{"id":4909,"date":"2015-12-07T10:16:42","date_gmt":"2015-12-07T10:16:42","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=4909"},"modified":"2022-06-12T18:49:39","modified_gmt":"2022-06-12T18:49:39","slug":"192-vom-denken-vi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=4909&lang=de","title":{"rendered":"192 Vom Denken VI"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left\">Chaos-Denker<\/h3>\n<p>Von Heraklit \u00fcber Pyrrhon, Sextus, Descartes, Pascal, Nietzsche bis hin zu Baudrillard, Derrida oder Paul Feyerabend &#8211; sie alle waren Chaos-Denker. Chaos-Denker weniger im Sinne der Mathematik, der Systemtheorie oder Kybernetik, sondern im Sinne des Geistes: Wie funktioniert unser Denken? Wie kommen wir zu den Wahrheiten? Auch zu den mathematischen? Was sind Wahrheiten f\u00fcr den Geist? F\u00fcr das Denken? Wie entstehen Handlungsanweisungen, Ideologien, Weltbilder?<\/p>\n<p>Selbst die Mathematik kippt gelegentlich &#8211; erfreulicher Weise, muss ich wohl sagen &#8211; um ins Irrationale: Sie spricht von der Unendlichkeit der Unendlichkeit, rechnet mit Irrationalit\u00e4ten und Unendlichkeiten, ohne zu wissen, was diese Unendlichkeit letztlich bedeutet (vgl. auch die fast schon paradoxe <span style=\"text-decoration: underline\">Chaitin Konstante<\/span> im Blog Nr.90) Aber in ihren Rechnungen: es funktioniert, es hat sich in der Praxis bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Das Denken ist immer in der Vielfalt seiner M\u00f6glichkeiten, fast schon in seiner unendlichen Mannigfaltigkeit (unter dem &#8220;Aspekt der Ewigkeit&#8221; im Sinne der alten R\u00f6mer betrachtet) widerspr\u00fcchlich, chaotisch, vieldeutig. Die Sehnsucht nach Einheit, Einheitlichkeit, nach der heiligen Eins im Sinne von Parmenides, Pythagoras oder Platon, nach dem Ganzen, Geschlossenen treibt uns jedoch immer wieder dazu, eine Ordnung in diesem Chaos des Denkens, der Wahrheitsfindung, der Mutma\u00dfungen zu unterstellen (zu\u201chypostasieren&#8221;) oder zu konstruieren. Wir streben nach Ordnung, wir versuchen eine Struktur im Sprechen, im Denken aufzubauen, zu finden und nennen dies dann Grammatik, Lexikon, Logik, Regelkanon, um nur einige Beispiele zu nennen.<br \/>\nDenn dieses Denken ist uns ebenso angeboren wie die Sehnsucht nach Nahrung, nach Z\u00e4rtlichkeit und Liebe, Lachen und zweckfreiem Spiel.<br \/>\nDas Wissen um das Nichtwissen (Ich wei\u00df, dass ich nichts wei\u00df) ist letztlich nur ein Kokettieren mit der Begrenztheit und Endlichkeit unseres Denkens. Sokrates hat m.E. diesen Satz in einem ironischen Kontext gepr\u00e4gt, auch wenn er ihn gleichwohl mit einem Wissen verbindet, das Wissen um das Nichtwissen.<\/p>\n<p>In der griechischen Mythologie stand am Anfang das <strong>Chaos<\/strong> mit den f\u00fcnf G\u00f6ttern, darunter auch als einer der Ur-G\u00f6tter <strong>Eros<\/strong>, der Gott des Lebens, Zeugens und der Kreativit\u00e4t. Als Antithese entwickelte sich in dieser Ur-Situation der Welt-Entstehung (die Juden nennen den Anfangs-Zustand <em>Tohuwabohu<\/em>, im Alten Testament wird er als &#8220;w\u00fcst und leer&#8221; beschrieben) alsbald der <strong>Kosmos,<\/strong> das Strukturierte, das Geistige, das als das unver\u00e4nderbar Ganze-Gesamte sp\u00e4ter dann von den Eleaten definiert wird und dies leicht ver\u00e4ndert in seiner Begrifflichkeit bis auf den heutigen Tag (&#8220;Entropie&#8221;).<\/p>\n<p>Chaos und Kosmos scheinen nicht nur im Makrokosmos, sondern auch im Mikrokosmos des Denkens einen ewigen Streit miteinander zu f\u00fchren. Dass alles aus Antithesen, Ambivalenzen besteht, die sich schlie\u00dflich &#8211; so der fromme Glaube mancher Philosophen &#8211; doch zu einer Vereinigung, einer Synthese wieder zusammen finden oder f\u00fcgen lassen, hat schon sehr fr\u00fch der griechische Philosoph Heraklit (um 500 v.Chr.) festgestellt:<\/p>\n<p><em>Das Widereinander-Stehende zusammenstimmend und aus dem Unstimmigen die sch\u00f6nste Harmonie (B8)* &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Gut und \u00fcbel sind eins; der Weg hin und her ist ein und derselbe (B 58, B 60) &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Gleich ist Anfang und Ende auf der Kreislinie.(B 103) &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Ein und dasselbe ist Lebendiges und Totes und Wachendes und Schlafendes und Junges und Altes; denn dies schl\u00e4gt um und ist jenes, und jenes wiederum schl\u00e4gt um und ist dies.(B 88)<\/em><\/p>\n<p>Ich verstehe jedoch darunter: Alles ist voller <strong>Isosthenien<\/strong> (Gleichwertigkeiten). Anders als im dialektischen Denken schimmern und irrlichtern diese auf beiden Seiten(These wie Antithese) ambivalent. Das bedeutet: Der Geist muss das Chaos um sich herum und auch in sich selbst zu strukturieren versuchen, er muss eine Ordnung finden (Naturgesetze, sagen die Objektivsten), eine Ordnung konstruieren (sagen die Subjektivisten). Dass immer nur Wahrheit von Fall zu Fall sein kann, dass richtig falsch sein kann und umgekehrt, dass unsere Handlungen oder Ziele sowohl planlos wie planvoll sein k\u00f6nnen und so fort &#8211; das \u00fcberfordert unser praktisches Handeln und Denken und f\u00fchrt uns permanent zu Grenzen und Unstimmigkeiten.<\/p>\n<p>Ambivalenzen sind eindeutig: Gegens\u00e4tze k\u00f6nnen jeweils sofort als richtig oder falsch eingesch\u00e4tzt werden.Tagt\u00e4glich m\u00fcssen wir uns entscheiden. Diese Ambivalenzen zu erkennen im Denken oder in der beobachteten Wirklichkeit um uns herum nennt man <span style=\"text-decoration: underline\">dialektisches Denken<\/span>. Es war jedoch anfangs bei Platon noch etwas anderes. Bei ihm war Dialektik das forschende Ann\u00e4hern an die Wahrheit, an die Idee der Wahrheit durch ein sorgf\u00e4ltiges miteinander <span style=\"text-decoration: underline\">Sprechen<\/span>, ein Fragen und (Be)antworten im Dialog und Auge in Auge.<\/p>\n<p>Gewiss werden auf diesem Weg Antithesen entwickelt oder auch gefunden. Aber nicht nur. Die Ann\u00e4herung an die Wahrheit geschieht im Falle von Sokrates eher durch das Fragen, das Wissen, meistens eines Wissenden, d.h. letztlich auch eines Vor-Denkers, eines F\u00fchrers, eines Gurus. Letztlich also durch Sokrates selbst, den All-Wissenden.<br \/>\nPlaton erhoffte sich f\u00fcr die Gesellschaft und den Staat deshalb auch sehr viel von einer Herrschaft der Philosophen. Was aber letztlich schon zu seiner Zeit kl\u00e4glich gescheitert ist unter seiner F\u00fchrung. Theorie und Praxis gehen nicht so leicht zusammen, wie es sich die Philosophen manchmal ausdenken m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Hegel und sein Sch\u00fcler Karl Marx haben sich &#8211; auch wenn der Begriff f\u00fcr Dialektik von ihnen enger gefasst worden ist &#8211; ausf\u00fchrlich damit befasst. These wie Antithese bedingen einander, erg\u00e4nzen sich gelegentlich sogar und f\u00fchren schlie\u00dflich nach einem mehr oder weniger heftigen Streit zu einer neuen Ebene der Synthese. <strong>Konsens<\/strong> ist ein Begriff aus der Handlungstheorie und bedeutet \u00c4hnliches: das Ausgleichen eines Streites der Gegens\u00e4tze im sozialen Bereich auf einer anderen Ebene, ohne dass es dabei idealiter Sieger oder Besiegte geben darf. In der Gesellschaftstheorie bedeutet das, dass sich Klassengegens\u00e4tze im Sinne des Marxismus aneinander reiben und schlie\u00dflich auf einer neuen h\u00f6heren Ebene zusammen f\u00fcgen lassen. Weniger durch Konsens also durch Kampf und Gewalt bis hin zu B\u00fcrgerkrieg und Guerilla-Taktik.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Isosthenien jedoch in ihrer Gegens\u00e4tzlichkeit auch wieder weiter gegens\u00e4tzlich sind und so fort, gegens\u00e4tzlich bleiben k\u00f6nnen (nicht immer) und nicht nach einer Synthese oder einem Konsens streben. Auch wenn dies m\u00f6glich ist und auch sehr oft m\u00f6glich gemacht wird.<\/p>\n<p>In der Praxis hei\u00dft das: Gegens\u00e4tze auch manchmal stehen lassen in ihrer Gegens\u00e4tzlichkeit und nicht immer sofort nach Synthese, Ausgleich, Konsens rufen. Das Andersartige in seiner Andersartigkeit lassen und interessant, auch n\u00fctzlich finden zum Beispiel.<\/p>\n<p>Das bedeutet dennoch, dass das dialektische Denken im Laufe der Geistesgeschichte f\u00fcr das soziale Leben mehr n\u00fctzlich und effektiv war, w\u00e4hrend das Denken in Isosthenien eher zum Chaos, zur Zerst\u00f6rung der Einheit und zur\u00fcck zur absoluten Heterogenit\u00e4t einer verwirrenden Vielfalt f\u00fchren musste. Ich nenne dies gerne das <strong>Pluriversum<\/strong> und beziehe den Begriff weniger auf den kosmologischen als auf den sozialen Bereich unserer Lebensformen.<\/p>\n<p>Deshalb k\u00f6nnen sich Isosthenien auch nicht evolutionshistorisch durchsetzen. Sie sind gleichwohl jedoch der oft vergebliche Versuch, das Chaos in und um uns herum geistig zu strukturieren, warum es keine Einheitlichkeit, keine Eindeutigkeit, keine Absolutheit geben kann. Es sei denn mittels einer autorit\u00e4ren <span style=\"text-decoration: underline\">Dogmatisierung<\/span>.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center\">*<\/h3>\n<p>Doch schon in dem Moment, in dem ich dies sage oder schreibe, bin ich bereits wieder in einer Falle: Ich muss, um glaubw\u00fcrdig meinen Wahrheitsanspruch zu verteidigen, die Gegenseite einer sich bildenden Isosthenie <span style=\"text-decoration: underline\">ausschlie\u00dfen<\/span>. Eine Wahrheit muss die anderen Wahrheiten vernachl\u00e4ssigen, ausschlie\u00dfen, um sich durchzusetzen.<\/p>\n<p>Kann es denn mehrere Wahrheiten gleichberechtigt nebeneinander geben? Die Dogmatiker w\u00fcrden sagen: auf keinen Fall. Die Skeptiker w\u00fcrden sagen: auf jeden Fall gibt es mehrere Wahrheiten. Wahrheiten von Fall zu Fall.<\/p>\n<p>Immer muss ich gleichwohl meine Meinung, meine Behauptung, meine &#8220;Erz\u00e4hlung&#8221; als Wahrheit mit einem Anspruch auf Wahrheit dogmatisieren. Sonst bin ich nicht mehr glaubw\u00fcrdig, werde sogar als ein ernst zu nehmender Gespr\u00e4chspartner nicht akzeptiert, sogar ausgeschlossen. Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten oder der Satz vom Widerspruch muss in jedem diskursiven Gespr\u00e4ch akzeptiert werden, was schon <strong>Aristoteles<\/strong> in seiner Logik beschrieben hat.<\/p>\n<p>Das bedeutet: in einer Kommunikations-Gemeinschaft muss jeder mit einem wie auch immer begr\u00fcndeten oder begr\u00fcndbaren Wahrheitsanspruch auftreten und Widerspr\u00fcche wie auch Gegens\u00e4tze ausschlie\u00dfen, zu vermeiden suchen: er will verstanden sein, er will die Wahrheit sagen k\u00f6nnen, sagen d\u00fcrfen. Er will, dass man ihm zuh\u00f6rt, dass man ihn als Gespr\u00e4chspartner akzeptiert, dass er glaubw\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p>Ohne dieses Anliegen und Ziel br\u00e4uchte man gar nicht zu diskutieren, Wahrheiten auszuhandeln, ja man w\u00fcrde vollkommen unglaubw\u00fcrdig werden. Selbst als Chaos-Denker muss man diese Regelung, dieses Sprachspiel einer bestimmten Lebensform (zum Beispiel der Politiker) akzeptieren.<br \/>\nDas bedeutet: &#8220;Wahrheit&#8221; (oder auch nur <em>eine<\/em> Wahrheit) setzt sich letztlich durch. Auch wenn es die Unwahrheit sein mag.<\/p>\n<p>Denn unsere soziale Wirklichkeit ist doch h\u00e4ufig so: Permanent reden wir aneinander vorbei, ohne uns zu verstehen oder verstehen zu wollen. Wir sind noch nicht einmal bereit dazu, selbst wenn wir es k\u00f6nnten. Nur wenn die Sprache unserer Lebensform eine Schnittmenge mit der anderen <em>Lebensform<\/em> besitzt, sind wir bereit zur Kommunikation, zur Begegnung. Und diese Schnittmenge wird oft definiert von den Gef\u00fchlen, ob wir uns m\u00f6gen oder auch nicht. Ein diskursives Denken <em>sine ira et studio<\/em> ist m.E. eine Illusion.<\/p>\n<p>Aber wie selten nur gibt es diese Schnittmenge! Manchmal denke ich, dass unsere Sprachlosigkeit und Fremdheit die gleiche ist wie die der Elefanten mit den Affen, der Spinnen mit den Regenw\u00fcrmern, der Blumen mit den Bienen und so fort. Das hei\u00dft: Wir leben auch, was das Verstehen und das Sprechen betrifft, in einem chaotischen Zustand der Ungeordnetheit und Willk\u00fcr. Zwar gibt es die Gemeinsprache, Dolmetscher wie mich jetzt auch, \u00dcbersetzungshilfen selbst unserer Handlungsweisen (die Hermeneuten und Psychologen). Doch wie erfolglos sind wir oft, wenn wir eines der Grund\u00fabel der Menschheit, den Krieg und das T\u00f6ten, immer noch nicht haben abschaffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn es aber nun die Absolutheit, die Einheitlichkeit, eine allgemein \u00fcberzeugende &nbsp;Struktur im Denken nicht geben kann, was gibt es dann? Was oder wer leitet uns? Wenn nicht das Denken, abstrakte Begriffe, Wahrheiten? Oder sind es tats\u00e4chlich nur die Input-Output-Steuerungen geschickter Manipulateure, die das aktuelle und gerade angesagte Wissen der Welt besitzen und geschickt auszun\u00fctzen verstehen?<\/p>\n<p>Es scheint sehr oft der <strong>K\u00f6rper<\/strong> zu sein mit seinen Instinkten und Gef\u00fchlen: Der K\u00f6rper sagt, wo es lang geht, seine Gef\u00fchle, sein Begehren. Der K\u00f6rper hat n\u00e4mlich nur ein wesentliches Ziel vor Augen: das Leben zu leben, dem Lebens- und nicht dem <span style=\"text-decoration: underline\">Todestrieb<\/span> zu folgen, Freudianisch gesprochen. Denn mit dem Tod sind auch alle seine geistigen Verkrampfungen (<em>mind fucking<\/em> nennen das die K\u00f6rper-Psychologen etwa der Gestalttherapie), Konstruktionen, Erkenntnisse, Entdeckungen, die uns Gott so r\u00e4tselhaft und voller Isosthenien mit auf den Weg gegeben hat, verschwunden.<\/p>\n<p>Mit dem K\u00f6rper leben bedeutet: im Jetzt sein, in der Gegenwart, im Gef\u00fchl, und nicht in der Planung f\u00fcr die Zukunft. Da es aber ein planendes Planen, die F\u00fcrsorge f\u00fcr die Zukunft geben muss, sonst w\u00fcrde alles in einem zerst\u00f6rerischen Durcheinander enden, muss der menschliche Geist als Korrektiv, als <span style=\"text-decoration: underline\">Erg\u00e4nzung zum K\u00f6rper<\/span> mit eingespannt werden. Eine Politik ohne Geist, ohne Planung, ohne Struktur w\u00e4re verantwortungslos und lebensgef\u00e4hrlich. Sonst w\u00fcrden wir vielleicht gar nicht mehr existieren.<\/p>\n<p>Jede Wahrheit kann jedoch nur existieren mithilfe einer andere Wahrheiten ausschlie\u00dfenden Dogmatik (ich wiederhole mich). Selbst diese meine jetzt angenommene und vorgetragene Wahrheit \u00fcber die Wahrheit ist eine weitere <strong>Dogmatisierung.<\/strong><\/p>\n<p>Was bleibt? Die Ratlosigkeit, manchmal die Resignation. Manchmal gibt es Zeiten, wo nicht das Ende des K\u00f6rpers, sondern das Ende des langwierigen Denkens, der Planungen, der Abstraktionen notwendig scheint. Im Augenblick der Geburt eines Kindes, im Koma, bei der \u00dcberlebenshilfe nach einem Schlaganfall oder Autounfall planen wir nicht. Wir handeln nur noch &#8211; spontan. Handeln entweder instinktiv oder nach bew\u00e4hrten Mustern, die uns die Technik oder die Lebenserfahrungen zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p>Das technischen Denken, das Denken zum Aufbau von Techniken zur Lebensbew\u00e4ltigung verfolgt deshalb immer eine feste und selten nur in Frage gestellte Spur, die meist durch Erfolg, durch positive Erlebnisse, Ergebnisse ihren Weg zu finden wei\u00df. Weniger jedoch das Denken und seine Sprache, die sich in einem <strong>Labyrinth<\/strong> bewegen m\u00fcssen, wo der <strong>Minotaurus<\/strong> immer um die Ecke steht und auf uns wartet, w\u00e4hrend wir m\u00fchsam genug den <strong>Ariadne-Faden<\/strong>&nbsp;in unserer Lebens-und Denkw\u00fcste suchen. Wie jetzt auch.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center\">*<\/h3>\n<p>Diese Zeilen diktiere und schreibe ich bei meinem morgendlichen Spaziergang durch einen kalten Tag. Die Bl\u00e4tter fallen, das B\u00e4chlein neben mir pl\u00e4tschert vor sich hin, die B\u00e4ume sind bunt und wundersch\u00f6n.<br \/>\nIch denke, das ist jetzt eine wesentlichere Beobachtung, Wahrnehmung und Wahrheit als alles Denken \u00fcber Wahrnehmung, Wahrheit, W\u00fcste und Chaos zusammen. Ebenso wie die Stunden der Geburt und des Todes wesentlich wichtigere Wahrheiten sind. Vielleicht auch unsere Existenzformen <span style=\"text-decoration: underline\">vor der Geburt und nach dem Tod<\/span>, wie manche Religionen glauben.<\/p>\n<p>Du sagst vielleicht, Nietzsche sei mein Vorbild. Nein, \u00fcberhaupt nicht. Was ist denn Vorbild? Oder wer? &#8211; Du vielleicht?! &#8211; &nbsp;Ja, du mit deiner Musik, deinem Instrument, deinen Menschen um dich herum und deinen Einschr\u00e4nkungen, Begrenzungen durch Takt, Dirigent, Musiker, Noten, Harmonie, Pausen und Partitur. Die Musik ist ein so sch\u00f6nes und wohl geordnetes Ganzes, ein richtiger Kosmos in einem kleinen umgrenzten Bereich, der scheinbar kein Chaos kennt, wenn er gut und nach den Regeln der Kunst gebaut worden ist.<\/p>\n<p>Aber auch Musik ist Isosthenien unterworfen, Gegens\u00e4tzen, Stil-Streitigkeiten, Erfolgen und Misserfolgen. Auch diese l\u00f6sen sich im Falle eines Stil-oder Epochenwechsels schlie\u00dflich selbst wieder auf in der Chaotik eines neuen Denkens und Komponierens, das selbst eine so wohl strukturierte Kunst wie die Musik hat entstehen und auch wieder vergehen lassen.<\/p>\n<p>Auch dem Denken geht es nicht besser, seinen Moden, Stilwechseln, Zielen. Ebenso wie der Skeptizismus sich selbst aufl\u00f6st in einer zu Ende gedachten Skepsis. Skepsis skeptisch zu betrachten &#8211; und das ist meines Erachtens eine Notwendigkeit &#8211; f\u00fchrt zur Aufl\u00f6sung der skeptischen Haltung und wiederum zur\u00fcck zur Dogmatik, die schlie\u00dflich auch wieder zusammenbricht.<\/p>\n<p>Manche reden von einheitlichen oder auch <span style=\"text-decoration: underline\">uneinheitlichen Weltbildern<\/span>.<br \/>\nWas ist ein Weltbild heutzutage? Doch nur noch ein uneinheitliches, heterogenes <strong>Mosaik<\/strong> mit vielen Ideen, Gedanken, Anregungen aus der gro\u00dfen Weltkultur. Eigentlich auch wieder ein Durcheinander. Wir meditieren buddhistisch, denken philosophisch im Sinne der alten Griechen oder R\u00f6mer, beten christlich, picken uns das jeweils N\u00fctzliche oder auch Notwendige aus diesem und jenen Weltbild heraus und f\u00fcgen so alles zu einem neuen <span style=\"text-decoration: underline\">Patchwork der Vielfalt<\/span> zusammen, das schlie\u00dflich einmal die Weltkultur f\u00fcr alle sein wird.<\/p>\n<p>Mit einer einheitlichen Sprache, einem einheitlichen Denken, einer einheitlichen Zielsetzung, einer einheitlichen Menschenf\u00fchrung? &#8211; Das wird wahrscheinlich nur den Maschinen gelingen, den Robotern. Sie sind gegenw\u00e4rtig noch die Meister der Geschlossenheit und Begrenztheit. Erfreulicher Weise, meine ich. Im Augenblick ist die Mehrdeutigkeit unserer Sprache noch ihr gr\u00f6\u00dfter Feind, weil sie alles auf 0 und 1 reduzieren m\u00f6chten.<br \/>\nAber auch ein solches Problem wird sich vielleicht \u00fcber kurz oder lang l\u00f6sen lassen.<br \/>\nWillkommen in der sch\u00f6nen neuen Welt von Homogenit\u00e4t und Eindeutigkeit!<\/p>\n<hr>\n<p>*Heraklit, Fragmente (Artemis 1986)<\/p>\n<p><b>vgl.auch den Beitrag Nr.143 im Blog \u00fcber &#8220;Arbeitsger\u00e4te&#8221;<\/b><\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=192%20Vom%20Denken%20VI&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chaos-Denker Von Heraklit \u00fcber Pyrrhon, Sextus, Descartes, Pascal, Nietzsche bis hin zu Baudrillard, Derrida oder Paul Feyerabend &#8211; sie alle waren Chaos-Denker. 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