{"id":6055,"date":"2016-06-03T05:43:56","date_gmt":"2016-06-03T05:43:56","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6055"},"modified":"2016-12-10T15:06:01","modified_gmt":"2016-12-10T15:06:01","slug":"221-nachtrag-filmmusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6055&lang=de","title":{"rendered":"221 Nachtrag: Filmmusik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Brokeback Mountain<\/strong><\/p>\n<p>In den Reigen popul\u00e4rer Musik (vgl.den Blogbeitrag Nr.220) passt auch das kurze YouTube-Video mit der Titelmelodie zum Brokeback Mountain-Western. Eine Melodie, wie man sie sich nicht einfacher vorstellen kann und die dennoch gleich drei wesentliche Strukturmerkmale von Musik enth\u00e4lt und wiederholt: Eine fast nur stufenweise aufsteigende f\u00fcnft\u00f6nige Melodie versucht einen H\u00f6hepunkt zu erreichen, zu halten, und f\u00e4llt doch immer wieder \u00a0zur\u00fcck, ja wird sogar mit einem kleinen rhythmischen Punktierungs-Sto\u00df nach unten zur\u00fcck gedr\u00fcckt. Die Gipfelbesteigung misslingt.<\/p>\n<p>Die melancholische Deszendenzmelodik ber\u00fchrt beim Absteigen die typische Pop-Kadenz (S nicht vor, sondern nach der D) mit dem doppelten Quartfall im Bass, wie sie sich in der PopMusik durchgesetzt hat, um die traditionelle Kadenz (S vor D) zu umgehen. Das langsame und wie die beiden Protagonisten nur z\u00f6gerlich sich \u00f6ffnende Gitarren-Intro wird immer voller und reichhaltiger instrumentiert und m\u00fcndet doch nur in einer lapidaren Modal-Harmonik ganz ohne Dissonanzen, wie sie in der Country&amp;Western-Music bekannt ist.\u00a0Mit ihrer auf-und absteigenden Melodie malt die Musik quasi auch allegorisch wie in der Barockmusik einen Gegenstand in die Welt, in unserem Zusammenhang einen Berg, eben den Brokeback Mountain, der im menschenleeren Kitsch-Video, muss man wohl sagen, immer wieder in seiner ganzen Sch\u00f6nheit und Pracht gezeigt wird.<\/p>\n<p>In eben dieser grandiosen Gebirgslandschaft in den USA \u00a0und vor noch nicht so langer Zeit, im Jahre 1963, spielt sich die Liebesgeschichte der beiden M\u00e4nner ab.<\/p>\n<p>Der Film des chinesisch-amerikanischen Regisseurs <b>Ang Lee<\/b> ist denkw\u00fcrdig im Sinne von bedenkenswert nicht wegen seiner Liebesthematik, sondern weil er wieder einen Blick auf das Modell <span style=\"text-decoration: underline;\">Familie<\/span>, diesmal mit einem selbstkritisch US-amerikanischen Blick, wirft. Man kennt ihn solcher Art eher von den Engl\u00e4ndern. Und dieser Blick best\u00e4tigt nur immer wieder die Tatsache: Wenn man kein Geld, keinen Job, keine geeignete Wohnung hat, ist es unverantwortlich, eine Familie zu gr\u00fcnden. Wenn man dazu auch noch ohne eigene Familie hat aufwachsen m\u00fcssen, quasi schon in der fr\u00fchen Kindheit Leid und Entbehrungen hat erleben m\u00fcssen, stehen die Chancen noch viel weniger g\u00fcnstig f\u00fcr ein gelingendes Leben.<\/p>\n<p>Wenn einem dann auch noch das Schicksal unpassende, aber ebenso gebeutelte Ehefrauen an die Seite stellt, die infolge von \u00dcberlastung ebenfalls nicht in der Lage sind, eine Familie zusammen zu halten, weil auch sie den ganzen Tag lang nur hart arbeiten m\u00fcssen, keine Kraft, keine Zeit haben, die Kinder zu betreuen, zu erziehen, dann bleibt vielleicht manchen M\u00e4nnern tats\u00e4chlich keine andere M\u00f6glichkeit, als sich Gleichgesinnten mit gleichen Erfahrungen anzuschlie\u00dfen und es einmal &#8211; eben anders und ohne Familie zu versuchen. Im Film darf Mann dann reichlich naiv in die Berge ziehen, Schafe h\u00fcten und eine z\u00f6gerliche gleichgeschlechtliche Zweisamkeit kennenlernen bzw. ausprobieren.<br \/>\nBeide M\u00e4nner scheitern in ihrer Ehe und in ihrer Liebe. Der eine geht schlie\u00dflich auf den Strich, wird endlich sogar erschlagen. Der andere melancholisiert vor sich hin in seinen traurigen Erinnerungen.<\/p>\n<p>Der Film, Oscarpreistr\u00e4ger von 2005 und f\u00e4lschlicherweise als Schwulenfilm schnell vereinnahmt, macht keine Werbung f\u00fcr die Homosexualit\u00e4t. Er ruft aber dennoch einige Ideen der <span style=\"text-decoration: underline;\">M\u00e4nnerbewegung<\/span> der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts wieder wach: Dass es oft ein Kommunikations-Defizit unter M\u00e4nnern gibt, dass wir uns nicht gut und ehrlich aussprechen k\u00f6nnen; dass Z\u00e4rtlichkeit und k\u00f6rperliche Begegnung manchmal auch Gewalt, Kraft und Aggression einschlie\u00dfen k\u00f6nnen; dass Abenteuer und Neugierde zu unserem Leben und Lieben geh\u00f6rt; dass M\u00e4nner eben anders sind als Frauen und das ist gut so (1).<\/p>\n<p>Diese Art von M\u00e4nnerbegegnung, von M\u00e4nnerbeziehung ist so alt wie ich das M\u00e4nnergeschlecht selbst. Fr\u00fcher hat man es einfach nur Freundschaft oder Kameradschaft genannt. Die sexuelle Komponente war nicht unbedingt notwendig, auch wenn sie je nach Charakter und Zeitalter nicht ausgeschlossen blieb. Mit dem Begriff Homosexualit\u00e4t, einer Erfindung des Behaviorismus und der Sexologie vor noch gar nicht so langer Zeit (Freud sprach noch von Inversion) verk\u00fcrzten sich M\u00e4nnerbeziehung und M\u00e4nnerfreundschaft in manchen L\u00e4ndern unserer Welt (nicht in allen) jedoch sehr stark auf die sexuelle Komponente und sozialpolitisch gesehen auf einen Nebenschauplatz, den die Homosexuellen-Bewegung letztlich zu verantworten hat. Eine unsexuelle M\u00e4nnerfreundschaft und -Liebe scheint demnach fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Der Film ist also eher eine Warnung vor Familienbildung und der Lebensform Kleinfamilie, als dass er die M\u00e4nnerliebe und Freundschaft als vorteilhaft und nachahmungswert hinstellen w\u00fcrde. Weg \u00a0also vom Kampfplatz Homosexualit\u00e4t und hin zum neu-alten Problemthema: Familie.<\/p>\n<p>Deshalb trifft der Vorwurf konservativer amerikanischer Kinderschutz- und Familienorganisationen durchaus zu (zitiert in Wikipedia): Dass der Film mit perfekten filmischen Mitteln die Sympathien auf die beiden Protagonisten lenke, dass die beiden Cowboys Ehebruch gegen\u00fcber ihren Frauen begingen und dies in dem Film durch die Fokussierung auf die Gef\u00fchle der beiden M\u00e4nner in den Hintergrund gerate; dass die Propagierung eines homosexuellen Lebensstils einem Massenpublikum die Gleichwertigkeit einer schwulen Beziehung mit einer heterosexuellen vor Augen f\u00fchre; dass dies eine Gef\u00e4hrdung des American Way of Life und damit auch eines christlich gepr\u00e4gten Ideals von Ehe und Familie darstellen w\u00fcrde. &#8211; \u00a0Dass aber dieser Ehebruch und die schwierigen Familienverh\u00e4ltnisse durch die prek\u00e4ren gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse fast schon erzwungen werden, wird nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Wie dieses Dilemma des Zusammen- und Familienlebens, das in den letzten Jahren \u00a0auch weite Teile der Mittelschicht, wenn nicht sogar der Oberschicht hierzulande erreicht hat, wie es familienpolitisch, technokratisch oder in welcher Form auch immer zu l\u00f6sen w\u00e4re, das bleibt weiterhin eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit und Zukunft. Und es zeigt wieder einmal den fragw\u00fcrdigen Zustand eines \u00f6konomischen Systems, welches alle menschlichen Kr\u00e4fte fast zwanghaft bindet, binden muss mit nur einigen wenigen Dollars als Lohn, damit m\u00fchsam genug ein Leben so ungl\u00fccklich gelebt und Kinder so vergeblich aufgezogen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>1 Die M\u00e4nnerbewegung der achtziger Jahre hatte zwar eine gewisse Schnittmenge mit der homosexuellen Emanzipationsbewegung, verstand sich jedoch nicht gegen die Frauen oder von den Frauen weg gerichtet, im Gegenteil. Sie war eine Reaktion auf den forcierten Feminismus, der auch die M\u00e4nner zur Selbstreflexion \u00fcber die eigene Position und (Un-)M\u00f6glichkeit sich selbst und den Frauen gegen\u00fcber getrieben hat. Mit dem Ergebnis, dass sich mittlerweile auch die Frauenbewegung in ihren Vorbehalten, Missverst\u00e4ndnissen und Einspr\u00fcchen zur\u00fcckgenommen hat und sich die beiden Geschlechter vielleicht doch auf einer eher gleichgerichteten Ziel-Mitte wieder finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Brokeback Mountain Theme Song<\/strong>(Extended) 6.45\u2019, Video ver\u00f6ffentlicht am 8.9.2012<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=221%20Nachtrag%3A%20Filmmusik&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brokeback Mountain In den Reigen popul\u00e4rer Musik (vgl.den Blogbeitrag Nr.220) passt auch das kurze YouTube-Video mit der Titelmelodie zum Brokeback Mountain-Western. 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