{"id":5671,"date":"2016-04-17T04:39:30","date_gmt":"2016-04-17T04:39:30","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=5671"},"modified":"2022-06-17T17:16:12","modified_gmt":"2022-06-17T17:16:12","slug":"211-ueber-sex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=5671&lang=de","title":{"rendered":"211 \u00dcber Sex"},"content":{"rendered":"<h3>Brief an Lucilius 10<\/h3>\n<p>Du hast mich gefragt, wieso ich fr\u00fcher in Liebesdingen mit einer solchen Leichtigkeit versatil habe sein k\u00f6nnen. Dass mich sowohl Frauen wie M\u00e4nner interessiert haben, dass ich sie lieben konnte und ich von ihnen auch geliebt worden bin.<\/p>\n<p>Ich denke, es h\u00e4ngt damit zusammen, dass ich bei der ersten Begegnung mit mir wichtigen und wertvollen Menschen nicht das k\u00f6rperlich Anziehende, also Sch\u00f6nheit und Sex, sondern meist das Geistig-Soziale an die erste Stelle gesetzt habe. Wie und &nbsp;was die Person spricht, wie sie sich verh\u00e4lt, was sie von mir will ganz jenseits von Sex. Dies hat gelegentlich dann auch zum Problem werden k\u00f6nnen. Wenn von der anderen Seite her gesehen nicht das Geistig-Soziale, also die kommunikative Schnittmenge, sondern eher nur der Sex im Spiel war. Dass mir also Freundschaft anf\u00e4nglich wichtiger war als das emotionale Verlieben, das f\u00fcr mich meist ein eher unangenehmer Zustand von Sehnsucht und Nicht-Befriedigtsein bedeutete. Und die k\u00f6rperliche Begegnung stand dann mehr am Ende, quasi als ein kr\u00f6nender Abschluss. Denn ich bin &#8211; anders als etliche meiner Artgenossen &#8211; weder promiskuitiv noch polygam noch Sex-s\u00fcchtig. Schon gar nichts anfangen kann ich mit One Night Stands, \u201eoffenen Beziehungen\u201c oder der so genannten Polyamorie, die f\u00fcr mich nur eine reine und kostenlose Art von beidseitiger Prostitution darstellen. Vor allem die Frauen werden sehr darunter leiden m\u00fcssen. Denn Sehnsucht, Eifersucht und Treue geh\u00f6ren doch irgendwie auch zur Liebe, zur Familien-Bildung, zum Leben mit dazu.<\/p>\n<p>Das bedeutet: Zwischenmenschlichkeit, N\u00e4he, Gespr\u00e4che, das Du; das Nest, Treue und Planung f\u00fcr ein gemeinsames Leben, eine gemeinsame Zukunft und vielleicht sogar ein gemeinsames Sterben &#8211; das alles war mir wichtiger als Lust, das schnelle Eindringen, der Austausch von K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten oder orgastische Potenz. Selbst wenn ich schwul w\u00e4re oder werden wollte, w\u00fcrde ich in diesen Kategorien denken.(1)<\/p>\n<p>Wenn man den Sex in seinem Leben an die erste Stelle setzt, ist man, positiv gesehen im Sinne der Arterhaltung, egoistisch; Trieb und Testosteron stehen an erster Stelle. Eros, der Gott des Zeugens und der Kreativit\u00e4t, will nach Platon im Sch\u00f6nen (das hei\u00dft auch infolge der k\u00f6rperlichen Anziehung) das Sch\u00f6ne schaffen, in die Welt setzen, zeugen. Verliebung sucht also die N\u00e4he zum Sch\u00f6nen, Bewundernswerten und will dann in diesem Kontext zeugen (der Mann) oder Nachkommenschaft in die Welt setzen &#8211; der K\u00f6rper der Frau; selbst wenn sie im Geist und Bewusstsein ein eben solches zu verhindern sucht. Sch\u00f6nheit und Lust sind dabei das Lockmittel der Natur; Dankbarkeit f\u00fcr die empfangene Lust steht dann irrt\u00fcmlicherweise &nbsp;f\u00fcr Liebe.<\/p>\n<p>Aber diese Spannung ersch\u00f6pft sich so schnell wie die Brunft-Zeit der Tiere, auch wenn sie etwas l\u00e4nger dauern mag. Bei den Tieren sind es einige wenige Tage oder Wochen, bei manchen Menschen gibt es je nach Veranlagung und Natur halt eben l\u00e4ngere, manchmal auch immer w\u00e4hrende Brunft-Zeiten und Dauer-Zust\u00e4nde. Weniger bei den Frauen, deren sexuelles Leben auch vom Mond und dem Lebensalter mit bestimmt werden kann (Klimakterium), aber doch bei manchen M\u00e4nnern.<\/p>\n<p>Warum, das bleibt eine weiterhin offene Frage. Auch wenn es M\u00e4nner gibt, die a-sexuell sind oder es im Laufe der Zeit geworden sind. Etwa katholische Priester. Das &nbsp;allm\u00e4hliche Schrumpfen der Prostatadr\u00fcse l\u00e4sst auch das sexuelle Begehren weniger werden und umgekehrt. Permanente sexuelle Aktivit\u00e4ten, auch durch Pornografie, steigert den Testosteron-Spiegel des Mannes, was gelegentlich positiv auch mit Lebens-Energie gleichgesetzt wird.<br \/>\nFreud hat mit \u201eZ\u00e4hmung\u201c oder \u201eB\u00e4ndigung\u201c der Libido (Begriffe aus der Ecke des Feminismus, nicht von Freud) immer auch Kreativit\u00e4t verbunden; ohne Sublimation der Sexualenergie k\u00e4me keine Kultur, keine Wissenschaft, keine Wirtschaftsleistung zustande.<\/p>\n<p>Ich bin jedenfalls nicht so getrieben von meinem Sexualtrieb wie manche andere meines Geschlechts. Die, wenn sie nur eine Frau oder einen Mann riechen, schon sich auf sie st\u00fcrzen m\u00f6chten (ich \u00fcbertreibe in der Art, wie es die Feministinnen uns oft unterstellen).<br \/>\nGewiss ist meine Sexualit\u00e4t stark und sie macht mir Freude und Spa\u00df. Aber nicht derma\u00dfen, dass ich sie nicht irgendwie immer wieder auch als sekund\u00e4r empfinden k\u00f6nnte. Wer den Sexualtrieb als prim\u00e4r empfindet, ist ein Sklave seiner Lust, seines K\u00f6rpers. Eingesperrt in einen K\u00e4fig mit lustvoll-nat\u00fcrlichen Gittern, aber meist doch irgendwie unfrei, einseitig und gefangen. Lieber wahnsinnig werden als Lust zu empfinden, propagierte sogar die einflussreiche antike Schule der freiheitsliebenden Kyniker in Athen. Dieses Denken (sein bekanntester Vertreter war Anthistenes) hatte Auswirkungen auf die Ethik der Stoa und bis hin zum r\u00f6mischen Christentum.<\/p>\n<p>Warum nicht, wirst du jetzt fragen. Wenn man es so will. Einverstanden, das ist die Entscheidung eines jeden einzelnen. F\u00fcr Epikur, Aristipp und mit allen antiken G\u00f6ttern der Lust gegen die Stoa samt ihrer Verantwortungs-Ethik dem eigenen und den fremden K\u00f6rpern gegen\u00fcber. Eine wirklich existenzielle Lebens-Entscheidung. Zumal wenn man bereits wie in deinem Fall mit exzessiver Pornografie, auch \u201eTraining\u201c schon in jungen Jahren aufgewachsen ist und dadurch irgendwie gepr\u00e4gt, gesteuert sein mag. Die im Zeitalter des Individualismus und Solipsismus niemanden anderen etwas angeht au\u00dfer einen selber. Swingerclubs, Darkrooms, Bordelle \u2013 das gibt es schon sehr lange und sie scheinen eine Notwendigkeit zu sein. Ich bin meinem Selbstverst\u00e4ndnis nach jedoch mehr als K\u00f6rper und Lust und Genitale, wir sind auch Geist und Wille, Verantwortung und Zukunftsplanung und k\u00f6nnen uns in diese Richtung hin steuern.<\/p>\n<p>Nun ist dein Fall, den du mir geschildert hast, etwas anders gelagert. Ich wei\u00df auch keinen Weg. Es gibt die Empfehlungen der Religionen, der Psychotherapeuten, der Sexualtherapie. Und alle meinen es gut mit dir und ihren ach so bew\u00e4hrten Rezepten, was man in einem solchen Fall von Drang und Zwang tun soll. Ich wei\u00df es tats\u00e4chlich nicht.<\/p>\n<p>Bei mir war es jedenfalls immer so, dass ich, sobald ich wieder eine feste Partnerin gefunden hatte, auch den Stra\u00dfensex, nennen wir es einmal so einschlie\u00dflich &#8220;Selbstversorgung&#8221;, wie Henry James es ausgedr\u00fcckt hat, ganz aufgegeben habe. Dass es einfach nicht mehr notwendig war, dass ich es nicht mehr gewollt, gebraucht habe. Dass mir diese unruhige und wenig best\u00e4ndige Lebensform auch nicht gepasst hat. Ich formuliere bewusst so, ich rede von einem &#8220;nicht passen&#8221;, fast schon wie ein Schicksal und nicht nur von einem &#8220;nicht wollen&#8221;. Das bedeutet: das Gegenteil ist ebenfalls m\u00f6glich und immer wieder anzutreffen.<\/p>\n<p>Und dass mich diese andere, nachhaltige, mehr dauerhafte Spur im Sozialen und bei einem liebend-f\u00fcrsorglichen Du dann ebenso sehr und auch mehr noch beruhigen und befriedigen konnte wie manches andere oberfl\u00e4chlich Schnelle. Denn wie hei\u00dft es doch in einem meiner Lieder: Die Z\u00e4rtlichkeit deiner Sprache, die Z\u00e4rtlichkeit deiner Worte&#8230;<\/p>\n<hr>\n<p>1 Ich gehe also, einem in der \u00d6ffentlichkeit immer wieder zu h\u00f6renden Vorurteil folgend, vielleicht vorschnell davon aus, dass invertierte, das hei\u00dft schwule M\u00e4nner per se eher Lust und Sex suchen als eine feste und dauerhafte verantwortungsvolle Lebensbeziehung. Die auch das Zur\u00fccknehmen der eigenen K\u00f6rperlichkeit und Begierden einschlie\u00dft ebenso wie Treue und das Durchstehen von Beziehungs-Problemen.<\/p>\n<p>Ich w\u00e4hle ganz bewusst auch wieder diesen Begriff (\u201einvertiert\u201c) von Freud. Er hat sich gegen Ende seines Lebens nicht gegen die Inversion, also praktizierte Homosexualit\u00e4t, ausgesprochen. Mit Bezug auf viele bedeutende M\u00e4nner der Weltkultur, etwa Platon, Leonardo, Michelangelo, hat er sie akzeptiert, wenn der Mensch damit klar kam. Was durchaus nicht das \u00dcbliche damals war bis auf den heutigen Tag. Es gibt einen diesbez\u00fcglichen Brief Freuds an eine besorgte Mutter in London.<\/p>\n<p><b>vgl.auch Nr.98 \u00dcber Befreiung III: Coming out<\/b><\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=211%20%C3%9Cber%20Sex&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brief an Lucilius 10 Du hast mich gefragt, wieso ich fr\u00fcher in Liebesdingen mit einer solchen Leichtigkeit versatil habe sein k\u00f6nnen. Dass mich sowohl Frauen wie M\u00e4nner interessiert haben, dass ich sie lieben konnte und ich von ihnen auch geliebt worden bin. Ich denke, es h\u00e4ngt damit zusammen, dass ich bei der ersten Begegnung mit mir wichtigen und wertvollen Menschen&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1551,476,478],"tags":[],"class_list":["post-5671","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-biografie","category-psychologie-de","category-soziologiegender"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4WFkG-1tt","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5671"}],"collection":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5671"}],"version-history":[{"count":44,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12504,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5671\/revisions\/12504"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5671"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5671"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}