{"id":3149,"date":"2014-10-25T06:53:55","date_gmt":"2014-10-25T06:53:55","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=3149"},"modified":"2018-02-02T11:47:26","modified_gmt":"2018-02-02T11:47:26","slug":"103-ueber-franco-evangelisti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=3149&lang=de","title":{"rendered":"103 \u00dcber Franco Evangelisti"},"content":{"rendered":"<h3>Vom Ende der Neuen Musik<\/h3>\n<h3><\/h3>\n<p>Was geht verloren, was w\u00e4re zu gewinnen, wenn keine neue Musik mehr gespielt, keine Partituren von Komponisten minuti\u00f6s gezeichnet und geplant w\u00fcrden? Der Italiener <strong>Franco Evangelisti<\/strong> (1928-1980), von dem nicht mehr als zehn v\u00f6llig verschiedene\u00a0 Kompositionen vorliegen, beantwortet diese Frage mit der Aufforderung zum <em>Schweigen<\/em>. Das Schweigen stehe am Ende der Musik-Entwicklung unseres Zeitalters, es sei Ausdruck einer allgemeinen Ersch\u00f6pfung und einer schweren Krise der abendl\u00e4ndischen Kunstmusik unserer Zeit*.<\/p>\n<p>Evangelisti entdeckt Vorstufen bereits dazu bei <strong>Webern<\/strong>, der mit seinen komponierten Pausen die Leere Besorgnis erregend vergr\u00f6\u00dfert habe. Der Autor deutet dieses Schweigen, dem er sich als Komponist angeschlossen hat (seit 1962 hat er mit einer Ausnahme nichts mehr komponiert) als einen \u00bbRespekt, den man Sterbenden schuldig ist und den man nur mit Stille zum Ausdruck bringen kann\u00ab. Oder, Adorno zitierend, man m\u00fcsse \u00bbunmetaphorisch und ohne Trost, so k\u00f6nne es nicht bleiben, die M\u00f6glichkeit des Verstummens ins Auge fassen\u00ab. Vielleicht sei nur noch eine Musik m\u00f6glich, die an diesem \u00c4u\u00dfersten, am eigenen Verstummen, sich messe.<\/p>\n<p>Evangelistis Buch, an dem der Autor bis zu seinem Tod 1980 sechzehn Jahre lang gearbeitet hat, liest sich \u00fcber weite Strecken wie eine fachkundige Geschichte der Neuen Musik unseres Jahrhunderts, voll wohl meinender Polemik und doch wiederum mit der Absicht, streng wissenschaftlich dabei vorzugehen.<\/p>\n<p>Evangelisti\u00a0 propagiert weiterhin Ideen, die nach seinen Worten \u00bbnicht zur\u00fcck schielen\u00ab, und er verlangt eine Musik, die nicht nur eine Wiederholung l\u00e4ngst veralteter, wohl bekannter und im Akademischen erstarrter Formeln darstelle. Eine solche Musik zu komponieren sei jedoch nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Selbst die elektronische Musik, die der italienische Komponisten-Wissenschaftler lange Zeit zusammen mit <strong>Lorenzo Viesi<\/strong> neu zu begr\u00fcnden suchte, sei nicht in der Lage gewesen, belebend zu wirken und die Lebensf\u00e4higkeit der instrumentalen Musik zu erreichen.<\/p>\n<p>Evangelisti\u00a0 ist kein Gegner, sondern nur ein konsequenter Verfechter impliziter Pr\u00e4missen der Neuen Musik. Er vertritt die Idee des musikalischen Fortschritts als einer Weiterentwicklung des musikalischen Materials, und er hat Zeit seines Lebens, darin ganz der Tradition <strong>Busoni-Var\u00e8se<\/strong> treu, eine neue Klangwelt, die er nicht mehr Musik hat nennen wollen, jenseits des temperierten Systems gesucht. In <strong>John Cage<\/strong> sieht und bewundert er den n\u00fctzlichen Provokateur und Katalysator, ihm gesteht er als einzigem noch eine gewisse Bedeutung zu.<\/p>\n<p>Seine Kritik an der Neuen Musik gipfelt mit freim\u00fctiger Offenheit und Konsequenz in den Begriffen \u00bbArmut\u00ab, \u00bbMonotonie\u00ab, \u00bbFormalismus\u00ab und \u00bbRestauration\u00ab. Immer wieder versucht der Autor zu beweisen, dass es seit Anfang der sechziger Jahre keine Komposition mit konventionellen Mitteln mehr habe geben k\u00f6nnen, die nicht restaurativ\u00a0 gewesen w\u00e4re. Dazu geh\u00f6re auch das Ph\u00e4nomen, \u00bbdass man diese Tatsache weder aussprechen noch sonst wie am Wert der Produktion dieser Pseudokultur zweifeln darf\u00ab. Und angesichts der sozialen Bedeutungslosigkeit der neuen Musik im \u00f6ffentlichen Leben schreibt er: \u00bbVoll Bitterkeit ist festzustellen, dass in unserer abendl\u00e4ndischen Gesellschaft der arme Komponist ernster Musik verkrochen in seiner Abstellkammer hockt\u00ab.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich seine Hauptthese der Ersch\u00f6pfung: \u00bbIch glaube, dass Zeit, Ausdruck und unmittelbare Kommunikation ihre Rolle (in der Musik) ersch\u00f6pft und ihre Pflicht getan haben, und dass das System seine Grenze nicht \u00fcberschreiten kann\u00ab. Eine Reformierung, Weiterentwicklung oder \u00c4nderung schlie\u00dft der Komponist also aus.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">*<\/h3>\n<p>Ekstatische Formen sind in der Sprache von <strong>Jean Baudrillard<\/strong> reine und leere Formen kurz vor ihrem Verschwinden**. \u00bbSie ber\u00fchren einen Punkt, an dem jedes System die kaum wahrnehmbare Grenze der Umkehrbarkeit, Widerspr\u00fcchlichkeit und Infragestellung \u00fcberschreitet, um zur Unwiderspr\u00fcchlichkeit, zur Selbstbespiegelung zu gelangen\u00ab. Die <span style=\"text-decoration: underline;\">Pataphysik der Systeme<\/span> schlie\u00dft in diesem Denken die \u00dcbersteigerung, das Eskalieren und schlie\u00dflich die Katastrophe ein. Ekstase und Katastrophe begegnen sich an einem bestimmten Punkt, einer Wegkreuzung, und die Sprache der Katastrophe ist dann perfekt,<\/p>\n<p>\u00bb<em>wenn Sie den Modus des eigenen Verschwindens bereits vorweg nimmt, ihn zu inszenieren wei\u00df und so zu einer maximalen Energie des Scheins gelangt<\/em>\u00ab.<\/p>\n<p>Nun nennt Baudrillard alle Figuren, die Figuren einer Steigerung der Leere (und mithin auch Ausdruck der Ekstase) sind, Figuren des Obsz\u00f6nen. Dieses Obsz\u00f6ne befindet sich bereits jenseits des Endes, denn alles ist dann nach Baudrillards Ausf\u00fchrungen \u00bbbereits vorbei\u00ab. Wir befinden uns somit, allgemein gesprochen, in einem <span style=\"text-decoration: underline;\">transfiniten\u00a0 Universum<\/span>, wo sogar Schein, Illusion und Simulation ihr eigenes Spiegelbild, die Verdoppelung n\u00e4mlich, gefunden haben: wir sind im <em>ewigen Zeitalter<\/em>.<\/p>\n<p>Indem die neue Musik der Gegenwart mittlerweile einen Zustand der ekstatischen Formen angenommen hat, simuliert sie also nur noch die eigene Existenz. Das hei\u00dft, sie ist nicht wirklich, sondern sie lebt nur als <em>Scheinph\u00e4nomen<\/em>. Sie befindet sich zwar in einem Zustand des Rausches, welcher vielf\u00e4ltige Energien freisetzt; ebenso nimmt sie aber auch eine tiefe und lang anhaltende Ersch\u00f6pfung vorweg.<\/p>\n<p>Als \u201eekstatische Erscheinung\u201c ber\u00fchrt sie sich mit den leeren Formen: Sie ist das Alsob von Kunst, von Bedeutsamkeit und Gr\u00f6\u00dfe. Sie ist obsz\u00f6ner Ausdruck des Besonderen und Wertvollen. Sie strahlt wie alle leeren Formen unwirklich und mit gro\u00dfer Energie und ist doch bereits im Stadium der Erkaltung: erstarrt, leere H\u00fclse, dogmatisch sich gegen jegliche Aufl\u00f6sung wehrend, das Ende.<\/p>\n<p>Sie ist also nur noch der Schein von Musik, ganz zu schweigen von Sinn, Bedeutung oder sozialer Wichtigkeit. Sie kann auch nicht mehr nach au\u00dfen hin explodieren, denn das w\u00fcrde Erneuerung, Austausch, Widerspruch und Auseinandersetzung bedeuten. Sie kann also, wie jedes Endstadium, weder revolutioniert noch reformiert werden. Ihr Ende vollzieht sich in Form einer Implosion: Sie f\u00e4llt in sich zusammen ohne gro\u00dfen Aufwand, ohne spektakul\u00e4re Abschiedsveranstaltung; sie ist nur noch f\u00fcr die Geschichtsschreiber und Geschichtsb\u00fccher von Wert.<\/p>\n<p>Doch wer liest heute noch in unserem neuen Zeitalter Geschichtsb\u00fccher, k\u00fcmmert sich noch um Geschichte? Niemand, und auch diese einzige Bedeutsamkeit von Neuer Musik wird somit Sinn entleert, f\u00e4llt in sich zusammen.<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Ekstase der Neuen Musik weist also auf ihr Verschwinden, auch auf das Ph\u00e4nomen des Schweigens und vollkommenen Verstummens hin. Sie wird damit zu einem Ph\u00e4nomen des <strong>Trans-Musikalischen<\/strong>, lebt nur noch von anderen als den immanenten musikalischen Werten und Faktoren.<\/p>\n<p>Etwa von soziologischen: Welche Gesellschaftsgruppe, welche Lebensform h\u00f6rt heute noch Neue Musik und warum. Von \u00f6konomischen: Wer hat ein finanzielles Interesse an dieser Musik (oder auch nicht). Oder psychologisch: Wie krank werden die aus\u00fcbenden Musiker durch diese Musik tats\u00e4chlich, warum str\u00e4uben sie sich so hartn\u00e4ckig, sie zu spielen und Partituren einzustudieren, warum lassen Sie sich krank schreiben oder fordern finanzielle Zulagen wegen k\u00f6rperlicher und psychischer \u00dcberanstrengung und so fort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>____________________________<\/p>\n<p>*Franco Evangelisti, \u201eMusik\/Konzepte 43\/44\u201c, Edition text+kritik 1985; Aufsatz erstmals abgedruckt in der Berliner taz und in der Zeitschrift &#8220;Das Orchester&#8221;(Schott-Verlag). Wieder ver\u00f6ffentlicht in\u00a0 Reinhold Urmetzer, \u201e\u00c4sthetik Band 3\u201c( Musikbuch) S.25ff<\/p>\n<p>**Alle Baudrillard-Zitate aus: \u201eAgonie des Realen\u201c, Berlin 1978 und \u201eDie fatalen Strategien\u201c, M\u00fcnchen 1985<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=103%20%C3%9Cber%20Franco%20Evangelisti&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Ende der Neuen Musik Was geht verloren, was w\u00e4re zu gewinnen, wenn keine neue Musik mehr gespielt, keine Partituren von Komponisten minuti\u00f6s gezeichnet und geplant w\u00fcrden? 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