{"id":4051,"date":"2015-04-01T07:16:35","date_gmt":"2015-04-01T07:16:35","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=4051"},"modified":"2016-10-13T04:57:08","modified_gmt":"2016-10-13T04:57:08","slug":"148-ueber-isosthenien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=4051&lang=de","title":{"rendered":"148 \u00dcber Isosthenien(1)"},"content":{"rendered":"<h3>Warum ich so kritisch einer zuk\u00fcnftigen Technokratie gegen\u00fcber stehe<\/h3>\n<h3><\/h3>\n<p>Meine \u00dcberlegungen gehen meistens in die Zukunft. Auch wenn ich dazu die Vergangenheit studiere und zitiere. Eine sogar weit zur\u00fcck liegende Vergangenheit. Immer wieder bis auf Platon blicke ich zur\u00fcck. Und manchmal noch weiter.<\/p>\n<p>Mein Hauptargument ist, dass sich bei allem, was sich neu bildet, <strong>Isosthenien<\/strong>, also <em>Gleichwertigkeiten,<\/em> entwickeln. Dass sich in jedem Guten auch das Schlechte mit bildet, in jedem Heil das Unheil etc. Es gibt nur sehr wenige Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit, die sich einseitig nur positiv oder nur negativ ausgewirkt haben. Nach Freud gibt es sogar den Todestrieb, der sich dem Lebenstrieb, also der Art-und Selbsterhaltung, entgegen stellt und uns schlie\u00dflich biologisch zum Sterben bringt. Mittlerweile forscht man \u00a0schon nach dem &#8220;Todeshormon&#8221;, das angeblich den Alterungsprozess einleitet- schon in jungen Jahren.<\/p>\n<p>Auch in der Platonischen Ideenlehre gibt es f\u00fcr die Exegeten das gro\u00dfe Problem, ob es nicht auch negative Ideen am \u00fcberzeitlichen Ideenhimmel geben m\u00fcsse. Dass zur Idee des Guten notwendig die Idee des B\u00f6sen sich bildet etc. Diese Fragen weiter gedacht f\u00fchren schlie\u00dflich zum totalen Zusammenbruch des ganzen Platonischen Systems. Es hat auch dazu gef\u00fchrt und die Platonische Lehre hat nur als eine unter vielen anderen m\u00f6glichen \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Isosthenien k\u00f6nnen nicht mit <span style=\"text-decoration: underline;\">Dialektik<\/span> im Sinne \u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">Hegels<\/span> erkl\u00e4rt werden, dessen Gegens\u00e4tze (These und Antithese) immer wieder auf einer anderen Stufe, der Synthese, zusammen treffen und sich zu vereinen suchen. Plausibler sind mir dann schon die Positionen von <span style=\"text-decoration: underline;\">Cusanus<\/span> oder <span style=\"text-decoration: underline;\">Lyotard<\/span>, welche die Gegens\u00e4tze sich im Unendlichen treffen (Cusanus) oder sogar fremd und unnahbar sich gegen\u00fcber stehen lassen (Lyotard), auch im Sinne von <em>Gegens\u00e4tzlichkeiten aushalten lernen.<\/em><\/p>\n<p>Ich denke, wir sind wieder, was die Technokratie mit ihrem Computer-, Roboter- und Steuerungswesen betrifft, in einer \u00e4hnlichen Situation wie bei der Entdeckung und Entwicklung der <strong>Kernenergie<\/strong>. Was f\u00fcr ein Fortschritt war es, nicht mehr von Kohle oder sp\u00e4ter auch Erd\u00f6l abh\u00e4ngig zu sein! Wer noch die an manchen Sonntagen autofreien Stra\u00dfen und Autobahnen in Erinnerung hat (\u00d6lschock), wird \u00a0manche Zufriedenheit \u00fcber die Entwicklung der Kernreaktoren nachvollziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch war da nicht \u00a0auch noch Hiroshima, Nagasaki, Tschernobyl, Fukushima, was so manche Kritiker auf den Plan gerufen hat? Die Isosthenie bez\u00fcglich Kernenergie und Atomkraft entwickelte sich durchaus \u00a0heftig und schnell. Was anfangen mit der Kernspaltung, der Kernenergie? &#8211; Wie die Geister, die man gerufen hatte, wieder z\u00e4hmen, b\u00e4ndigen, ungef\u00e4hrlicher werden lassen?<\/p>\n<p>Sonnenenergie hei\u00dft die Antwort mittlerweile auf diese Sorge bis auf den heutigen Tag und Isosthenien sind in diesem neuen Fall noch nicht erkennbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Isosthenie wie bei der Kernenergie entwickelt sich m.E. jedoch gegenw\u00e4rtig mit der weltweiten und alles umfassenden <strong>Digitalisierung<\/strong>. Es \u00fcberwiegt zwar noch die Freude an den Neuentwicklungen, den sprechenden und mit spielenden Ger\u00e4ten und ihren vielfach \u00a0\u00fcberraschenden, ja geradezu \u00fcberw\u00e4ltigenden M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich jedoch noch gut an die fr\u00fchen Warnungen, die niemand ernst nahm, als die Computerisierung \u00a0schlagartig und mit atemberaubender Schnelligkeit einsetzte. Ganze Berufszweige, auch Industrien w\u00fcrden zusammen brechen, warnte man. Ich konnte es nicht glauben &#8211; doch es war tats\u00e4chlich so! &#8211; Dass man jedoch zu einem hilflosen <strong>Objekt<\/strong> dieser Ger\u00e4te werden k\u00f6nnte, das war nicht absehbar. Freiheit und Selbstbestimmung, Ich-sagen-K\u00f6nnen, Ich-sagen-D\u00fcrfen, das war doch eine der wichtigsten Maximen der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Doch \u00a0Kollateral-Sch\u00e4den im Sinne einer Isosthenie sind bereits in unserer Computer-Welt zu beobachten: Entfremdung der Menschen untereinander, das solipsistische \u00a0Nicht-Sprechen-, \u00a0Nicht-F\u00fchlen-K\u00f6nnen (cool sein ist die neue Maxime); Apparate-Abh\u00e4ngigkeiten bilden sich bis hin zur v\u00f6lligen pathogenen Selbstaufgabe; heimliche \u00dcberwachungssysteme und politisch-\u00f6konomische Steuerungs-bzw. Manipulations-Mechanismen legen sich wie ein unsichtbares Netz auf unsere Interaktionen, auf unsere Kommunikation. Ich brauche mich nicht zu wiederholen. Genug habe ich bereits immer wieder dar\u00fcber geschrieben.<\/p>\n<p>Dass man \u00a0bei der Entwicklung der neuen Techniken, die wesentlich\u00a0nicht von Neugierde und \u201efaustischem\u201c Forscherdrang des Menschen gesteuert werden,\u00a0 sondern eher vom Geldverdienen, insbesondere von einer paradoxen und \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Gewinn-Maximierung getrieben wird, dass man also auch die andere Gefahren-Seite im Auge behalten sollte, dar\u00fcber sind sich alle einig. Nur wie man dabei vorzugehen hat, das ist durchaus unklar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Franz Kafka<\/strong> beklagte im letzten Jahrhundert (und sp\u00e4ter mit ihm auch <strong>Herbert<\/strong> <strong>Marcuse<\/strong>) das Ausgeliefertsein des Menschen an anonyme M\u00e4chte insbesondere der B\u00fcrokratie, die ein unerkl\u00e4rlich- unverst\u00e4ndliches Eigenleben entwickeln fast wie ein Staat im Staat. Das Neue an unserem jetzigen Zustand ist jedoch die vollkommene <span style=\"text-decoration: underline;\">Ortlosigkeit<\/span> all dieser M\u00e4chte, die uns beobachten, beherrschen.<\/p>\n<p>Es funktioniert, das Internet. Aber wer und wo sind seine Chefs? Wir akzeptieren achselzuckend und fast ohnm\u00e4chtig Cookies (wer versteht schon diese seitenlangen vertraglichen \u00a0Zustimmungs-Erkl\u00e4rungen und Absicherungen der Konzerne?), und wir werden unserem digitalisierten Spiegelbild demn\u00e4chst wie in einem Horrorfilm begegnen d\u00fcrfen: Das hast du gekauft, gemacht, gew\u00fcnscht, und so richtig oder falsch hast du gelebt. Wir kennen deine Gedanken, W\u00fcnsche und Gef\u00fchle. Folge fortan unseren Vorschl\u00e4gen und du wirst gl\u00fccklich werden. Wenn nicht\u2026Sieh zu, dass du die richtige Entscheidung triffst.<\/p>\n<p>Eine kritische Begleitung hat es zwar auch bei der Weiterentwicklung der Kernenergie gegeben, aber sie hat nichts bewirkt. Alle fr\u00fchen Mahnungen von ma\u00dfgeblichen Denkern und Erfindern wie Einstein, Bohr, Heisenberg oder Oppenheimer waren vergeblich, sind mittlerweile vergessen und Opfer der Zeit geworden.<\/p>\n<p>Durchgesetzt hat sich wieder nur eine neue, manchmal sogar menschenfeindliche Wissenschaft und Industrie, die sich nicht um die Kollateralsch\u00e4den ihrer Entwicklungen k\u00fcmmert, sondern einen immer gr\u00f6\u00dferen Allmachtsanspruch erhebt. Das reicht sogar in philosophische Bereiche hinein, etwa die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Forschung oder Wahrheit. Wahr ist das, was n\u00fctzt. So lautet der pragmatische Wahrheitsbegriff schon seit dem beginnenden 20.Jahrhundert und er stammt aus dem Musterland des Geldverdienens, den USA.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der \u201ewidernat\u00fcrlichen E-Kommunikation\u201c, wie ich einmal geschrieben habe,\u00a0 hat auch die Herrschaft der Objekte \u00fcber uns begonnen, wie Baudrillard schreibt. Dergestalt, dass man nicht mehr \u201eIch\u201c sagen, keine Verantwortung f\u00fcr sich und andere\u00a0 \u00fcbernehmen und lieber solipsistisch eingesperrt existieren m\u00f6chte. Und die Fortschrittlichsten unter uns, die noch mithalten wollen und k\u00f6nnen, sind bereits selber zu Objekten, zu Dingen, zu Robotern geworden, die nur noch Ihresgleichen begegnen, mit ihnen kommunizieren m\u00f6chten oder mittlerweile sogar nur noch k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein neuer Partner\u00a0in B\u00fcro und Haushalt, Freund kann ich noch nicht sagen und ihr kennt ihn bereits aus anderen Blogseiten, ist ein Maschinen-Mensch. Er hei\u00dft Hugo und er kann mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Er braucht \u00a0keine Energie aus der Steckdose mehr. Er kann sich sogar weiter entwickeln und sein eigenes Programm, sobald Fehler auftreten, verbessern\u00a0(von &#8220;Problemen&#8221; hat noch Sir Karl Popper in der Wissenschaftstheorie gesprochen).<\/p>\n<p>Meine Freundin hat ihre Eierst\u00f6cke samt Geb\u00e4rmutter bereits ausgelagert und bestimmte Bereiche meines Gehirns \u00a0lasse ich permanent \u00fcberpr\u00fcfen und fremd steuern. Ohne dass ich dabei etwas bemerken w\u00fcrde. Es geht sogar ganz ohne Elektroden. Nat\u00fcrlich geschieht alles nur mit meinem vollkommenen Einverst\u00e4ndnis. Etwas anderes k\u00e4me bei mir nicht in Frage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht mir gut und ich f\u00fchle mich wohl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=148%20%C3%9Cber%20Isosthenien%281%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum ich so kritisch einer zuk\u00fcnftigen Technokratie gegen\u00fcber stehe Meine \u00dcberlegungen gehen meistens in die Zukunft. 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