Epikurs<\/strong> \u2013 es ist das Zeitalter, in welchem der Autor lebte, auch wenn Diogenes sich eher der akademischen Schule zurechnete<a title=\"\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a>.<\/p>\n<p>Ich\u00a0 entdeckte auch in dieser Literatur des <strong>Hellenismus<\/strong>, wie sie genannt wird, immer \u00f6fter Ideen und Gedanken des fr\u00fchen <strong>Christentums<\/strong> mit all ihren einflussreichen und bis in die Gegenwart weiter wirkenden Folgen. Selbst die aktuelle und &#8220;ewige&#8221; Auseinandersetzung der r\u00f6misch-katholischen Kirche mit der materialistischen oder \u00a0freudianischen Orthodoxie \u2013 soll Geist oder Lust unser Leben bestimmen? \u2013 l\u00e4sst sich in diesem Kontext immer wieder finden und je nach Schule beantworten. Materialisten sind f\u00fcr Lust und Genuss, die Freudianer wollen die Lust sublimieren in kreative Leistungen auch f\u00fcr das Wohl der Gesellschaft, w\u00e4hrend die katholische Kirche sich eher f\u00fcr den Geist einsetzt und die Lust nur zur Arterhaltung akzeptiert. Die Geist-Lust-Dichotomie \u00a0bleibt zusammen mit der politischen Gesetzgebungs-Problematik: wie soll ein guter und gerechter Staat aufgebaut und geleitet werden, immer noch das f\u00fchrende geistige Thema unserer Zeit.<\/p>\n<p>Auch wir befinden uns mit meinen Ausf\u00fchrungen und\u00a0Erl\u00e4uterungen weiterhin in der imagin\u00e4ren Akademie Platons. Sie lebt fort, nicht mehr als eine Institution des \u00f6ffentlichen Diskurses, sondern unterschwellig und nur m\u00fchsamen anamnetischen Forschungen zug\u00e4nglich.\u00a0 Auch viele von uns haben den Schritt von der dogmatischen Glaubenswahrheit (etwa des Christentums oder des Marxismus) zur skeptischen Waage vollzogen und vielleicht auch wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sind nicht die Werke und Thesen Platons faszinierend, auch wenn sie \u00fcberholt scheinen?\u00a0Wollen wir nicht an \u00fcberzeitliche Werte wie Wahrheit, Sch\u00f6nheit und Gerechtigkeit glauben, selbst wenn diese Begriffe immer wieder in ihr Gegenteil zerfallen oder von windigen Neo-Sophisten relativiert werden k\u00f6nnen? &#8211;\u00a0Wer oder was ist Gott? &#8211; Ist unser Staat gerecht? &#8211; Und kann der Begriff, die \u201eIdee\u201c der Gerechtigkeit, ein Ende finden im menschlichen Denken, in der menschlichen Gesellschaft, jetzt, am <span style=\"text-decoration: underline;\">Ende von Sprache, Denken und Schrift?<\/span><\/p>\n<p>Zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt der Orientierungslosigkeit jedoch &#8211; zur Erinnerung,wir sind in der sp\u00e4tr\u00f6mischen Welt um 200 nach Christus! &#8211; haben sich alle diese von den Philosophen so wohl begr\u00fcndeten Thesen und Spekulationen \u00fcber Wahrheit, Sch\u00f6nheit, Gerechtigkeit oder Gott aufgel\u00f6st. Sie sind ersetzt worden durch neue, auch &#8220;wissenschaftliche&#8221; Gegenbilder und durch ebenso mehr oder weniger \u00fcberzeugende Gegenmeinungen, die sich in der allgemeinen philosophischen Auseinandersetzung gebildet haben.<\/p>\n<p>Alles hat sich scheinbar in die Gleichwertigkeit der Argumente, Theorien und Hypothesen aufgel\u00f6st und eine gro\u00dfe Ratlosigkeit hinterlassen. Die Fragen des Wohin und Wozu und Warum und Woher sind immer noch offen.<\/p>\n<p>Vielleicht sind sie auch gar nicht l\u00f6sbar.<\/p>\n<p>________________________________________<\/p>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a>\u00a0Das heutige Bildungsideal scheint sich hingegen \u00a0weniger ganzheitlich mehr auf die Spezial-Beherrschung bestimmter Techniken, etwa der Computer, der Sprachen, der K\u00fcnste, der Mathematik etc. zu beschr\u00e4nken.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a>\u00a0Dieses Quellenbuch der antiken Philosophiegeschichte hat noch zwei weitere \u00fcberlieferte Titel, die aber\u00a0 umst\u00e4ndlicher zu lesen sind: \u201eLeben und Meinungen derer, die sich in der Philosophie einen Namen gemacht haben\u201c, und \u201eSammlung der Lehrmeinungen der einzelnen Schulen in K\u00fcrze\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref8\">\u00a0<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=14%20%C3%9Cber%20die%20Begegnung%20mit%20der%20Antike%20%28II%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14 \u00dcber die Begegnung mit der Antike (II) Der reiche R\u00f6mer der Oberschicht wollte sein wie auch immer gestaltetes \u201eWohlleben\u201c genie\u00dfen. Dazu geh\u00f6rte\u00a0 wesentlich, dass er\u00a0gebildet\u00a0sein sollte. Seine Kinder hatten mit ihren meist aus Griechenland stammenden Privatlehrern die beste Ausbildung, die man sich vorstellen kann und die selbst in unserer Gegenwart noch g\u00fcltig bleibt.\u00a0Schon zu Platons Zeiten sollten\u00a0 in der&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[466],"tags":[1246,654,1248,1250,1252,1254],"class_list":["post-301","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein-de","tag-akademie-in-athen-de","tag-christentum-de","tag-diogenes-laertius-de","tag-epikur-de","tag-hellenismus-de","tag-plotin-de"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4WFkG-4R","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/301"}],"collection":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=301"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/301\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8539,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/301\/revisions\/8539"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}