{"id":3164,"date":"2014-10-27T08:18:11","date_gmt":"2014-10-27T08:18:11","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=3164"},"modified":"2021-12-08T09:33:29","modified_gmt":"2021-12-08T09:33:29","slug":"104-ueber-moderne-klassik-neue-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=3164&lang=de","title":{"rendered":"104 \u00dcber moderne Klassik (Neue Musik)"},"content":{"rendered":"<h3>Einf\u00fchrung in die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts<\/h3>\n<p>Auf den Blog-Seiten 103-99 sowie 96 besch\u00e4ftige ich mich\u00a0ausf\u00fchrlich mit der\u00a0 Musikgeschichte unserer Zeit. Genauer gesagt geht es um die Geschichte der <strong>modernen Klassik<\/strong>, wie ich diese Musik lieber benenne statt den Begriff \u00a0&#8220;Neue Musik&#8221; zu verwenden.<br \/>\nDenn diese Musik ist nicht mehr neu. Das radikal Neue war in der Zeit von <strong>Arnold Sch\u00f6nberg<\/strong> um 1900 die<em> Atonalit\u00e4t<\/em>, sprich das <em>Konsonanz-Tabu<\/em>. Jede neu komponierte Musik musste aus weltanschaulichen Gr\u00fcnden (dessen sind sich\u00a0 die wenigsten Musiker und Fachleute bewusst) <em>dissonant<\/em> sein, das hei\u00dft negativ, anti-b\u00fcrgerlich, provozierend auch im politisch-aufkl\u00e4rerischen Sinne. Es ging nicht nur um die Idee des Neuen, eine m\u00e4chtige, auch zerst\u00f6rerische Idee in unserer Kulturgeschichte. Es ging auch um die Abgrenzung im sozialen Sinn, um den Protest,den Dissens.<br \/>\nIch nenne diese Musik &#8220;<strong>modern<\/strong>&#8220;, weil sie wie andere Kunststr\u00f6mungen oder philosophisch-weltanschauliche Schulen ebenfalls ganz noch in der Tradition der\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">aufkl\u00e4rerischen Moderne<\/span> des 18.Jahrhunderts steht, und zwar in ganz Europa.<br \/>\nWichtige Parameter dieser Epoche im philosophischen wie auch \u00e4sthetischen, ja sogar politischen Sinn gelten bis auf den heutigen Tag. Genannt seien nur die\u00a0 Begriffe <em>Rationalit\u00e4t<\/em>,<em> Neuheit<\/em> und <em>Komplexit\u00e4t<\/em> und deren Ableitungen. Was im Anschluss daran jetzt <em>postmoderne Parameter<\/em> sind, l\u00e4sst sich leicht daraus herleiten.<\/p>\n<p>&#8220;<strong>Klassisch<\/strong>&#8221; nenne ich diese Musik einmal\u00a0 in einem positiv wertenden Sinne als technisch ausgefeilt, k\u00fcnstlerisch wie geistig hochwertig und auch nachhaltig, das bedeutet langlebig.<br \/>\nZum andern aber auch in dem negativen Sinne von elit\u00e4r, elaboriert und nur Wissende wie Fachleute ansprechend.<\/p>\n<p>Wir haben es kulturgeschichtlich also wieder mit einer \u00a0<strong>Musica reservata<\/strong> zu tun, wie sie sich auch im \u00dcbergang von Renaissance zum Barock gebildet hat, etwa in der Kirchenmusik der\u00a0 isorhythmischen Motette. Dazu geh\u00f6ren auch\u00a0 Ph\u00e4nomene wie Abgeschlossenheit, Dogmatik und Macht, Einfluss im negativen Sinne, das hei\u00dft Gegenbilder, Antithesen oder Infragestellungen\u00a0 ausschlie\u00dfend. \u201eKlassik\u201c bedeutet also nicht zuletzt auch Ghetto und Elfenbeinturm, \u00a0was sowohl Interpreten wie Publikum betrifft (vgl. \u00fcber Getrenntheit und Fremdheit der Lebensformen \u00a0untereinander meine Wittgenstein Aufs\u00e4tze Nr. 95-93).<\/p>\n<p>Der italienische Komponist und Musikwissenschaftler <strong>Franco Evangelisti<\/strong> hat als ein kritisch engagierter Insider \u00a0diese Endzeit-oder \u00dcbergangszeit-Ph\u00e4nomene sehr fr\u00fch schon richtig erkannt. Mittlerweile haben sich seine Analysen und Prognosen nur noch mehr best\u00e4tigt, ja sind sogar vom \u00fcberm\u00e4chtigen Vormarsch der Pop-Kulturindustrie in den Schatten gestellt worden.<\/p>\n<p>Auch ich bin bereits ein \u201eObjekt\u201c (\u201cOpfer\u201c?) dieser Entwicklung. Aufgewachsen mit Rock und Pop, dauernd die neuesten Hits im Ohr, Modetrends hinter her laufend, gleichwohl jedoch auch in streng dogmatischen Musikakademien ausgebildet und mit der Bereitschaft, auch dieser Spur zu folgen, diesen Weg einer &#8220;zeitgen\u00f6ssischen Musik&#8221; einzuschlagen, bin ich quasi zweipolig aufgewachsen und war offen f\u00fcr das Eine wie f\u00fcr das Andere.<\/p>\n<p><strong>Karlheinz Stockhausen<\/strong> stelle ich vor als ein Repr\u00e4sentant\u00a0 eben dieser \u00dcberkomplexit\u00e4t und mit eben diesem Anspruch auf Alleinherrschaft und Macht, die sich bis in die Gegenwart bei Vertretern dieser Schulrichtung gehalten hat. Der Belgier <strong>Karel Goeyvaerts<\/strong> war mehrere \u00a0Jahre lang Mitstreiter und Mitarbeiter von Stockhausen im K\u00f6lner Rundfunkstudio des WDR und hat sich dennoch schlie\u00dflich ganz aus dieser Welt und von dieser Ideologie verabschiedet, weil er sogar <em>krank machende Faktoren<\/em>\u00a0in dieser Art Musikmachen, \u00a0Musikstruktur, im\u00a0 Spielen und H\u00f6ren einer solchen Art von Musik entdecken zu k\u00f6nnen glaubte.<\/p>\n<p><strong>Sylvanio Bussotti<\/strong> \u00a0schlie\u00dflich habe ich ausgew\u00e4hlt, weil er als ein Hauptvertreter der Aufl\u00f6sung dieser Dogmatik und dieser Schule angesehen werden kann. Sicher und noch mehr m\u00fcsste \u00a0auch der Amerikaner <strong>John Cage<\/strong> mit einbezogen werden. \u00a0Aber dieser hat sich nie dem europ\u00e4ischen\u00a0 Atonalit\u00e4ts-Dogma verpflichtet gef\u00fchlt, w\u00e4hrend Bussotti doch noch ganz in der Spur der europ\u00e4ischen modernen Klassik bleibt, um sich schlie\u00dflich mit Improvisation und Musikgrafik ganz davon zu befreien und damit den Weg \u00a0\u00f6ffnet auch f\u00fcr das absurde Musiktheater <strong>Schnebels<\/strong> oder <strong>Kagels<\/strong>.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hat Bussotti auch das bei manchen Schulen \u00a0bis in die Gegenwart hinein weiterhin propagierte und dominierende subtile H\u00f6ren, Wissen, Aufmerksam-Sein und Denken mittels ausgefallener Klangeffekte etwa im meisterhaften Stil <strong>Ligetis<\/strong> unterst\u00fctzt. Eine Antithese zu diesem rationalen H\u00f6ren &#8211; sie hat sich mittlerweile eher durchgesetzt &#8211; \u00a0w\u00e4re das Tanzen, Mitf\u00fchlen, das emotionale, motorische oder auch assoziative H\u00f6ren, welches einen ganz k\u00f6rperlichen und weniger intellektuellen Zugang zum Menschen und seiner Existenz findet.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: inherit;\">Alle die eben genannten \u00a0drei Pioniere der modernen Klassik habe ich pers\u00f6nlich kennengelernt und \u00fcber sie geschrieben. Die Texte stammen aus dem Archiv etwa der Neuen Zeitschrift f\u00fcr Musik, der Stuttgarter Zeitung oder der taz, haben aber ihre Aktualit\u00e4t bewahrt dergestalt, dass ich nichts daran habe \u00e4ndern m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p>Weggelassen habe ich vier Anti-Pioniere der traditionellen Musikgeschichte, <strong>Strawinsky<\/strong>, <strong>Bartok<\/strong> und <strong>Hindemith\/Orff<\/strong>, die unbeschadet von heftigen Angriffen und Ablehnungen ihren Weg weiter gegangen sind, bruchlos auch die Musikgeschichte \u00fcber den Expressionismus hinaus gef\u00fchrt \u00a0und bis in die Gegenwart ein gro\u00dfes Publikum gefunden haben.<\/p>\n<p>Sie sind Suchende, die sich jenseits der Sch\u00f6nberg-Schule und ihrer Adepten positioniert und eine eigene Sprache jeweils gefunden haben. Auch indem sie das traditionelle, manche meinen sogar das &#8220;von der Natur vorgegebene H\u00f6ren&#8221; (Hindemith) akzeptiert haben und es nicht umerziehen wollten.<br \/>\nDie Jahre sind vergangen mit ihren Br\u00fcchen und Umbr\u00fcchen, aber manches aus der Vergangenheit ist mitsamt all den \u00dcbergangserscheinungen doch noch aktuell geblieben. Also ist auch eine Arch\u00e4ologie des Denkens und seiner Objektivationen, hegelianisch gesprochen, weiterhin von Nutzen. Wie immer bei mir, wenn ihr dies lest, sind Erinnerungen an die heterodoxen Schreib-und Denkstile unserer franz\u00f6sischen Nachbarn durchaus gewollt und erw\u00fcnscht. Vielleicht verstehen mich auch meine Leser dann besser.<\/p>\n<p>Selbst die Weltanschauungen haben sich ge\u00e4ndert, die Vorstellungen \u00fcber ein Leben, wie es ist, \u00a0sein sollte oder sein k\u00f6nnte, und damit auch unsere Vorstellungen \u00fcber Kunst, \u00fcber die \u00a0Aufgabe der K\u00fcnstler, des Kunst-Schaffens.<br \/>\nDass mittlerweile alles im gl\u00fccklichen Delirium eines nur noch wirtschaftlichen Zielen und Wahrheiten unterworfenen Denkens mit tanzen und taumeln und fallen muss, das ist gleichwohl ein ganz neues Zeichen unserer Wendezeit, wo niemand so recht abzusch\u00e4tzen wei\u00df, wohin der Weg f\u00fchrt. Auch in der Musik.<\/p>\n<p>______________________________________<\/p>\n<p><strong>91: Inhaltsverzeichnis gesamt 90-1<\/strong><\/p>\n<p>103: \u00dcber Evangelisti<\/p>\n<p>102: \u00dcber Sylvano Bussotti<\/p>\n<p>101: Carol Morgan<\/p>\n<p>100: \u00dcber Karlheinz Stockhausen<\/p>\n<p>99: \u00dcber Karel Goeyvaerts<\/p>\n<p>97: \u00dcberkomplexe Musik II<\/p>\n<p>96: \u00dcberkomplexe Musik I<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=104%20%C3%9Cber%20moderne%20Klassik%20%28Neue%20Musik%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einf\u00fchrung in die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts Auf den Blog-Seiten 103-99 sowie 96 besch\u00e4ftige ich mich\u00a0ausf\u00fchrlich mit der\u00a0 Musikgeschichte unserer Zeit. Genauer gesagt geht es um die Geschichte der modernen Klassik, wie ich diese Musik lieber benenne statt den Begriff \u00a0&#8220;Neue Musik&#8221; zu verwenden. Denn diese Musik ist nicht mehr neu. Das radikal Neue war in der Zeit von Arnold&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[468,546],"tags":[718,950,904,952,912,954,956,958,960,962,964,966,920],"class_list":["post-3164","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-de","category-musik-de","tag-aufklaerung-de","tag-bussotti-de","tag-cage-de","tag-evangelisti-de","tag-goeyvaerts-de","tag-kagel-de","tag-klassik-de","tag-ligeti-de","tag-moderne-de","tag-musica-reservata-de","tag-schnebel-de","tag-schoenberg-de","tag-stockhausen-de"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4WFkG-P2","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3164"}],"collection":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3164"}],"version-history":[{"count":43,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3164\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12503,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3164\/revisions\/12503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3164"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3164"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3164"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}