{"id":5907,"date":"2016-04-24T09:42:06","date_gmt":"2016-04-24T09:42:06","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=5907"},"modified":"2016-05-05T05:07:21","modified_gmt":"2016-05-05T05:07:21","slug":"214-ueber-das-ueber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=5907&lang=de","title":{"rendered":"214 \u00dcber das \u00bb\u00dcber\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Eine solche \u00dcberschrift mag einen verwirren oder zum Lachen bringen. Mich ebenfalls, einverstanden. Doch sie hat einen Sinn. Sie ist nicht eines meiner beliebten Verwirr-Spiele, Verf\u00fchrungen oder sprachlichen Fallen, um euch zu fesseln, zu binden oder auch zu b\u00e4ndigen, wie man L\u00f6wen an die Leine nehmen muss (was f\u00fcr ein absurdes Wortspiel hallo!).\u00a0Ich verwende den Titel auch nicht im Sinne einer tagt\u00e4glichen Pr\u00e4position, etwas fliegt <em>\u00fcber<\/em> ein Haus, sondern im \u00fcbertragenen Sinn, dass ich etwas zu einem Thema schreiben werde. Mein \u201e\u00fcber\u201c bedeutet also nichts anderes als der Verweis auf einen noch zu behandelnden Gegenstand, einen Gespr\u00e4chsstoff, einen Leitgedanken oder ein Leitmotiv.<\/p>\n<p>Es geht um die antiken \u00dcberschriften, die alle mit dem Wort \u201e\u00fcber\u201c oder dem Wort \u201evom\u201c angefangen haben (vergleiche dazu im Blog die Nummer 12 mit den Themen-\u00dcberschriften des Platon-Nachfolgers <strong>Xenokrates<\/strong>). Ich habe diese Formulierung ganz bewusst auch in meinen Blogaufs\u00e4tzen aufgegriffen und verwendet. Mit dem \u00dcbersetzer dieser Texte ins Englische, Andrew Walsh, bin ich in einer Diskussion, ob es auch im Englischen zwei gleichwertige Formulierungen zu dieser Sache wie im Deutschen gibt: \u00fcber und vom, englisch \u201eon\u201c und \u201eabout\u201c.<\/p>\n<p>Das Wort <i>Thema<\/i> ist im 15. Jahrhundert, so sagt das etymologische <span style=\"text-decoration: underline;\">Duden<\/span>-Lexikon, aus dem griechisch-lateinischen t h \u00e9 m a \u00a0entlehnt, in die deutsche Sprache \u00fcbernommen worden im Sinne von das <em>Aufgestellte<\/em>, der <em>abzuhandelnde Gegenstand<\/em>. Das Substantiv findet seine Verb-Entsprechung im Griechischen \u00a0t i t h \u00e9 m a i , setzen, legen, stellen &#8211; ich setze einen Gegenstand zum Beschreiben. Die neue hochdeutsche Form \u201e\u00fcber\u201c(mit Umlaut) geht auf das althochdeutsche Adverb <strong>ubiri<\/strong> zur\u00fcck.<br \/>\nSeine Ableitungen finden sich in vielen germanischen St\u00e4mmen: als <em>ubar<\/em> im Altdeutschen, gotisch <em>ufar<\/em>, schwedisch <em>\u00f6ver<\/em>, englisch <em>over<\/em>, wobei die Engl\u00e4nder bereits sehr fr\u00fch das \u201eon\u201c oder auch \u201eabout\u201c diesem \u201eabove\u201c gegen\u00fcber gestellt haben \u00e4hnlich wie die Deutschen.<\/p>\n<p>Ebenfalls aus dem Griechischen kommend kennen wir auch das \u00a0h y p \u00e9 r , als ein \u00fcber etwas hinaus reichen &#8211; hyper sensibel, \u00fcber das einfach Sensible hinaus reichend. Dieses \u201ehyper\u201c h\u00e4ngt jedoch nicht mit meinem oben beschriebenen \u201e\u00fcber\u201c zusammen. Im Lateinischen gibt es in gleicher Weise das \u00a0s u p e r , ebenfalls im Sinne von \u201e\u00fcber etwas hinaus reichen\u201c, zum Beispiel super schnell als \u201e\u00fcber das Schnelle hinaus reichend \u201c. Alle diese <span style=\"text-decoration: underline;\">\u00fcber&#8230;hinaus<\/span> sind aber Pr\u00e4positionen, die einen konkreten Sachverhalt beschreiben, w\u00e4hrend ich diese Pr\u00e4position in einem nur \u00fcbertragenen Sinn verwende, dass ich etwas zu einem Thema schreiben werde. Im Sinne des postmodernen Denkens: dass ich mich auch der sprachlich weit zur\u00fcckliegenden Begriffe bedienen, mich daran erinnern, sie reaktivieren werde. In diesem Fall ist mein \u201e\u00fcber\u201c letztlich deshalb nur ein <strong>Zitat<\/strong>.<br \/>\nBei <strong>Diogenes Laertius<\/strong> werden in seiner Lebensgeschichte der Philosophen alte Themenstellungen minuti\u00f6s genau aufgez\u00e4hlt eben unter diesem \u201e\u00fcber\u201cgleich &#8220;vom&#8221; (siehe im Blog die Nummer 12). Ich verwende diesen Begriff also bewusst in einem sehr altert\u00fcmlichen Zusammenhang, wie er heute fast nicht mehr bekannt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch was ist, was soll, was will ich mit diesem meinem \u201e\u00fcber\u201c? Warum diese Entlehnung aus einer weit zur\u00fcck liegenden Vergangenheit?<br \/>\nJede Wissenschaft hat eine eigene, spezielle, \u201eartspezifische\u201c Sprache entwickelt. Viele berufen sich zwar auf die allgemeine Sprache der Mathematik, aber dennoch scheint mir auch die Frage nach der Wahrheit der Mathematik und ihrer \u201eErkenntnisse\u201c- kann es mathematische &#8220;Erkenntnisse\u201c geben? &#8211; nur von der Philosophie beantwortbar. Denn \u201eWahrheit\u201c, auch \u201eErkenntnis\u201c sind Begriffe aus dem Reich der Philosophie. Auch wenn ich vom Denken spreche, das \u00fcberleben muss inmitten aller Relativit\u00e4ten und Isosthenien unserer Zeit mit ihren selbst\u00e4ndig denkenden Maschinen als gef\u00e4hrliche Konkurrenten, meine ich immer nur das Vokabular der Philosophie, das hei\u00dft auch: ihrer Wortgeschichte zur\u00fcck bis weit in die Vergangenheit.<\/p>\n<p>Ich denke, es muss eine Sprache gefunden werden, welche alle anderen Sprachen <span style=\"text-decoration: underline;\">einschlie\u00dft<\/span>. Vielleicht auch \u00fcber ihnen steht im Sinne einer Allgemeinheit und F\u00e4higkeit zur Abstraktion oder Verallgemeinerbarkeit, der jedermann zustimmen wird oder die jedermann zumindest versteht. Versteht im Sinne des diskursiven Denkens auch im mittelalterlichen Sinne eines <strong>sic et non<\/strong>. Und das ist immer schon die Sprache der Philosophie gewesen. Es gab und gibt die Sprache der Theologie, der Logik, Rhetorik, der <em>artes liberales<\/em> &#8211; \u00fcber allen steht und stand jedoch immer die Sprache der Philosophie, die nur von der Sprache der Kunst attackiert oder in Frage gestellt werden konnte. Denn un\u00fcbertroffen ist die Kunst in ihrer Interpretations-<span style=\"text-decoration: underline;\">Bed\u00fcrftigkeit<\/span>. Was sehr positiv ist m.E. Deshalb haben Platon, Sartre, Camus, ganz zu schweigen von den Mystikern und so vielen anderen auch immer wieder den Exkurs in die Mythologie, die Kunst, auch die kunstvolle Literatur gewagt.<br \/>\nAllen voran Nietzsche.<\/p>\n<p>Ich verwende oder reaktiviere also wieder die Sprache der Philosophie, wie sie es seit langem gibt; hier vor allem, wie sie in der r\u00f6mischen Zeit des ersten und zweiten Jahrhunderts n. Chr. gesprochen und entwickelt worden ist, aufbauend auf der weiten hellenischen Tradition(1). Der gro\u00dfe \u00dcbersetzer und Br\u00fcckenbauer war damals <strong>Cicero<\/strong>. Er hat das griechische Denken, das hei\u00dft philosophische Begriffe in m\u00fchsamer Kleinarbeit ins r\u00f6mische Latein weiter gef\u00fchrt. Ebenso auch <b>Seneca<\/b> als der vorzeitige Philosoph des Christentums.<br \/>\nBis heute zehren wir immer noch davon; selbst im Rechtswesen, in der Politik, vor allem in der Ethik(2).<\/p>\n<p>Und warum suche ich mir gerade immer nur die Zeit zwischen Cicero, Augustus und Nero aus? &#8211; Weil ich denke, dass unsere Gegenwart in vieler Hinsicht \u00e4hnlich auch dieser Zeit ist. Weil wir uns ebenfalls in einem Zeitalter des milit\u00e4rischen und \u00f6konomischen Imperialismus, der ethnisch-kulturellen Vielfalt, von Desorientierung, Alles-Geht und Luxus befinden, uns darin zurecht finden m\u00fcssen. Zumindest wir hier in West-Europa und in den USA.<br \/>\nWeil ich glaube, dass die Themen und Themenstellungen immer noch die gleichen geblieben sind: Wie ein Leben gelebt werden kann, gelebt werden soll. Und diese Frage beantwortet nicht die Biologie oder Psychiatrie mit ihren Gl\u00fcckseligkeits-Pillen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>1 ich schreibe bewusst &#8220;hellenisch&#8221; und nicht &#8220;hellenistisch&#8221;.<\/p>\n<p>2 Der Strichpunkt im ersten Drittel des letzten Satzes ist ebenfalls ein aussterbendes Zeichen. Ich reaktiviere ihn als Ergebnis ausf\u00fchrlicher Gespr\u00e4che mit <strong>Andrew Walsh,<\/strong> der mir f\u00fcr die englische Sprache gerade das Gegenteil erkl\u00e4rt hat &#8211; dort scheint der Strichpunkt fast beliebter als das Komma zu sein. Warum, das ist wieder eine andere sprachphilosophische, vielleicht sogar auch sprachpsychologische Frage.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=214%20%C3%9Cber%20das%20%C2%BB%C3%9Cber%C2%AB&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine solche \u00dcberschrift mag einen verwirren oder zum Lachen bringen. 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