{"id":6021,"date":"2016-05-16T14:44:39","date_gmt":"2016-05-16T14:44:39","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6021"},"modified":"2021-01-10T07:13:04","modified_gmt":"2021-01-10T07:13:04","slug":"218-ueber-isosthenien-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6021&lang=de","title":{"rendered":"218 \u00dcber Isosthenien (2)"},"content":{"rendered":"<p>Ich will ein sehr aktuelles Beispiel geben f\u00fcr eine sich gegenw\u00e4rtig entwickelnde politische <strong>Isosthenie<\/strong> und wie man im antiken Rom im Sinne der akademischen Schule, also der Skeptiker, damit umgegangen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Es geht um die <span style=\"text-decoration: underline;\">Fl\u00fcchtlingsfrage<\/span>. Sollen diese Menschen, die gegenw\u00e4rtig in einem traurigen Exodus, aus Syrien und anderen selbstm\u00f6rderischen Staaten her kommend, durch Europa ziehen um eine Bleibe zu finden, \u00a0soll man sie willkommen hei\u00dfen oder die Grenzen vor ihnen schlie\u00dfen? Die Waage der Isosthenie hat sich mittlerweile in der \u00d6ffentlichkeit in zwei fast gleichwertige Lager gespalten. Die einen sind f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge, die anderen sind dagegen.<\/p>\n<p>Ich will die in der Diskussion immer meist \u00fcberzeugenden contr\u00e4ren Argumente &#8211; dies jeweils voraus gesetzt und als wahr angenommen &#8211; nicht an dieser Stelle aufz\u00e4hlen. Es geht mir nur darum, wie man sich in einer solchen Patt-Situation als Individuum (und nicht als Staatsmann) verhalten soll.<\/p>\n<p><strong>Sextus Empiricus<\/strong>, Systematiker und Sprachrohr der sp\u00e4tr\u00f6mischen philosophischen Schule der Skeptiker, empfiehlt a) die <span style=\"text-decoration: underline;\">Entscheidungslosigkeit<\/span>, das Sich-Enthalten und Nicht-Einmischen.(1) Also keine Entscheidung treffen, weder daf\u00fcr noch dagegen, sich der Meinung und Festlegung enthalten und abwarten.<\/p>\n<p>Nun geht das selbst im t\u00e4glichen Alltagsleben nicht, wo immer wieder Entscheidungen getroffen werden, ob wir wollen oder nicht. Denn sonst <em>werden<\/em> wir entschieden; aus der aktiven Position wird also eine passive, erleidende. Das schildert Sextus in seiner immer w\u00e4hrenden Auseinandersetzung mit der stoischen Dogmatik ebenso. Wir sind quasi gezwungen, Stellung zu nehmen. Wir k\u00f6nnen nicht unschl\u00fcssig vor der Waage der Isosthenie stehen bleiben, um schlie\u00dflich wie Buridans Esel zu verhungern, weil wir bei der Auswahl zwischen zwei Heuhaufen uns nicht zu entscheiden w\u00fcssten (2).<\/p>\n<p>Stattdessen pl\u00e4diert Sextus b) f\u00fcr das <span style=\"text-decoration: underline;\">Sich-Einf\u00fcgen<\/span> in die Tradition, in Zeit und Gesellschaft. Auch in Riten, Gepflogenheiten und \u00dcbereink\u00fcnfte, selbst wenn sie heterogen sind. Was sagt meine ganz pers\u00f6nliche, individuelle Tradition zu diesem Problem, diesem Tatbestand, meine eigene Erfahrung und die allgemeine Lebensgeschichte meiner Kultur, meiner Gesellschaft?<\/p>\n<p>Als dritten und ebenso wichtigen Punkt nennt Sextus c) die <span style=\"text-decoration: underline;\">allgemeinen Gesetze<\/span>, an die man sich zu halten habe und die man achten soll. Was vern\u00fcnftig ist. Wer will schon mit dem Gesetzt in Konflikt kommen.<\/p>\n<p>Ich denke au\u00dferdem, dass das Isosthenie-Problem weniger die sogenannten <span style=\"text-decoration: underline;\">Entscheider<\/span>, die Menschen der Praxis betrifft. Dass eher die Menschen der Theorie, des Nachdenkens \u00fcber wahr und falsch, auch die des Argumentierens betroffen sind.<br \/>\nDass intellektuelle Entscheidungen sehr wohl abgegrenzt werden m\u00fcssen auch vom emotionalen Wissen des K\u00f6rpers: Dass ich genau wei\u00df und gelernt habe, wie ich eigene Schmerzen zum Beispiel verhindern kann und so fort.<\/p>\n<p>Doch schon bildet sich wieder eine neue Isosthenie in dieser Waage des Abw\u00e4gens und der Entscheidungslosigkeit: Das Gegenteil zu dem jetzt gerade Geschriebenen kann ebenso wahr und ebenso lebensnotwendig sein.<br \/>\nWillkommen also in der bunten Welt von Chaos, Widerspruch, Heterogenit\u00e4t und Vielfalt!<\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014-<\/p>\n<p><span style=\"font-size: inherit;\">1 Auch Epikur, der Begr\u00fcnder einer Philosophie der Freude und des guten Lebens, hat das Sich-nicht-Einmischen empfohlen. <\/span><i style=\"font-size: inherit;\">Lebe im Verborgenen<\/i><span style=\"font-size: inherit;\">, lautet einer seiner Haupts\u00e4tze. Meide vor allem die Politik. Versammele einen Kreis gleichgesinnter Freunde um dich herum in sch\u00f6ner\u00a0<\/span><span style=\"font-size: inherit;\">Umgebung, weit ab vom Alltagsget\u00f6se dieser Welt. Epikur empfiehlt die Freude und gerade nicht die Lust als Lebenselixier.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: inherit;\">Trivial ausgedr\u00fcckt: Gespr\u00e4che unter Freunden sind bedeutend anstrebenswerter\u00a0<\/span><span style=\"font-size: inherit;\">als sexuelle Handlungen. Epikurs Antithese war in Athen Aristipp, welcher ein Leben f\u00fcr die Lust propagierte. Von Antisthenes hingegen ist der Satz \u00fcberliefert: Lieber wahnsinnig werden als Lust zu empfinden.<\/span><\/p>\n<p>2 Es gibt in der Verhaltenstheorie eine dem oben vorgetragenen Gedankengang contr\u00e4re Erfahrung. In einem Experiment mit Affen konnten diese im Lustzentrum ihres Gehirns sowohl den Bereich f\u00fcr die sexuelle Lust (Arterhaltung) als auch den Belohnungsbereich f\u00fcr die Ern\u00e4hrung, die Lust am Essen, selbst\u00e4ndig und frei stimulieren (Selbsterhaltung). Mit dem Ergebnis (angeblich), dass sich alle Tiere f\u00fcr die Arterhaltung entschieden haben und schlie\u00dflich sogar den Hungertod eher in Kauf genommen h\u00e4tten, als auf die sexuelle Lust zu verzichten.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=218%20%C3%9Cber%20Isosthenien%20%282%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich will ein sehr aktuelles Beispiel geben f\u00fcr eine sich gegenw\u00e4rtig entwickelnde politische Isosthenie und wie man im antiken Rom im Sinne der akademischen Schule, also der Skeptiker, damit umgegangen w\u00e4re. 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