{"id":5235,"date":"2016-03-16T09:10:49","date_gmt":"2016-03-16T09:10:49","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=5235"},"modified":"2019-10-31T09:28:58","modified_gmt":"2019-10-31T09:28:58","slug":"203-ueber-anamnese-und-technokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=5235&lang=de","title":{"rendered":"203 \u00dcber Anamnese und Technokratie"},"content":{"rendered":"<h3>Brief an Lucilius 8<\/h3>\n<p>Du fragst mich, warum ich so oft zur\u00fcck blicke in die Vergangenheit, die doch schon so lange zur\u00fcck liege und uns nichts mehr zu sagen habe.<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Die Entwicklungsgeschichte von Schmerzen, von Krankheiten zu betrachten ist in der medizinischen Wissenschaft allt\u00e4glich und Grundvoraussetzung zu einer Therapie, zu einer Heilung. Gleiches gilt m.E. auch f\u00fcr die menschliche Gesellschaft, f\u00fcr ihr Woher und ihr Wohin. Psychoanalytiker und Anthropologen betonen immer wieder die Wichtigkeit unserer seelischen Entwicklung, die Wichtigkeit positiver wie negativer emotionaler Erfahrungen in unserer Lebensgeschichte. Dass au\u00dferdem das <strong>anamnetische Suchen<\/strong> und Forschen in der Vergangenheit erst uns fit mache f\u00fcr Gegenwart wie Zukunft.<br \/>\nGleiches gilt m.E. f\u00fcr die Entwicklung einer Gesellschaft, einer Kultur.<\/p>\n<p>Du beklagst dich also, dass ich zu sehr in der Vergangenheit forsche.<br \/>\nUnd was machst du? Permanent bist du in der Vergangenheit deiner Kindheit, deiner Jugend. Suchst nach Erinnerungen, Wiederholungen, die dein jetziges Leben pr\u00e4gen bis auf den heutigen Tag. Selbst fr\u00fchkindliche oder sogar vorkindliche Erinnerungen und Erfahrungen m\u00f6gen tats\u00e4chlich unsere Seele bestimmen bis in die Gegenwart hinein. Das ist zumindest zum Teil die Theorie von Freud.<br \/>\nWenn ich in die Vergangenheit, vor allen in die r\u00f6mische Vergangenheit zur\u00fcck gehe, dann aus eben diesem gleichen Grund: Dass auch unsere Kultur von Erfahrungen, Erinnerungen, Erlebnissen aus der Vorzeit bestimmt wird bis in die Gegenwart hinein; dass Politiker Fehler wiederholen, dass sich Entwicklungen, Zusammenbr\u00fcche \u00a0wiederholen; dass also vieles schon einmal da gewesen ist und auch unsere Gegenwart, unsere soziale Gegenwart steuert.<\/p>\n<p>Drei zentrale Probleme entdecke ich in der gegenw\u00e4rtigen Entwicklung der Gesellschaft: 1)<b>Desorientierung<\/b> &#8211; der Zerfall von lange g\u00fcltigen Wahrheiten z.B.\u00fcber Demokratie, Wissenschaft, Liebe oder Religion und Gott in ihre Gegens\u00e4tzlichkeiten, ich sage besser sogar\u00a0<u>Gleichwertigkeiten<\/u><i>\u00a0<\/i>(Isosthenien); 2)<b>\u00d6konomismus<\/b> &#8211; die Triebfeder unserer gesellschaftlichen wie privaten Ziele ist nicht mehr das Suchen nach dem Wohlergehen des Einzelnen innerhalb eines gro\u00dfen Ganzen, sondern nur noch das Streben nach Gewinn, also <u>Geld<\/u>, und daraus abgeleitet nach\u00a0<u>Macht<\/u>. Und schlie\u00dflich 3)das unerbittliche Fortschreiten unserer wissenschaftlichen KI-Forschung Hand in Hand mit der politischen Entwicklung in Richtung <strong>Technokratie<\/strong>. Damit meine ich die Steuerung des Einzelnen wie des Ganzen durch eine allgemeine und umfassende\u00a0<u>Digitalisierung<\/u> bis hin zur Herrschaft der Computer-Maschinen, die sich vielleicht sogar selbst steuern und perfektionieren werden auch ohne ihre &#8220;Programmierer&#8221;. Ans\u00e4tze dazu erleben wir bereits in einem sich etwa in China ausbreitenden <span style=\"text-decoration: underline;\">\u00dcberwachungsstaat<\/span>, der mittels Google, Facebook &amp; Co alles unter Kontrolle bringen will.<\/p>\n<p>Viele dieser Themenbereiche haben in der Wissenschaftstheorie die universit\u00e4re <span style=\"text-decoration: underline;\">Geschichtsschreibung<\/span> als ihren Gegner benannt, den sie bek\u00e4mpfen m\u00fcssen mit allen Mitteln. Denn nur eine Betrachtung der Geschichte kann sich diesem fast schon totalit\u00e4ren Allmachtsanspruch widersetzen, indem Parallelen aufgezeigt werden und dar\u00fcber diskutiert wird, ob wir in einem Staat, der seine B\u00fcrger weiterhin in die Freiheit entlassen will, einer solchen Entwicklung zustimmen m\u00f6chten oder auch nicht.<\/p>\n<p>Dogmatiker des Szientismus, ich nenne sie sogar nicht mehr Wissenschaftler (Science), sondern w\u00e4hle diesen \u00dcberbegriff, gefallen sich darin, die Wahrheit der Geschichtsschreibung, die fast immer anamnetisch vorgehen muss, anzuzweifeln. Wie lassen sich geschichtliche Wahrheiten beweisen? Kann man mit Wahrheitsanspruch zeigen, warum sich Kleopatra durch Schlangenbiss umgebracht hat? Ob und wie Jesus Christus gelebt hat? Was ist in Auschwitz geschehen, wie l\u00e4sst es sich beweisen?<br \/>\nIm Sinn der exakten, empirisch orientierten Naturwissenschaften lassen sich diese Fragen sehr zum Leidwesen der Politiker, die idealiter einen gerechten Staat bauen m\u00f6chten, eher nicht endg\u00fcltig und abschlie\u00dfend beantworten(1).<\/p>\n<p>Aber darum geht es m.E. auch gar nicht. Nat\u00fcrlich sind viele dieser in Geschichtsb\u00fcchern aufgezeichneten Wahrheiten umstritten. Tatsachen werden verf\u00e4lscht, neu erfunden, einseitig aus der Sicht der Sieger und Erfolgreichen nur betrachtet. Es\u00a0gibt mittlerweile Information, bewusste Falschmeldungen und Desinformation in den Medien, in der Politik; es gibt sogar Desinformations-Kampagnen. Selbst die bewusste <u>L\u00fcge<\/u>\u00a0und der bewusst eingesetzte Vertragsbruch werden ohne Skrupel und ganz im Sinne von <strong>Macchiavelli<\/strong> als Waffe eingesetzt (Putin, Trump, Assad u.a.). All das sind f\u00fcr uns Au\u00dfenstehende nur mehr oder weniger wahre &#8220;Erz\u00e4hlungen&#8221;, wie Fran\u00e7ois\u00a0<strong>Lyotard<\/strong> sagt, meist schriftlich oder in Filmen aufgezeichnet.<\/p>\n<p>Doch das ist nicht das Wichtige. Wichtiger ist m.E., dass diese \u201eErz\u00e4hlungen\u201c auch im Sinne von Neu-Erfindungen oder L\u00fcgen immer wieder <strong>interpretiert<\/strong>, auch jeweils anders interpretiert werden k\u00f6nnen, werden m\u00fcssen. Und dass man, das hei\u00dft eine Kommunikations-Gemeinschaft, bei diesem Vorgehen der Interpretation <em>ins Gespr\u00e4ch kommt \u00fcber ein Leben, wie es ist,\u00a0sein sollte oder sein k\u00f6nnte<\/em>. Wie ein Leben gelebt werden kann, gelebt werden soll oder sogar gelebt werden muss. Auch auf die unterschiedlichste, sogar gegens\u00e4tzlichste Art und Weise, denn wir leben in einem <strong>Pluriversum der unterschiedlichsten Lebensformen<\/strong>. Niemand kann einem mehr vorschreiben, wie er zu leben habe.<\/p>\n<p>Dieser Satz, dass sich alles wesentlich um\u00a0<strong>Leben<\/strong>\u00a0und <b>Lebensform<\/b> dreht &#8211; in der Wahrheitsfindung, in der Politik, sogar in der Kunst &#8211; ist mir sehr wichtig.\u00a0Das ist der entscheidende Punkt bei der Betrachtung der N\u00fctzlichkeit von Geschichte, weniger der Beweis ihrer Wahrheit. Gott beweisen zu wollen anhand von Experimenten oder Statistiken, etwa ob Gebete erh\u00f6rt worden sind, ist meiner Meinung nach sinnlos, ja l\u00e4cherlich. Aber \u00fcber Gott zu diskutieren kann sehr sinnvoll f\u00fcr ein Leben sein. Zum Beispiel um Wissen und Nicht-Wissen des Menschen, auch um M\u00f6glichkeiten und Unf\u00e4higkeiten in seinem Leben zu testen.<\/p>\n<p>Nicht unbedingt nur der Nachweis, dass Geschichte <em>wahr<\/em> ist, n\u00fctzt. Im Gegenteil: Wie viele Irrt\u00fcmer, Fehler und Unwahrheiten haben schon das menschliche Leben und unseren Lebensweg gespurt und letztlich doch auch weiter gef\u00fchrt. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Kunst &#8211; vielleicht haben eben diese Irrt\u00fcmer oder sogar Fehler bez\u00fcglich einer sch\u00f6nen und wahren und \u201erichtigen\u201c Kunst deutlich einen Fortschritt im Sinne von &#8220;Fortschreiten&#8221; bewirkt als die Nicht-Irrt\u00fcmer zahlreicher Vorschriften und Regeln, die beachtet und Abschluss gepr\u00fcft werden mussten.<\/p>\n<p>Was hat es schon f\u00fcr Streitereien um die Auslegung der Bibel, um das Verstehen des Koran oder des Marxismus gegeben! Weltkriege wie die Reformation, blutige Revolutionen, &#8220;Klassenk\u00e4mpfe&#8221; und K\u00e4mpfe innerhalb des Islam wie gegenw\u00e4rtig \u2013 alles immer wieder Fragen zu einer &#8220;richtigen&#8221; Interpretation eines Textes, einer schriftlich fixierten Handlung. Und last but not least infolge der Offenheit und Mehrdeutigkeit all dieser Zeichen: einer <span style=\"text-decoration: underline;\">Erz\u00e4hlung<\/span> (2).<\/p>\n<p>Die Festlegung auf die unbedingte Wahrheit einer Interpretation ist m.E. unm\u00f6glich. Es gibt <span style=\"text-decoration: underline;\">Argumente<\/span> zum Verstehen eines Textes, einer menschlichen Handlung, einer Tatsache, aber nichts mehr. Die Zustimmung zu den Argumenten, was Textinterpretation, also auch das Verstehen eines Textes oder sogar von gesprochener Sprache und Handlungen betrifft, kann einfach nicht erzwungen werden. D.h.: Eine solche Wahrheit, die nicht aus einem Experiment abgeleitet werden kann, kann nicht einfach so und <span style=\"text-decoration: underline;\">per ordre de mufti<\/span> indoktriniert werden. Sie muss anerkannt, eingesehen, akzeptiert werden vom Subjekt. Selbst wenn sie falsch ist.<\/p>\n<p>Bereit und offen sein f\u00fcr die Wahrheit &#8211; was f\u00fcr ein sch\u00f6ner und doch in der Kommunikation oft so erfolgloser idealistischer Satz! Luthers &#8220;<em>Die Wahrheit macht uns frei<\/em>&#8220;, Camus &#8220;<em>Nur noch das offene, ehrliche Wort kann uns retten<\/em>&#8220;&#8230;Auch an Wahrheiten muss man letztlich <span style=\"text-decoration: underline;\">glauben<\/span>. Wer nicht mit einer Wahrheit oder auch Wahrheitsfindung, etwa vor Gericht, einverstanden ist, muss sich rechtfertigen, sich verteidigen.\u00a0Diese Zustimmung zu einem &#8220;Sprachspiel&#8221; gilt sogar f\u00fcr die Sprache der Naturwissenschaft, selbst der Mathematik. Wer in der Kommunikations-Gemeinschaft der Naturwissenschaftler nicht wei\u00df, was die Zahl 1, was ein Quark, Neutrino, die leere Menge oder das Unendlichkeitszeichen bedeuten, wird in dieser Welt, in diesem Sprachspiel, in dieser Lebensform als <span style=\"text-decoration: underline;\">Analphabet<\/span> nicht bestehen, nicht akzeptiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch wann siehst du als ein Subjekt etwas ein? Wann bist du davon \u00fcberzeugt, wann glaubst du daran? Wann oder besser gesagt <span style=\"text-decoration: underline;\">warum<\/span>, als Folge von welchem Geschehen, von welchen \u00dcberlegungen?<br \/>\nIch denke, <strong>wenn es dir n\u00fctzt<\/strong>. Also w\u00e4re ich bei dem <span style=\"text-decoration: underline;\">pragmatischen Wahrheitsbegriff<\/span>\u00a0angelangt: Wahr ist das, was uns, der Forschung, der Entwicklung, sogar dem Experiment n\u00fctzt. Nicht nur das, was mathematisch bewiesen werden kann. Auch mathematisch Beweisbares kann vollkommen nutzlos sein. Also k\u00fcmmern wir uns nicht darum. Eine <em>wertfreie Wissenschaft,<\/em>\u00a0die nicht von Interessen geleitet wird, gibt es m.E.nicht.<\/p>\n<p>Und schon bin ich wieder in der Falle der <strong>Dogmatik<\/strong>. Ich bringe eine <span style=\"text-decoration: underline;\">monokausale<\/span> Begr\u00fcndung und versuche damit eine einzige Wahrheit festzulegen. Obwohl es immer wieder auch <span style=\"text-decoration: underline;\">mehrere<\/span> Wahrheiten geben kann, selbst in diesem meinem Fall jetzt. Dass \u00a0neben der pragmatischen Wahrheit (die nebenbei <strong>William James<\/strong>, der Bruder von <strong>Henry James,<\/strong> sehr erfolgreich in den USA \u00a0ins Leben, das hei\u00dft auch ins Wirtschaftsleben eingef\u00fchrt hat) auch noch andere Wahrheiten, etwa der Logik, der Mathematik, des Gef\u00fchls, der Paradoxie stimmig und richtig und sinnvoll sein k\u00f6nnen.(3)<\/p>\n<p>Wer wagt es in einem bestimmten mathematischen Kontext anzuzweifeln, dass 1+1= 2 ist? In anderen Kontexten mag und kann diese mathematische Wahrheit vollkommen unwichtig, sinnlos, ja sogar falsch und \u00fcberfl\u00fcssig sein. Das beweisen die <span style=\"text-decoration: underline;\">Isosthenien<\/span>, Gleichwertigkeiten von Wahrheiten, die sich im Laufe der Zeit und der Entwicklung des menschlichen Geistes immer wieder haben bilden k\u00f6nnen und zuk\u00fcnftig bilden werden. Selbst wenn es schwer fallen d\u00fcrfte, die obige Gleichung infrage zu stellen, wird es doch M\u00f6glichkeiten geben, ja es gibt sie bereits, die diese Rechnung als unwahr darstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Wenn ich so gerne in die antike, vor allem in die r\u00f6mische Geschichte des ersten und zweiten Jahrhunderts n.Chr. zur\u00fcck blicke &#8211; etwa mit der Frage, ob der junge Oktavian und sp\u00e4tere <strong>Kaiser Augustus<\/strong> der Geliebte <strong>Caesars<\/strong> in dessen Milit\u00e4rzeit gewesen ist, wovon ich \u00fcberzeugt bin &#8211; dann mit dem Wissen, dass solche Lebensformen in der Gegenwart auch wieder angetroffen werden k\u00f6nnen. Dass alle diese Fragen, Probleme und L\u00f6sungen auch heute immer noch diskutabel sind, besprochen werden m\u00fcssen: Wie einen Menschen zum Zusammenleben finden, um die Einsamkeit zu \u00fcberwinden, das Alleinsein. Wie und warum eine Familie gr\u00fcnden, wenn man kein Geld, keine Arbeit und keine geeignete Wohnung besitzt? Welche Wichtigkeit und Bedeutung haben Pflicht, Verantwortlichkeit, Lust und Unterhaltung, hat das Begehren in unserer Gesellschaft? Wie steht es mit der Sexualit\u00e4t, ihrem Ziel, ist sie ausschlie\u00dflich und einmalig nur auf das andere Geschlecht gerichtet und wenn bei manchen Menschen nein, warum nicht?<\/p>\n<p>Wie steht es mit Hilfe und Solidarit\u00e4t, mit der Liebe im Sinne einer gegenseitigen Unterst\u00fctzung, wie sie die christlich-platonische <u>Agape<\/u> verstanden hat? Wie ging man im \u00a0r\u00f6mischen Reich, das noch weitaus gr\u00f6\u00dfer war als die heutige EU, mit dem Fremden, den Einwanderern, den Migranten um? &#8211; Gewiss, Griechen waren als ein hoch gebildetes Volk anerkannt und als Lehrer wie Intellektuelle in Rom willkommen. Aber schon bei dem immer misanthropischen <strong>Juvenal<\/strong> gibt es w\u00fctende und fremdenfeindliche Attacken, vor allem gegen die \u00c4gypter. Wie hat es der r\u00f6mische Staat geschafft, ein so gro\u00dfes und heterogenes Weltreich zusammen zu halten? \u00a0Durch die Macht der Gesetze, die &#8220;flie\u00dfen soll wie Wasser&#8221; oder durch die Gewalt des Milit\u00e4rs? Auch darauf gibt es in der Geschichts-Forschung Antworten, die beachtens- und diskussionsw\u00fcrdig sein k\u00f6nnen f\u00fcr unsere gegenw\u00e4rtige Situation.<\/p>\n<p>Oder auch: Wie n\u00fctzlich und notwendig ist heute noch Religion, unsere christliche Tradition? Sind diese Ideen, diese Ideale veraltet? Gibt es einen Sinn, die islamische Scharia wieder in die Gegenwart aufzunehmen? Warum ist der Buddhismus so beliebt, haben Ablenkung, Mode und Stars einen so \u00fcberaus gro\u00dfen Stellenwert in der Jugend? Wie steht es mit Frauen, ihrer Lebensform, ihren Bed\u00fcrfnissen und Rechten in dieser unserer immer noch M\u00e4nnerwelt? Kann es eine weiblich gepr\u00e4gte Wissenschaft geben? Warum ist das starke Geschlecht in der Liebesf\u00e4higkeit so schwach? Wird es wieder einen Amazonen-Staat geben k\u00f6nnen, geben m\u00fcssen als Folge eines forcierten Feminismus? Sind Frauen so ganz anders als M\u00e4nner? Kann man(n) daraus einen anderen Umgang, andere Zielsetzungen, eine andere Kommunikationsform, Kommunikationsf\u00e4higkeit ableiten? Und dergleichen mehr.<\/p>\n<p>Du siehst also, Lucilius, genug Stoff, Fragen, Antworten, die sich aus der Besch\u00e4ftigung mit der Vergangenheit ergeben. Zu wenig w\u00e4re es m.E., sich dabei nur auf die immer wieder zu verstehende, also auch zu interpretierende Wahrheit des Experiments, der Statistik, der Prognose zu beschr\u00e4nken. Mit wieviel Prozent Wahrscheinlichkeit stimmen alle diese Wahrheiten, sind sie richtig, sind sie kompatibel mit wer wei\u00df was? Vor allem, wenn es um \u00f6konomische oder politische Fragen geht? Was geschieht mit der Jugend gegenw\u00e4rtig? Der Einfluss der \u00f6ffentlichen Presse-Filter im positiven Sinne von Selbst-Zensur oder auch der allgemeinen Bildung und Erziehung schwindet rapide. Stattdessen tauchen im Internet Tausende von Wahrheiten auf, die nur eine &#8220;greuliche Verw\u00fcstung im Kopf&#8221; zur\u00fcck lassen (<strong>Lukian<\/strong>) einschlie\u00dflich dem Glauben an Handlungsanweisungen, welche direkt in den Tod f\u00fchren.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Das gegenw\u00e4rtig von manchen Forschern und der Industrie so heftig angestrebte Ziel der <span style=\"text-decoration: underline;\">Digitalisierung aller Verhaltensweisen<\/span>, aller Handlungen des Menschen einschlie\u00dflich seinem Gehirn macht diesen zu einem <strong>Objekt<\/strong>, schlie\u00dflich zu einem Spielball von Maschinen. Letztlich auch von Maschinen-Menschen, die selbst schon zum Opfer der eigenen Erfindungen geworden sind oder dazu werden m\u00fcssen. Denn die gegenw\u00e4rtig in der Entwicklung befindlichen Maschinen verstehen nur eine einzige Sprache: die der Zahlen 0 und 1. Womit wir wieder beim Thema <strong>Technokratie<\/strong>: in der Zukunft und bei meiner Sorge um die zuk\u00fcnftige Gestaltung einer Gesellschaft angelangt w\u00e4ren. Ich wiederhole mich.<\/p>\n<p>Du siehst also \u2013 das Nachdenken \u00fcber die Vergangenheit kann sehr schnell in die Zukunft f\u00fchren. Wie soll ein Leben gelebt, <span style=\"text-decoration: underline;\">menschlich<\/span> gelebt werden? &#8211; Was hei\u00dft gegenw\u00e4rtig \u201emenschlich\u201c? Wir sind nicht mehr im Zeitalter <strong>Senecas<\/strong>, wo die Sklaven allm\u00e4hlich und unter dem Einfluss des Christentums auch als Menschen akzeptiert werden mussten, w\u00e4hrend sie fr\u00fcher immer nur Dinge, Objekte in der Hand ihrer Besitzer waren mit allen Konsequenzen. \u00a0Caesar hat seinen Lieblings-(Sex)-Sklaven aus Eifersucht kurzerhand hinrichten lassen. Es gab wegen dieser \u201eUnmenschlichkeit\u201c im Senat sogar eine politische Auseinandersetzung. In welche H\u00e4nde werden und haben wir uns begeben, wessen \u201eDing\u201c \u00a0sind wir, werden wir sein, wenn unser genetischer Code digitalisiert ist, unser Denken und Leben und Arbeiten bis ins Letzte durchleuchtet und steuerbar gemacht sein wird,\u00a0<em>ohne dass wir davon wissen?<\/em><\/p>\n<p>Wann ist der Mensch ein Mensch?<br \/>\nFragen nach der <em><u>Menschlichkeit<\/u><\/em> unseres Verhaltens sind immer wieder in unserer Geistes-und Kulturgeschichte thematisiert worden. Nicht jedoch nach dem <u>Mensch-<strong>Sein<\/strong><\/u>\u00a0wurde gefragt. Wann ist man ein Mensch und keine Maschine? Die Abgrenzung zum Tier ist lange genug diskutiert worden. Wir sind Menschen, sagt die Philosophiegeschichte, weil wir denken, zweifeln, arbeiten k\u00f6nnen. Und nicht zuletzt f\u00fchlen wir wie die Tiere auch. Ich liebe, ich leide, ich hasse.<\/p>\n<p>Aber was wird der Mensch sein in Abgrenzung zu einer zuk\u00fcnftig perfekten und sich selbst steuernden\u00a0<strong>Maschine<\/strong> im Sinne etwa der IT-Industrie, der Informatiker und Kybernetiker? Zumal diese &#8220;Entwickler&#8221; (ich sage nicht mehr &#8220;Forscher&#8221;) vielleicht sogar aus ganz anderen und fremden Kulturkreisen stammen, ihre Vorstellungen von Moral und Verantwortung nicht kompatibel sind mit unseren abendl\u00e4ndischen Traditionen und Visionen?(4) Wenn das geschichtliche Denken ganz ausgestorben sein wird, weil auch das Lesen alter Sprachen, die \u00dcbersetzungskunst, mein Schreiben wie jetzt auch ausgestorben sein werden?<\/p>\n<p>Lebe in der Gegenwart, achte nur achtsam auf dein Hier und Jetzt, sagen die Buddhisten (ich \u00fcbertreibe). Kommuniziere nur noch mit reduzierter Sprache, vielleicht sogar mit reduzierten Gef\u00fchlen?, empfehlen die neuen Vereinfacher, die alles so leicht und locker und lebensfroh machen wollen. Vermeide Abstraktionen &#8211; <em>mind fucking<\/em> nennen das sogar manche Gestalttherapeuten und andere K\u00f6rper-Psychologen der Gegenwart, die das <em>F\u00fchlen<\/em>\u00a0f\u00fcr wichtiger als das <em>Denken<\/em> halten.<\/p>\n<p>Was ist denn nun die Wahrheit? &#8211; Genau. Das <u>Dar\u00fcber-Sprechen<\/u> ist die Wahrheit, der Austausch von Worten und Gef\u00fchlen. Denn das Leben will leben und es will Sterben verhindern, auch wenn sich der Todestrieb, freudianisch gesprochen, doch immer wieder meldet und durchsetzen wird. Im Einzelwesen wie im gesamten System einer Gesellschaft. Krieg und Untergang stehen bei manchen Menschen und Kulturen bereits wieder vor der T\u00fcr.<\/p>\n<p>Aber ist das Denken und Diskutieren und Sprechen nicht entschieden zu wenig, wenn es um die Zukunft einer Gesellschaft, eines Staates geht, wirst du fragen wollen? &#8211; Ja, \u00a0es ist zu wenig.<\/p>\n<p>Doch wie k\u00f6nnen dann Theorie und Praxis zusammen gehen? Reicht es, so viele S\u00e4tze mit Fragezeichen aneinander zu reihen? &#8211; Nein, es reicht nicht.<\/p>\n<hr \/>\n<p>1 Diese heftige und fundamentale Auseinandersetzung zwischen der <strong>Frankfurter Schule<\/strong>\u00a0(Habermas\/Apel) und der angloamerikanischen <strong>sprachanalytischen Philosophie (Szientismus),\u00a0<\/strong>weltweit gef\u00fchrt (auch der Marxismus als herrschende \u00f6stliche Staatsdoktrin meldete sich in diesem &#8220;Dekadenz-Streit der westlichen Philosophie&#8221; zu Wort), hat sich in den 60er-70er Jahren die &#8220;<span style=\"text-decoration: underline;\">Verstehen-und Erkl\u00e4ren-Debatte<\/span>&#8221; genannt. W\u00e4hrend die Geisteswissenschaften eher &#8220;<em>verstehen<\/em>&#8221; im Sinne der <strong>Hermeneutik<\/strong>, um zu ihren Wahrheiten zu gelangen (dazu geh\u00f6rt auch das Einf\u00fchlen, die Empathie, die Interpretation, Textdeutung, die Kunst), geht die Naturwissenschaft vom empirischen &#8220;<em>Erkl\u00e4ren<\/em>&#8221; aus, das mittels Experiment, Black-Box-Untersuchung, Statistik etc. Wahrheiten gewinnt. Manche sagen auch b\u00f6sartig: Wahrheiten erfindet.<\/p>\n<p>Beide Lager haben sich gegenseitig in dieser Angelegenheit Wissenschaftlichkeit <em><u>abgesprochen<\/u><\/em>. Bis hin zu der Forderung, geisteswissenschaftliche F\u00e4cher, selbst die Philosophie (&#8220;<em>Begriffsdichtung<\/em>&#8220;) aus den Universit\u00e4ten zu entfernen.\u00a0Apels Versuch einer Vermittlung blieb eine Ausnahme, wonach beide Wissenschaftsarten als sich gegenseitig <span style=\"text-decoration: underline;\">komplement\u00e4r<\/span> bedingend und n\u00fctzend von diesem Philosophen und Heidegger-Sch\u00fcler dargestellt worden sind.<\/p>\n<p>2 Wenn Geschichtsschreibung keine Wissenschaft ist, die Wahrheit vermitteln kann, dann ist auch das ganze \u00f6stliche Staatenimperium des Marxismus\/Kommunismus hinf\u00e4llig und gescheitert, sagten die analytischen Philosophen insbesondere in den USA. Also steckten sogar hinter einer so scheinbar weltfremden Auseinandersetzung handfeste politische Interessen. Vergleichbar auch dem Universalien-Streit im Mittelalter, wo es schlie\u00dflich eines abstrakten philosophischen Problems wegen (ob Allgemeinbegriffe wahr sein k\u00f6nnen) zu heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst \u00a0gekommen ist.<\/p>\n<p>3 Eine Wahrheit im Gef\u00fchlsleben kann zum Beispiel sein, dass es dort Widerspr\u00fcche gibt, die kommensurabel, die auszuhalten sind. Etwa dass man gleizeitig lieben und hassen kann.<\/p>\n<p>4 Der Freiburger Hirnforscher und Smartphone-Kritiker <span style=\"text-decoration: underline;\">Joachim Bauer<\/span> ist auf einem internationalen Kongress in Japan wegen eben solch typisch &#8220;abendl\u00e4ndischer&#8221; Bedenken fast ausgepfiffen worden von seinen Wissenschafts-Kollegen. Sein Denken bedeute eine unakzeptable <span style=\"text-decoration: underline;\">Hemmung des &#8220;Fortschritts&#8221;,<\/span> meinten nicht nur chinesische Forscher.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=203%20%C3%9Cber%20Anamnese%20und%20Technokratie&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brief an Lucilius 8 Du fragst mich, warum ich so oft zur\u00fcck blicke in die Vergangenheit, die doch schon so lange zur\u00fcck liege und uns nichts mehr zu sagen habe. I Die Entwicklungsgeschichte von Schmerzen, von Krankheiten zu betrachten ist in der medizinischen Wissenschaft allt\u00e4glich und Grundvoraussetzung zu einer Therapie, zu einer Heilung. Gleiches gilt m.E. auch f\u00fcr die menschliche&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[468,470,486],"tags":[488,490,492,494,496,498,500,502,504,506,508],"class_list":["post-5235","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-de","category-philosophie-de","category-politik-de","tag-anamnese-de","tag-digitalisierung-de","tag-frankfurter-schule-de","tag-hermeneutik-de","tag-interpretation-de","tag-lebensphilosophie-de","tag-lyotard-de","tag-maschine-de","tag-mensch-sein-de","tag-pragmatischer-wahrheitsbegriff-de","tag-verstehen-und-erklaeren-de"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4WFkG-1mr","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5235"}],"collection":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5235"}],"version-history":[{"count":45,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5235\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9396,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5235\/revisions\/9396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}