{"id":4366,"date":"2015-07-01T08:37:09","date_gmt":"2015-07-01T08:37:09","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=4366"},"modified":"2021-10-11T16:58:57","modified_gmt":"2021-10-11T16:58:57","slug":"162-senecas-tod-roemische-lektuere-viii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=4366&lang=de","title":{"rendered":"162 Senecas Tod (R\u00f6mische Lekt\u00fcre VIII)"},"content":{"rendered":"<h3>Seneca, Petronius, Nero<\/h3>\n<p>(Tacitus 4)<\/p>\n<p>Selbstmord war im antiken Rom eine heroische und bewundernswerte Leistung, f\u00fcr die es zahlreiche heldenhaft verehrte Vorbilder gab. Er zeugte von Tapferkeit, Seelenst\u00e4rke und Gelassenheit dem allm\u00e4chtigen Schicksal gegen\u00fcber, der einzigen Gottheit, an die zu glauben man allgemein noch bereit war. Er st\u00fctzte sich au\u00dferdem auf Tugenden, die von der stoischen Schule propagiert wurden und in einem Milit\u00e4rstaat wohl gelitten waren. Im Folgenden zitiere ich wieder aus den &#8220;<span style=\"text-decoration: underline;\">Annalen<\/span>&#8221; des <strong>Tacitus<\/strong> (a.a.O.S.620ff\/S.634 ff).<\/p>\n<p><em>Als Seneca dies und \u00c4hnliches gleichsam f\u00fcr alle ausgesprochen hatte, umarmte er seine Gattin, bat und beschwor sie, vom augenblicklichen Leid etwas weicher geworden, sich zu m\u00e4\u00dfigen, dass sie sich nicht endlosem Schmerze erg\u00e4be, sondern dass sie ihre Sehnsucht nach dem Gatten in der Betrachtung seines der Tugend geweihten Lebens und durch die Tr\u00f6stungen der Tugend zu ertragen suchte.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie dagegen erkl\u00e4rte, auch ihr sei ja der Tod bestimmt, und sie forderte selbst des M\u00f6rders Hand. Da sagte Seneca, ihrem Ruhm nicht widerstrebend und zugleich aus Liebe, um die einzig Geliebte keinen Kr\u00e4nkungen zu hinterlassen:<br \/>\n&#8220;Des Lebens Trost hatte ich dir gezeigt, du ziehst des Todes Ehre vor. Solchen Beispielen will ich nicht wehren. So sei denn in uns beiden die Festigkeit bei so \u00a0tapferem Scheiden gleich; gr\u00f6\u00dferer Ruhm liegt jedoch in deinem Ende&#8221;.<\/em><\/p>\n<p><em>Hierauf \u00f6ffneten sich beide mit einem Schnitt des Dolches die Arme.\u00a0<\/em><em>Seneca zerschneidet, weil sein alter und durch sp\u00e4rliche Nahrung schm\u00e4chtig gewordener Leib nur langsam dem Blute Fluss gew\u00e4hrte, auch die Adern der Beine und Kniekehlen und riet, von w\u00fctenden Qualen ersch\u00f6pft, der Gattin, um durch seinen Schmerz nicht ihren Mut zu brechen und auch durch den Anblick ihrer Pein nicht selbst in Ungeduld zu verfallen, sich in ein anderes Zimmer zu entfernen.<\/em><\/p>\n<p><em>Weil der Tod jedoch immer noch nicht eintreten wollte, bat Seneca Statius Annaeus, der ihm lange durch treue Freundschaft und \u00e4rztliche Geschicklichkeit bew\u00e4hrt war, ihm das bereit gehaltene Gift, womit die zum Tode Verurteilten in Athen get\u00f6tet wurden, zu reichen. Als es ihm gebracht war, trank er es erfolglos, weil seine Glieder schon kalt und der K\u00f6rper unempf\u00e4nglich daf\u00fcr war.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Endlich stieg er in eine Wanne warmen Wassers, besprengte die ihm nahe stehenden Sklaven mit den Worten, er weihe \u00a0diese Fl\u00fcssigkeit dem Jupiter Liberator.<br \/>\nDann in ein Bad getragen und durch dessen Dampf get\u00f6tet, wurde er ohne alle Leichenfeier verbrannt. So hatte er es schriftlich angeordnet, als er noch mitten in der F\u00fclle des Reichtums und der Macht sein Ende bedachte.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Tigellinus, <\/strong>von Beruf Pferdez\u00fcchter mit gro\u00dfen Landg\u00fctern<strong>,<\/strong> kam ab dem Jahre 62 als ein neuer Berater in Neros Kabinett. Er inszenierte <em>&#8220;aus Neid wie gegen einen Nebenbuhler und im Wissen um den im Lebensgenuss h\u00f6her Stehenden&#8221; <\/em>eine Intrige im Zusammenhang mit der <span style=\"text-decoration: underline;\">Pisonischen Verschw\u00f6rung<\/span> im Jahre 65, so dass auch <strong>Petronius<\/strong> zum Freitod gezwungen wurde (zu Petronius vgl. meine Satyricon-Rezension im Blog Nr.25)<\/p>\n<p><em>Petronius verbrachte den Tag im Schlaf, die Nacht in Gesch\u00e4ften und in den Vergn\u00fcgungen des Lebens. Wie andere Menschen eine T\u00e4tigkeit, so hatte ihn das Nichtstun zur Ber\u00fchmtheit werden lassen. Er wurde jedoch nicht f\u00fcr einen Schlemmer und Verschwender, sondern f\u00fcr einen gebildeten Lebemann gehalten(&#8230;)\u00a0<\/em><em>In sein Laster, die Nacht zum Tag zu machen, zur\u00fcck gesunken, oder sei es, dass er nur den Schein davon annahm, wurde er von <strong>Nero<\/strong> unter seinen wenigen Vertrauten als Richter des guten Geschmacks aufgenommen, wobei Nero in seinem gro\u00dfen \u00dcberflusse nichts f\u00fcr angenehm und f\u00fcr behaglich hielt, als was Petronius\u00a0ihm empfohlen hatte.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch auch Petronius zeigte sich ohne Todesfurcht: Er warf das Leben nicht in Hast von sich, sondern lie\u00df, wie es ihm einfiel, sich die Adern verbinden und wieder \u00f6ffnen. Dabei sprach er zu seinen Freunden, aber nicht in ernstem Tone oder in einer Weise, mit der er den Ruhm seiner Seelenst\u00e4rke h\u00e4tte begr\u00fcnden k\u00f6nnen. Er h\u00f6rte ihnen auch zu, wenn sie gerade nicht von der Unsterblichkeit und von den Ansichten der Weisen sprachen, sondern wenn sie schl\u00fcpfrige Gedichte und spielerische Verse vortrugen.<\/em><\/p>\n<p><em>Einige seiner Sklaven beschenkte er, andere lie\u00df er gei\u00dfeln, ging noch zur Tafel und gab sich dem Schlafe hin, damit der wenngleich auch erzwungene Tod dem nat\u00fcrlichen \u00e4hnlich w\u00e4re.\u00a0<\/em><em>Nicht einmal in seinem Testament schmeichelte er dem Nero, sondern er zeichnete vielmehr des Kaisers Laster unter Auff\u00fchrung der Namen der Lustknaben und Dirnen und der Neuheit jedes Sch\u00e4ndungs-Alters auf und sandte dieses versiegelt dann an Nero.<\/em><\/p>\n<p>Nero wollte am Ende seiner Herrschaft im Jahre 68 von <strong>Ostia <\/strong>aus mit einem Schiff nach Afrika fliehen. Da jedoch niemand \u00a0dazu bereit war, suchte er in\u00a0der N\u00e4he von Rom ein Versteck. Nur vier Begleiter sind ihm geblieben, darunter auch <strong>Sporus<\/strong>, seine &#8220;Gattin&#8221;(die dann \u201ein Diensten\u201c des Pr\u00e4fekten\u00a0der Leibwache\u00a0<strong>Sabinus<\/strong> und auch des sp\u00e4teren Kaisers <strong>Otho<\/strong> stand).<\/p>\n<p>\u00dcber Neros Tod schreibt der r\u00f6mische Schriftsteller <strong>Sueton <\/strong>in seinen Kaiser-Biografien a.a.O. S.304ff (die Aufzeichnungen des Tacitus zu diesem historischen Ereignis sind verloren gegangen):<\/p>\n<p><em>Seine Begleiter drangen wiederholt in ihn, sich der drohenden schrecklichen Behandlung bald m\u00f6glichst durch einen Freitod zu entziehen. Nero befahl also, ein Grab vor seinen Augen zu graben, wozu er selbst das Ma\u00df seines Leibes gab und ein paar St\u00fcck Marmor zusammen zu stellen, ebenso Wasser und Holz herbei zu schaffen, um sofort seinem Leichnam die letzte Ehre zu erweisen. Er begleitete alle diese Anordnungen mit Tr\u00e4neng\u00fcssen, indem er dabei zum wiederholten Male ausrief: &#8220;Welch ein K\u00fcnstler stirbt in mir!&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\nW\u00e4hrend er so den entscheidenden Augenblick hinausz\u00f6gerte, kam ein Bote mit Briefschaften an. Er riss sie ihm aus der Hand und las, dass er vom Senat zum Staatsfeind erkl\u00e4rt worden sei und dass man ihn suche, um an ihm die Strafe nach altem Brauch zu vollziehen. Sein Leib werde mit Peitschen zu Tode geschlagen. Nero ergriff entsetzt zwei Dolche, pr\u00fcfte die Spitze beider und steckte sie dann wieder ein, indem er bemerkte, noch sei die Schicksalsstunde nicht gekommen. Dann forderte er mehrmals \u00a0<strong>Sporus <\/strong>auf, die Totenklage und das Wehe-Geschrei um ihn anzustimmen. Dann bat er wieder, es m\u00f6chte doch irgendeiner ihm zum Selbstmord durch sein Beispiel behilflich sein.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Da springen \u00a0dann auch schon die Reiter heran, denen es befohlen war, ihn lebendig zu fangen. Als er es bemerkte, rezitierte er einen Vers von Homer und stie\u00df sich den Dolch in die Kehle, wobei ihm <strong>Epaphroditus<\/strong>, sein Kabinetts-Sekret\u00e4r, behilflich war. Dann hauchte er seine Seele aus. Vor allem und am dringendsten hatte er von seinen Begleitern das Versprechen erbeten, dass sie niemandem gestatten sollten, ihm den Kopf abzuschneiden, sondern dass sie ihn unter allen Umst\u00e4nden unverst\u00fcmmelt verbrennen m\u00f6chten.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Dies geschah dann zusammen mit <strong>Acte<\/strong>, einer &#8220;Konkubine&#8221;, so Sueton, die Zeit seines Lebens seine Geliebte war und um die Nero anscheinend immer wieder vergeblich geworben hatte<em>. Dies hat <strong>Icelus<\/strong>\u00a0bewilligt, Galbas \u00a0Freigelassener, der selbst eben erst aus dem Gef\u00e4ngnis befreit worden war, in das man ihn beim Beginn des Aufruhrs gegen Nero geworfen hatte<\/em>.<\/p>\n<p>Nach Neros Tod gab es einen B\u00fcrgerkrieg im Milit\u00e4r um die Kaiser-Nachfolge. Gleich drei Gener\u00e4le (<strong>Galba<\/strong> in Spanien, <strong>Vitellius<\/strong> in Germanien und <strong>Otho<\/strong> in Norditalien) k\u00e4mpften im Jahr 68 mit ihren gro\u00dfen Heeren \u00a0unter-und gegeneinander um die Herrschaft in Rom.<\/p>\n<p>Vom Sieger und nachfolgenden <strong>Kaiser Galba<\/strong> berichtet Sueton:<\/p>\n<p><em>Man sagt, Galba habe in Spanien \u00a0den <strong>Icelus<\/strong>, einen seiner alten Unzuchts-Genossen, als dieser ihm die Nachricht von dem Tod Neros brachte, nicht nur vor aller Welt auf das leidenschaftlichste gek\u00fcsst, sondern sich auch auf der Stelle seine Gunst erbeten und ihn in ein Nebenzimmer gef\u00fchrt.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=162%20Senecas%20Tod%20%28R%C3%B6mische%20Lekt%C3%BCre%20VIII%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seneca, Petronius, Nero (Tacitus 4) Selbstmord war im antiken Rom eine heroische und bewundernswerte Leistung, f\u00fcr die es zahlreiche heldenhaft verehrte Vorbilder gab. 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