{"id":3823,"date":"2015-03-01T09:00:04","date_gmt":"2015-03-01T09:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=3823"},"modified":"2021-02-01T09:04:47","modified_gmt":"2021-02-01T09:04:47","slug":"135-ueber-solipsismus-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=3823&lang=de","title":{"rendered":"135 \u00dcber Solipsismus (3)"},"content":{"rendered":"<p>Der Solipsismus hat eine lange Tradition. In der Antike, vor allem in Rom, war er in Form der <span style=\"text-decoration: underline;\">stoischen Philosophie<\/span> die f\u00fchrende intellektuelle Schule der Zeit.<\/p>\n<p>Der Stoiker ist, so in einer leicht karikierenden Beschreibung von Lukian, \u201edie Tugend selbst\u201c. \u201eEr ist, kann und wei\u00df alles <strong>allein<\/strong>: Er ist allein weise, allein sch\u00f6n, allein gerecht tapfer klug, ein Redner, Gesetzgeber, K\u00f6nig allein\u201c und so fort. Er will auf niemanden anderen angewiesen sein als auf sich selbst.<\/p>\n<p>Das Christentum ist dergestalt seit seinem Beginn im r\u00f6mischen Weltreich eine direkte <span style=\"text-decoration: underline;\">Antithese<\/span> dazu: Gerade das Zusammenhalten, die N\u00e4chstenliebe und das Miteinander unter Gleichberechtigten (auch Frauen, auch Sklaven d\u00fcrfen Menschen sein) f\u00f6rdert und propagiert das Christentum bis in die Gegenwart hinein.<\/p>\n<p>Weitere Vorstufen des gegenw\u00e4rtigen Solipsismus gibt es im franz\u00f6sischen <strong>Existenzialismus<\/strong>, insbesondere bei <span style=\"text-decoration: underline;\">Camus<\/span>, der ebenfalls Einsamkeit und Fremdheit, das Alleinsein, das Alleinsein-M\u00fcssen, Alleine-Sterben immer wieder betont.<\/p>\n<p>Im positiven Sinne unterst\u00fctzt der Solipsismus demgegen\u00fcber sehr den <strong>Individualismus<\/strong>, wie ihn die liberalen Parteien der Gegenwart als <em>Freiheit des<\/em> <em>Einzelnen<\/em> gegen das Allgemeine und Kollektive auf ihre Fahnen geschrieben haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in diesem \u00a0Zusammenhang &#8211; \u00a0die N\u00e4he zu den negativen Dialektikern wie Horkheimer, Marcuse oder Adorno ist offensichtlich &#8211; auch das Nein-sagen-K\u00f6nnen, Nein-sagen-D\u00fcrfen als ein wesentliches Kriterium des Individualismus mit angesehen wird, unterscheidet sich der Existenzialismus davon dadurch, dass das Alleinsein eher negativ als Fremdheit der Menschen untereinander, als Qual und Last angesehen wird.<\/p>\n<p>Eine weitere Vorstufe des Solipsismus ist in der Vorkriegs-Philosophie bei \u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">Ludwig Wittgenstein<\/span> zu finden, der ebenfalls das Alleinsein in der Sprache, in der Lebensform, auch das Andersartigsein immer wieder betont hat mit allen sozialen Konsequenzen, die bis in die aktuellen Multi-Kulti-Diskussionen hinein reichen (wie kompatibel sind christliche und muslimische Sprachspiele und Lebensformen \u00fcberhaupt). Auch ethnologische und ethnografische Forschungen unter den Naturv\u00f6lkern unterst\u00fctzen den Solipsismus: Jeder lebt und denkt und spricht in seiner eigenen Welt, das ist auch immer wieder: <span style=\"text-decoration: underline;\">in einer anderen<\/span> <span style=\"text-decoration: underline;\">Welt<\/span>.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig ist der Solipsismus mit seinem ausgepr\u00e4gten Individualismus, ja Subjektivismus sehr in der postmodernen Philosophie pr\u00e4sent. <strong>Lyotard<\/strong> etwa mochte z.B. die so aufm\u00fcpfigen und individuellen Sophisten in der griechischen Polis ganz besonders gern, nicht die Dogmatiker im Sinne von Platon, Aristoteles oder anderen.\u00a0Man wehrte sich sehr heftig in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegen den allgemein auferzwungenen <span style=\"text-decoration: underline;\">Kollektivismus<\/span>, wie ihn der Sozialismus und die so genannten kommunistischen Staaten eingef\u00fchrt hatten, zum Beispiel in der Landwirtschaftslehre mit ihren Verstaatlichungen. Das Jahr 1989 und die Implosion dieser Staatsmodelle standen bevor, ohne jedoch \u00fcberzeugende neue Alternativen anbieten zu k\u00f6nnen. Gegenw\u00e4rtig (2021) dominiert seitdem und weiterhin ein aggressiver <u>\u00d6konomismus<\/u>, der Fremdheit und Fremdbestimmung noch mehr unterst\u00fctzt. Die Allmacht von Geld und materiellem Denken hat sich zumindest vorl\u00e4ufig durchgesetzt.<\/p>\n<p>Die vielen mit Kopfh\u00f6rern zugest\u00f6pselten j\u00fcngeren Zeitgenossen &#8211; was bedeuten sie nichts anderes als das solipsistische Abgewendetsein von ihren Mitmenschen? Lasst mich in Ruhe. Ihr interessiert mich nicht. Ich interessiere mich nur f\u00fcr mich selbst. Und meinen materiellen Erfolg, muss man wohl noch hinzuf\u00fcgen.\u00a0<span style=\"font-size: inherit;\">Kein Blick, keine Neugierde, geschweige denn Kontakt oder Kommunikation werden gew\u00fcnscht, werden m\u00f6glich.<\/span><\/p>\n<p>Ich denke, diese verst\u00f6pselten Menschen der Gegenwart in den Bahnen, Caf\u00e9s und auf den Stra\u00dfen oder Pl\u00e4tzen unserer St\u00e4dte k\u00fcnden tats\u00e4chlich, um einen Begriff von <strong>Jean Baudrillard<\/strong> zu benutzen, von der <span style=\"text-decoration: underline;\">Ekstase des Solipsismus<\/span>, wie er schon damit beginnt, obsz\u00f6n zu werden.<\/p>\n<p>Als Lebensform wird er m.E., um auf meine beiden letzten Blogeintr\u00e4ge \u00fcber \u201eSolipsismus und Gl\u00fcck\u201c zur\u00fcck zu kommen, zuk\u00fcnftig im Zusammenleben mit \u00a0<strong>Robotern<\/strong> und menschlichen <strong>Klonen<\/strong> noch aktueller werden. Bei Menschen, die schon jetzt nicht mehr aus ihren selbst gew\u00e4hlten Gef\u00e4ngnissen heraus k\u00f6nnen, ist er die herrschende <span style=\"text-decoration: underline;\">Philosophie der Resignation<\/span>, vielleicht auch der Verzweiflung.<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Demn\u00e4chst<\/span>: Philosophische Schulen und die Suche nach Sinn im antiken Rom.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=135%20%C3%9Cber%20Solipsismus%20%283%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Solipsismus hat eine lange Tradition. 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