{"id":3679,"date":"2015-01-10T09:47:38","date_gmt":"2015-01-10T09:47:38","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=3679"},"modified":"2020-08-11T13:25:51","modified_gmt":"2020-08-11T13:25:51","slug":"127-ueber-meinungsfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=3679&lang=de","title":{"rendered":"127 \u00dcber Meinungsfreiheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Charlie Hebdo<\/strong> ist eine Satire-Zeitschrift in Frankreich und Belgien, die ich seit vielen Jahren kenne.\u00a0 Zeitweise war sie zusammen mit dem reinen Comic-Magazin &#8220;Charlie&#8221; die f\u00fchrende Comic-Zeitschrift \u00fcberhaupt, die von mir so gesch\u00e4tzte K\u00fcnstler wie\u00a0<em>R\u00e9gis Frank<\/em>, <em>Wolinski<\/em>, <em>F&#8217;Murr<\/em> oder <em>Franquin<\/em> ber\u00fchmt und erfolgreich hat werden lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aber auch Meinungsfreiheit hat m.E. eine Grenze, welche die Schreiber und K\u00fcnstler selbst kennen, sp\u00fcren, auch die Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernehmen m\u00fcssen.<br \/>\nNur wo ist diese Grenze, die sich immer wieder verschiebt, mal hier-, mal dorthin? Das ist die Frage.<\/p>\n<p><strong>Platon<\/strong> wollte\u00a0 in seinem idealen &#8220;Staat&#8221; Theaterst\u00fccke und sogar Musik-Tonarten ganz verbieten lassen, weil er deren schlechten Einfluss auf die Bev\u00f6lkerung bek\u00e4mpfen wollte. In seinem Himmel der Ideen taucht das Wort &#8220;Freiheit&#8221; eher selten auf. Und wenn dann nur im Sinn eines Stadtstaates, der sich gegen Eroberung und Versklavung zur Wehr setzen musste. In diesem allgemeinen, nicht jedoch im individual-psychologischen Sinne war Freiheit und Kampf gegen Unfreiheit angesagt.<\/p>\n<p>Auch das Mittelalter kannte nicht den Freiheitsbegriff in unserem Sinn: Die Religion definierte dogmatisch fast jede Lebensspur, zumal es ja auch gewaltbereite F\u00fcrst-Bisch\u00f6fe und P\u00e4pste gab. Widerspruch war nicht erlaubt. Und wenn ja (<strong>Luther<\/strong>s &#8220;<span style=\"text-decoration: underline;\">Freiheit eines Christenmenschen<\/span>\u201c), dann nur mit dem Kollateralschaden eines blutigen Religionskrieges, der noch nicht einmal 1648 endete. Im Namen des einen Gottes mordete und schlachtete man ganze D\u00f6rfer ab gegen eine andere Gottesvorstellung.<\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung im 18.Jahrhundert brachte den individual-psychologischen Begriff von Freiheit des Denkens, der Selbstentfaltung ins Spiel. Auch sexuelle Freiheit wurde thematisiert (Marquis de Sade). Nach Schiller ist nur das Denken und Meinen frei, nicht jedoch das Handeln. Im Mittelpunkt standen au\u00dferdem mehr die \u201eKlassenschranken\u201c, wie die Marxisten sp\u00e4ter sagten, das B\u00fcrgertum, das sich gegen die allm\u00e4chtige Aristokratie zur Wehr setzen wollte.<\/p>\n<p>Die Franz\u00f6sische Revolution hatte dann sogar Freiheit zusammen mit Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben. Was daraus wurde, ist allseits bekannt. Napoleon als Kaiser, Wiener Kongress, willk\u00fcrlich zusammengew\u00fcrfelte L\u00e4nder und V\u00f6lker. Sp\u00e4testens 1989, 200 Jahre danach, wurden in Frankreich von den dortigen Philosophen selbst diese Revolutions-Ideale voller Ironie und Spott zu Grabe getragen. Wo bleiben Gleichheit, Freiheit, Br\u00fcderlichkeit?<br \/>\nEin Seitenzweig dieser Entwicklung in der Epoche der Aufkl\u00e4rung, deren gro\u00dfer philosophischer F\u00fcrsprecher nicht zuletzt <strong>Kant<\/strong> war, hat sich\u00a0in den USA fortgepflanzt mit der <span style=\"text-decoration: underline;\">Deklaration der Menschenrechte<\/span>, die das Allgemeine und Staatliche mit dem Individuellen und Pers\u00f6nlichen zu verbinden suchte und bis heute dort Ton angebend geblieben ist.<\/p>\n<p>Vor allem in den USA werden die individuellen Rechte besonders hartn\u00e4ckig verteidigt, allen voran die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit und die sexuelle Selbstbestimmung. Immer mehr setzen sich ebenfalls die sogenannten Frauenrechte durch (von &#8220;M\u00e4nnerrechten&#8221; wird noch nicht gesprochen), auch wenn alle diese Rechte in weiten Teilen der Welt nicht akzeptiert werden aus ideologischen und machtpolitischen Gr\u00fcnden.<br \/>\nImmerhin hatte <strong>Hegel<\/strong> bereits in seiner <em>Rechtsphilosophie<\/em> definiert (und sp\u00e4ter auch Marx, vor allem jedoch Lenin), Freiheit sei die <u>Einsicht in die Notwendigkeit der Beschr\u00e4nkung<\/u>, also der Unfreiheit. Ein Satz, den alle autorit\u00e4ren Machthaber, Diktatoren und Tyrannen dieser Welt f\u00fcr sich und ihre Anliegen gegenw\u00e4rtig immer noch gerne in Anspruch nehmen.<\/p>\n<p>Der \u00d6konom und Publizist <strong>Bernard Maris<\/strong>, der f\u00fcr die satirische Wochenzeitschrift Charlie Hebdo Kolumnen gegen die Konsumgesellschaft und den \u00abkapitalistischen Furor\u00bb schrieb und ebenso wie Wolinski zu den zw\u00f6lf Todesopfern des Anschlages in Paris z\u00e4hlt, schreibt im Vorwort eines Bandes, der mit Hilfe von Karikaturen aus \u00abCharlie Hebdo\u00bb eine Chronik der Jahre 1992 bis 2012 entwirft:<br \/>\n<em>&#8220;Warum ist das Leben nicht, wie wir es ertr\u00e4umen: poetisch, befriedet, intelligent, spekulativ, widerspr\u00fcchlich, aber so, dass jede Meinungsverschiedenheit, jede Z\u00e4nkerei sich nach einer z\u00fcnftigen Diskussion in einem Glas Rotwein aufl\u00f6sen kann \u2013 und nicht in einer Blutlache?&#8221;<\/em> (Aus: Neue Z\u00fcrcher Zeitung, 8.1.2015)<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=127%20%C3%9Cber%20Meinungsfreiheit&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Charlie Hebdo ist eine Satire-Zeitschrift in Frankreich und Belgien, die ich seit vielen Jahren kenne.\u00a0 Zeitweise war sie zusammen mit dem reinen Comic-Magazin &#8220;Charlie&#8221; die f\u00fchrende Comic-Zeitschrift \u00fcberhaupt, die von mir so gesch\u00e4tzte K\u00fcnstler wie\u00a0R\u00e9gis Frank, Wolinski, F&#8217;Murr oder Franquin ber\u00fchmt und erfolgreich hat werden lassen. 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