{"id":4307,"date":"2015-06-16T08:05:46","date_gmt":"2015-06-16T08:05:46","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=4307"},"modified":"2020-06-25T17:03:25","modified_gmt":"2020-06-25T17:03:25","slug":"160-tacitus-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=4307&lang=de","title":{"rendered":"160 Tacitus (2)"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Sklavenleben<\/h3>\n<p>Im Folgenden geht es um einen T\u00f6tungsdelikt unter der Herrschaft des Kaisers Nero. Ein Sklave hat seinen Hausherrn, einen \u201egewesenen Konsul\u201c und B\u00fcrgermeister von Rom, get\u00f6tet aus Eifersucht und Rache, weil dieser seinen Geliebten, ebenfalls ein Sklave im Haushalt des Herrn (<em>dominus<\/em>), als Nebenbuhler begehrt und missbraucht hatte(&#8220;seinen Herrn sich als Nebenbuhler nicht gefallen lassend&#8221;).<\/p>\n<p>Das im Senat unter Nero behandelte Problem daran anschlie\u00dfend war jedoch nicht die gerechte Todesstrafe f\u00fcr den M\u00f6rder. Sondern nach r\u00f6mischem Recht sollten daraufhin <span style=\"text-decoration: underline;\">alle anderen Sklaven<\/span> des Haushaltes ebenfalls hingerichtet werden, und w\u00e4ren es auch &#8211; wie in diesem Fall &#8211; vierhundert Personen.<\/p>\n<p>Dieses Vorgehen war\u00a0nun einigen Politikern doch zu grausam, zumal sich das Volk bereits in den Stra\u00dfen sammelte und gegen ein solch veraltetes Gesetz auf die Barrikaden zu gehen bereit war.<\/p>\n<p>Wiedergegeben habe ich im folgenden Originaltext des Geschichtsschreibers <strong>Tacitus<\/strong> die Rede von <strong>Gajus Cassius<\/strong> im Senat, einem Anh\u00e4nger der <span style=\"text-decoration: underline;\">Kollektiv-Todesstrafe*<\/span>. Der 24j\u00e4hrige Kaiser Nero, Vorsitzender des Gerichts, war ebenfalls f\u00fcr die Kollektiv-Hinrichtung. Mit einigen Tricks und Drohungen an die Bev\u00f6lkerung wurde das Urteil schlie\u00dflich auch vollstreckt.<\/p>\n<p><em>\u201eOftmals, Senatoren, bin ich in dieser Versammlung gewesen, wenn gegen die Anordnungen und Gesetze der Vorfahren neue Senatsbeschl\u00fcsse gefordert wurden, und ich habe nichts dagegen gehabt.<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht etwa weil ich daran zweifelte, dass vordem f\u00fcr alle Angelegenheiten besser und zweckm\u00e4\u00dfiger gesorgt sei und, was man ver\u00e4ndere, nur verschlimmert werde, sondern damit es nicht schiene, dass ich meine Stimme aus zu gro\u00dfer Vorliebe f\u00fcr die alte Sitte erheben wollte.<\/em><\/p>\n<p><em> Zugleich glaubte ich das Ansehen, welches ich etwa<\/em>s<em> besitze, nicht durch h\u00e4ufigen Widerspruch untergraben zu d\u00fcrfen, damit es geschw\u00e4cht bliebe, wenn einmal der Staat des Rates bed\u00fcrftig w\u00e4re.<\/em><\/p>\n<p><em>Dies ist heute der Fall, da ein gewesener Konsul in seinem eigenen Hause durch Sklaven-Hinterlist ermordet worden ist, die niemand verhindert oder verraten hat, obwohl noch der Senatsbeschluss nicht ersch\u00fcttert ist, welcher der ganzen Sklavenschaft die Todesstrafe androhte.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Beschlie\u00dft, beim Herkules, Straflosigkeit, aber kann dann einen seine W\u00fcrde sch\u00fctzen, wenn das hohe Amt eines B\u00fcrgermeisters der Stadt noch nichts geholfen hat! Wen wird die Menge seiner Sklaven sichern, da den <strong>Pedanius Secundus<\/strong>\u00a0 vierhundert \u00a0Menschen im eigenen Haushalt nicht gesch\u00fctzt haben.<\/em><\/p>\n<p><em>Oder hat etwa der M\u00f6rder erlittenes Unrecht ger\u00e4cht, wie einige ohne zu err\u00f6ten unterstellen? Weil er \u00fcber v\u00e4terliches Verm\u00f6gen einen Vertrag geschlossen hat oder ihm ein vom Gro\u00dfvater ererbter Sklave entzogen wurde?<\/em><\/p>\n<p><em>Lasst uns doch gar den Ausspruch tun, es scheine uns der Pedanius Secundus mit Recht ermordet zu sein!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es folgt nach dieser zynischen \u00a0Aufforderung eine l\u00e4ngere Darlegung, dass es unter den Sklaven im Palast unbedingt habe Mitwisser geben m\u00fcssen. Also m\u00fcssten s\u00e4mtliche Sklaven auch zur Abschreckung get\u00f6tet werden.<\/p>\n<p>Wie grausam die R\u00f6mer \u00a0auch mit Kriegsgefangenen umgingen, zeigt folgende Bemerkung in der Rede des Cassius:<\/p>\n<p><em>&#8220;Es werden so aber einige unschuldig ums Leben kommen, wendet man ein. Nun ja, auch in einem geschlagenen Heere ziehen, wenn der Tod jeden zehnten Mann trifft, selbst die Tapferen das Los. Jedes gro\u00dfe Straf-Exempel ist mit einer gewissen Unbilligkeit verbunden, die jedoch dem einzelnen gegen\u00fcber durch den \u00f6ffentlichen Nutzen wieder aufgewogen wird\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Das bedeutet, da die Heere (\u201eLegionen\u201c) immer riesig gro\u00df waren(ca. zwanzig- f\u00fcnfzigtausend Mann), wurden bei jedem Sieg des Gegners zwei- bis f\u00fcnftausend Soldaten im unterlegenen Heer als Strafe immer sofort hingerichtet.<\/p>\n<p>Tacitus beendet seine Beschreibung ohne Partei zu ergreifen:<\/p>\n<p><em>\u201eEs gab dennoch durcheinander hallende Rufe, die die Menge der Hinzurichtenden oder das Alter, das Geschlecht und der meisten unbezweifelte Unschuld bemitleideten. Dennoch behielt die Partei die Oberhand im Senat, welche die T\u00f6tung beschloss. Aber man konnte nicht Folge leisten, da die Menge sich zusammen dr\u00e4ngte und mit Steinen und Feuer-Br\u00e4nden drohte. Da gab der Kaiser durch einen Erlass dem Volke sein Missfallen zu erkennen und lie\u00df alle Wege, auf welchen die Verurteilten zur Stra\u00dfe abgef\u00fchrt wurden, mit Milit\u00e4r besetzen\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Befehlsverweigerung unter Soldaten oder &#8220;Polizisten&#8221; wurde sofort mit dem Tode bestraft. Der Senat, das allgemeine Parlament, hatte je nach Zeitalter bis zu 1000 Mitglieder, alle aus der aristokratischen Oberschicht. Heute w\u00fcrde man Oberhaus sagen. Ein Unterhaus gab es nicht.<\/p>\n<p><strong>Cingonus \u00a0Varro<\/strong> hatte daraufhin \u00a0beantragt, dass auch die Freigelassenen, die sich unter demselben Dach befanden, aus Italien verwiesen werden sollten. Dies wurde vom Kaiser verhindert, \u201e<em>damit der alte Brauch, dem das Mitleid keinen Abbruch getan, nicht durch Grausamkeit \u00fcbertrieben w\u00fcrde&#8221;.<\/em><\/p>\n<p>Freigelassene geh\u00f6rten zur obersten Schicht innerhalb der Sklavenhierarchie eines Hauses. Griechisch sprechende Sklaven galten als gebildet und waren oft Hauslehrer, denn man musste zweisprachig in Rom aufwachsen. \u00c4gyptische Sklaven beiderlei Geschlechts vom Sklavenmarkt aus Alexandria, der Kornkammer des Reiches und an denen sich M\u00e4nner wie Frauen \u201eerfreuten\u201c, waren nach Auskunft von Lukian \u201elasziv\u201c und begehrt(sexy w\u00fcrden wir heute sagen). Die Kinder der Freigelassenen waren im sp\u00e4teren Erwachsenenalter frei, wenngleich auch sie noch nicht ganz das begehrte r\u00f6mische B\u00fcrgerrecht besa\u00dfen. Auch diese Freigelassenen sollten ebenfalls im Antrag von Varro bestraft werden, diesmal mit Verbannung. Doch das war sogar dem Kaiser Nero zu grausam, zumal &#8220;<em>dem alten Brauch durch Mitleid kein Abbruch getan&#8221;<\/em> worden sei.<\/p>\n<p>&#8220;Nach altem Brauch&#8221; war immer mit Grausamkeit verbunden, etwa auch die Todesstrafe durch Steinigen, vom Felsen St\u00fcrzen oder zu Tode Peitschen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>*Tacitus, S\u00e4mtliche Werke a.a.O. S.580ff<\/p>\n<p><strong>S.109: B\u00fccher von Reinhold Urmetzer. Neu: &#8220;Abfahrende Schiffe&#8221; -Prosagedichte. Dazu gibt es auch eine CD mit Mao Zhao und Albertina Eunju Song. Vgl. Nr.63 und 64 im Blog.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Statistik<\/strong> <span style=\"text-decoration: underline;\">Meist gelesen<\/span>: 45 Vom Denken (\u00dcber Eurozentrismus) 42 Jean Baudrillard II \u00dcber Pornografie)\u00a024 Achim Kubinski (Mein Beginn mit den franz\u00f6sischen\u00a0Philosophen) 155 Maurice Blanchot (der schwierigste Text von allen \u00fcberhaupt !! Vielleicht gerade darum so beliebt)\u00a025 Satyricon (Luxus und Laster) 114 Martial \u00a0100 \u00dcber Karlheinz Stockhausen (Neue Musik) 96 Vom akademischen Manierismus in der Neuen Musik (Kritik der Neuen Musik)<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=160%20Tacitus%20%282%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Sklavenleben Im Folgenden geht es um einen T\u00f6tungsdelikt unter der Herrschaft des Kaisers Nero. 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