{"id":6056,"date":"2016-05-28T06:31:15","date_gmt":"2016-05-28T06:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6056"},"modified":"2020-04-28T13:02:20","modified_gmt":"2020-04-28T13:02:20","slug":"220-ueber-sehnsucht-popmusik-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6056&lang=de","title":{"rendered":"220 \u00dcber Sehnsucht (Popmusik 5)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Drei<strong> Popsongs<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sehnsucht ist ein\u00a0<\/em><em>Laster (<\/em>KF<em>)<\/em><\/p>\n<p>Um die Dinge des t\u00e4glichen Lebens k\u00fcmmert sich meist die Popmusik. Als da w\u00e4ren: Liebe, Arbeit, Feiern, Tr\u00e4nen, Tr\u00e4umen, Stress, Politik&#8230; Sie ist das Gegenteil einer <span style=\"text-decoration: underline;\">Musica reservata<\/span> (hallo WR!) mit hoch geistigen Erg\u00fcssen (Erg\u00fcsse?), mit kunstvoll elaborierter Verschl\u00fcsselung, die unverst\u00e4ndlich bleibt und in ihrer Hermetik nur eine verschwindend kleine Zielgruppe erreicht.<\/p>\n<p>Auch das Thema <span style=\"text-decoration: underline;\">Sehnsucht<\/span> wird man in den zuweilen hoch komplexen Kunstwerken dieser Gruppe selten nur antreffen k\u00f6nnen. Obwohl es in fr\u00fcheren Zeiten, sogar noch vor dem Zeitalter der Romantik, durchaus beliebt und angesagt war (<em>Kennst du das Land wo die Zitronen\u2026<\/em>). Goethes Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft ist wohl sprichw\u00f6rtlich, w\u00e4hrend Schiller als Schwabe eine gewisse gesunde Distanz dazu besessen hat. W\u00e4hrend sich Goethe noch als \u00fcber 70-j\u00e4hriger in ein jugendliches M\u00e4dchen verliebte und ihr sogar sehr zum Entsetzen seiner Umwelt einen Heiratsantrag gemacht hat, w\u00e4hrend er in jungen Jahren in die Ehe von anderen eingebrochen ist und sich nichtsdestotrotz bis zum Selbstmordgedanken verliebt hat, blieb Schiller doch immer eher abwartend und \u201evern\u00fcnftig&#8221; (in Anf\u00fchrungszeichen).<\/p>\n<p>Deshalb soll es heute und jetzt und auf dieser Blogseite zur Abwechslung einmal, damit nicht alles zu kopflastig und elaboriert wird (siehe oben), um die Sehnsucht gehen. Ich habe drei Pop-Songs ausgew\u00e4hlt, zwei davon sind im Augenblick in den internationalen Hitparaden. Sie sind \u00a0sch\u00f6n, sehnsuchtsvoll, einfach, kurz: \u00a0ganz ohne Anspr\u00fcche wollen sie nur unser Herz erreichen.<br \/>\nWas ist schon das Herz? Die unteren K\u00f6rperteile? Geist? Gef\u00fchl? \u2013 Aber lassen wir besser diese wieder nutzlose Abschweifung in \u00fcberfl\u00fcssiges Nachdenken, die uns nur \u00a0in die Verwirrung f\u00fchrt, kommen wir zum Hauptthema zur\u00fcck. Es geht, sagte ich, um Sehnsucht. Einmal in Form eines kleinen <span style=\"text-decoration: underline;\">Papiers<\/span>, das man in der Hosentasche bei sich tr\u00e4gt. Dann um Sehnsucht nach dem <span style=\"text-decoration: underline;\">Untergegangenen<\/span>, sei es die Sehnsucht nach dem Geliebten oder sei es die Sehnsucht nach der \u00a0Trauminsel, die verschwunden scheint. Und ob unser Geliebter vielleicht sogar dorthin mit verschwunden sein wird. &#8211; Schlie\u00dflich geht es dann direkt und einfach nur noch um unseren Wunsch und die <span style=\"text-decoration: underline;\">Klage<\/span>, international ebenfalls sehr erfolgreich vermarktet, <i>A<\/i><em>ch, w\u00e4rst du doch hier!<\/em><\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Der erste Song ist wenige Wochen nur alt. Er stammt von <strong>Ed Sheeran<\/strong>. Ich nenne das Lied in meiner Nachdichtung, die auch eine Interpretation zu sein versucht, einfach nur &#8220;<em>Ein Photo<\/em>&#8221; (englisch <em>Photograph<\/em>). Es geht darin um eine vergangene Liebe, die in einer Photographie eingefangen und aufbewahrt wird und die man immer bei sich in der Hosentasche tragen kann.<br \/>\nWas f\u00fcr eine sch\u00f6ne Erinnerung an die Geliebte! Sie permanent bei sich zu haben, das gibt doch Kraft und St\u00e4rke und Zuversicht allen feministischen Verschw\u00f6rungstheorien zum Trotz!<br \/>\nDoch das Lied nimmt eine \u00fcberraschend andere Wendung. In der zweiten Strophe geht es n\u00e4mlich darum, dass auch das Sterben, das Augenschlie\u00dfen, das Verschwunden und Vorbei ins Spiel kommen und dass sogar dies die einzige Gewissheit nur in unserem Leben sein kann. Und dass in einem solchen Fall eine Photographie von der verstorbenen \u00a0Person in der Hosentasche tats\u00e4chlich eine ganz gro\u00dfe und tiefe Erinnerung bleiben wird. Insofern ist dieser lapidare Song, von dem man glaubt, er sei nur ein einfaches Liebes- oder besser gesagt Liebes-Sehnsuchts-Lied, dennoch ein sehr sinnvoller und existenzieller Beitrag zum Leben.<\/p>\n<p>Musikalisch scheint das Lied alle Stilmittel zu wiederholen, die man von der Popmusik her kennt: Einfache, wenige modale Akkorde ganz ohne Dissonanz und \u00fcber weite Strecken nur unplugged mit Gitarre im Vordergrund gespielt.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es eine auff\u00e4llige Wendung, die so schnell nicht jedes Songwriter-Lied unserer Zeit wiederholt: Im Refrain wird dauernd nur mit <span style=\"text-decoration: underline;\">Kopfstimme<\/span> gesungen.<br \/>\nWarum wieder dieses Falsett? Warum singt ein Mann wieder wie eine Frau? Um die Frauen besonders leicht damit ansprechen zu k\u00f6nnen? Bis heute ist mir dieses Ph\u00e4nomen, das mit den <strong>Bee<\/strong> <strong>Gees<\/strong> im Kalifornien der siebziger Jahre begann und im <span style=\"text-decoration: underline;\">Farinelli-Film<\/span> einen ersten H\u00f6hepunkt erreichte, immer noch ein R\u00e4tsel.<br \/>\nAndererseits gibt es das Falsettieren schon lange. Vor allem in der Barockzeit waren viele Rollen mit \u201eKastraten\u201c besetzt, die hoch angesehen waren und teuer bezahlt werden mussten, zum Beispiel von <b>G.F.<\/b><b>H\u00e4ndel<\/b>. Sie hatten immer auch ein gro\u00dfes Publikum vor allem unter den Frauen. Warum, das ist mir bis heute ebenfalls ein R\u00e4tsel. Das Besondere an der Stimme in Ed Sheerans Lied ist au\u00dferdem die Tatsache, dass leise im Hintergrund auch noch ein Mann mitsingt, so dass also eine M\u00e4nner- und eine Quasi-Frauenstimme einen sehr ungew\u00f6hnlichen neuen Klang ergeben.<\/p>\n<p>Inhaltlich seltsam befremdlch ist die finale Zeile im Refrain: <em>to come home<\/em> (eigentlich <em>um nach Hause zu kommen<\/em>). Im Zusammenhang mit <em>Warte auf mich<\/em> macht diese fast schon arrogante Bemerkung wenig Sinn, es sei denn dieses Zuhause ist im Sinne einer Heimat, einer Geborgenheit und Zukunft zu verstehen, wie sie ja in den alten Sklaven-Songs der Schwarzamerikaner auch immer wieder ausgedr\u00fcckt worden ist (<em>I\u2019m going home<\/em>), was meist auch das verbotene Davonlaufen des Sklaven nach Hause bedeutet hat.<\/p>\n<p>Hier meine Nachdichtung des Textes, wie ich ihn verstanden habe:<br \/>\n<strong>Ein Photo<\/strong><\/p>\n<p>Lieben kann weh tun,<br \/>\nmanchmal, ich wei\u00df,<br \/>\nLieben kann hart sein,<br \/>\nmanchmal, aber es h\u00e4lt uns<br \/>\nlebendig.<\/p>\n<p>Liebe in einem Photo<br \/>\neinfangen, Erinnerungen f\u00fcr<br \/>\nuns: Augen schlie\u00dfen sich<br \/>\nnie, keine gebrochenen<br \/>\nHerzen &#8211; die Zeit steht<br \/>\nstill.<br \/>\nMich in der Hosentasche halten,<br \/>\nnahe bei dir, unsere<br \/>\nAugen treffen sich, niemals<br \/>\nalleine sein, warte auf mich,<br \/>\nbis ich nach Hause komme.<\/p>\n<p>Liebe kann heilen,<br \/>\ndie Seele stark machen,<br \/>\nich wei\u00df, es wird leichter.<br \/>\nDenke daran: nur das<br \/>\nnehmen wir mit beim<br \/>\nSterben.<\/p>\n<p>Wenn du mich verletzt, ok,<br \/>\nnur Worte bluten, in geschriebenen<br \/>\nSeiten mich fest halten<br \/>\nwollen &#8211; ich werde dich auch<br \/>\nnie weg gehen lassen.<\/p>\n<p>Du kannst mich einf\u00fcgen in deine Halskette,<br \/>\nmit 16 schon geh\u00f6rte sie dir,<br \/>\nnah an deinem Herzen<br \/>\nsollte ich sein &#8211;<br \/>\nhalte sie tief in deiner<br \/>\nSeele.<\/p>\n<p>Liebe in einem Photo<br \/>\nfesthalten, unsere Erinnerungen:<br \/>\ndie Augen schlie\u00dfen sich<br \/>\nnie mehr, kein gebrochenes<br \/>\nHerz &#8211; die Zeit steht<br \/>\nstill.<br \/>\nMich in der Hosentasche tragen,<br \/>\nnahe bei dir, unsere<br \/>\nAugen treffen sich, niemals<br \/>\nalleine sein, warte auf mich,<br \/>\num nach Hause zu kommen.<\/p>\n<p>Ich bin fort,<br \/>\ndeine K\u00fcsse unter der<br \/>\nStra\u00dfenlaterne fr\u00fcher in der<br \/>\n6.Stra\u00dfe, ich h\u00f6re dich<br \/>\nfl\u00fcstern durchs Telefon:<br \/>\nWarte bis ich\u2026<\/p>\n<p><strong>2<\/strong><\/p>\n<p>Der zweite meiner ausgew\u00e4hlten Popsongs stammt von dem Norweger <strong>Alan Walker<\/strong>. Ich habe ihn \u201e<em>Vorbei<\/em>\u201c genannt; eigentlich \u201e<em>verschwunden<\/em>\u201c (<em>Faded<\/em>). Er ist ein Lehrst\u00fcck daf\u00fcr, wie man Hits aufbauen kann. Als reiner Instrumentalbeitrag komponiert, mit Hilfe eines gro\u00dfen Konzerns kostenlos und ganz ohne Copyright ins Internet gestellt, ist die Beliebtheit der Komposition ohne Gesang schnell von zahlreichen Video-Produzenten ausgenutzt und popularisiert worden. Dergestalt, dass das Lied und sein Komponist eine gro\u00dfe Bekanntheit erreichen konnten, auch ohne dass die GEMA mit ins Spiel gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Schritt war konsequenterweise, dass man dieses Lied dann mit einer Gesangsstimme neu ver\u00f6ffentlichen und quasi automatisch in den Hitparaden platzieren konnte. Dieses Mal nat\u00fcrlich mit Copyright und mit Geld verdienen, so dass werbem\u00e4\u00dfig alles perfekt gemacht worden ist f\u00fcr diesen neuen Song.<\/p>\n<p>Das Lied ist ebenfalls wie das vorhergehende melancholisch. Auch hier geht es um einen Abschied, ein Verschwinden und um eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nicht unbedingt nur nach Liebe \u2013 man wei\u00df es nicht so genau. Jedenfalls stellt die alles dominierende Zeile im Text und \u00fcberraschender Weise auch in der Melodie (sie bleibt f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit wie <em>una tasta<\/em> nur auf einem einzigen Ton, was recht selten in der Popmusik vorkommt) immer die klagende Frage: Wo bist du jetzt (<em>where are you now<\/em>)? Nat\u00fcrlich folgt keine Antwort, sonst w\u00fcrde es uns allen besser gehen und das dazu passende Video, welches in einer traurigen Tr\u00fcmmerlandschaft Estlands spielt, w\u00fcrde uns auch etwas leichter verst\u00e4ndlich werden.<br \/>\nDie S\u00e4ngerin schwindet dahin, ja sie ist fast schon so todesverloren wie <strong>Ophelia<\/strong> im Wasser von Shakespeare.<\/p>\n<p>Doch das Lied nimmt eine \u00fcberraschende Wendung: In der zweiten Strophe springt die Sehnsucht in die Antike zur Insel <strong>Atlantis\u00a0<\/strong>hin\u00fcber. Die Frage, wo bist du nun, wird jetzt direkt an die Insel gerichtet, und diese Insel &#8211; sie ist verschwunden bekannterma\u00dfen irgendwo tief unten im Meer. Noch einen Schritt weiter in der altgriechischen Mythologie spricht die S\u00e4ngerin dann sogar von Monstern und D\u00e4monen, die sie plagen, und sie wei\u00df nicht mehr wohin mit ihren W\u00fcnschen, ihrer Sehnsucht und ihrem Traum (<em>do you feel us<\/em>).<\/p>\n<p>Doch es war ein Er, der ihre Seele in Flammen gesetzt hat, das wissen wir mittlerweile genau, und es geht auch nicht mehr um die Insel Atlantis. Das kleine Spiel mit der Mythologie war nur ein Verschweigen, dass er verschwunden ist warum auch immer und alles ist &#8211; vorbei. Im Song selbst, in dieser k\u00fcnstlichen und elektronischen Klangwelt, die fast nur von Computern erzeugt worden ist, werden sehr stark das Verschwinden und Vergehen, Ohnmacht und Verzweiflung der S\u00e4ngerin dargestellt, auch wenn immer wieder ein dumpf pochender starker Tanz-Rhythmus uns aus unseren somnambulen Tr\u00e4umen und Erinnerungen wecken kann.<\/p>\n<p>Auch diese Person spricht im Lied vom Lebendigsein trotz aller Trauer und Sehnsucht, trotz all dieser Monster und D\u00e4monen, die in unserer Seele ein wildes Gemetzel anzustellen versuchen, bis das Lied zu Ende ist. Lieber negative Gef\u00fchle als gar keine, nicht wahr.<br \/>\nGleichwohl ist das fast schon wie im russisch-orthodoxen Gottesdienst syllabisch so sehnsuchtsvoll vorgetragene <em>Where are you now<\/em> sehr eindringlich und beeindruckend. Vor allem wenn es von einer fast teilnahmslos kalten Maschinen-Stimme vorgetragen wird, die doch so weit entfernt ist von der menschlich wirkenden FalsettStimme Ed Sheerans. Eben eine leichenblasse Ophelia, die ihren Schwanengesang unterwegs nach Atlantis anzustimmen bereit ist, anzustimmen bereit sein muss und vielleicht auch nur vorgibt, ihn verloren zu haben (wer ist ihn?).<\/p>\n<p>Doch eine Hoffnung bleibt auch in diesem Lied: Loslassen, Atmen, ewige Ruhe &#8211; der buddhistische Verzicht auf das Begehren, auf Liebe und Lust, die antike Gleichg\u00fcltigkeit und skeptische Coolness allen Herausforderungen und Ver\u00e4nderungen des Lebens gegen\u00fcber scheint auch dieses Liebesleid voll Sehnsucht und Melancholie bes\u00e4nftigen zu k\u00f6nnen. Nicht nur die Liebe ist vorbei, sondern auch das Liebesleid, ohne den anderen nicht leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Vorbei<\/strong><\/p>\n<p>Du warst der Schatten in meinem Licht,<br \/>\nhast du es gef\u00fchlt, bemerkt, ein<br \/>\nanderer Beginn,<br \/>\nverschwunden<br \/>\nverloren<br \/>\nvorbei<\/p>\n<p>Angst, unser Ziel au\u00dfer<br \/>\nSicht im hellen<br \/>\nLicht m\u00f6chte ich uns \/<\/p>\n<p>Wo bist du jetzt?<br \/>\nEin Traum?<br \/>\nNur Phantasie?<\/p>\n<p>Unter den hell verblassenden<br \/>\nLichtern hast du mein<br \/>\nHerz in Flammen<br \/>\ngesetzt<\/p>\n<p>Atlantis tief im<br \/>\nMeer &#8211; ein Traum?<br \/>\nWild k\u00e4mpfen die<br \/>\nMonster in mir<br \/>\nherum.<\/p>\n<p>Verschwunden,<br \/>\nverloren<br \/>\nvorbei<\/p>\n<p>Nur Untiefen &#8211;<br \/>\nnie habe ich bekommen,<br \/>\nwas ich brauchte,<\/p>\n<p>Loslassen, tiefes<br \/>\nEindringen in die<br \/>\newige Ruhe des<br \/>\nMeeres,<\/p>\n<p>Atmen,<br \/>\nlebendig<br \/>\nsein.<\/p>\n<p>Wo bist du jetzt?<br \/>\nAtlantis unten im<br \/>\nMeer ein Traum? Nur<br \/>\nPhantasie? Wild k\u00e4mpfen die<br \/>\nMonster in mir<br \/>\nherum.<\/p>\n<p>Verschwunden,<br \/>\nverloren<br \/>\nvorbei<\/p>\n<p><strong>3<\/strong><\/p>\n<p>Das dritte Lied stammt von einer Meistergruppe, <strong>Pink Floyd<\/strong>. Ich denke sogar, dass sie von allen Gruppen der letzten Jahrzehnte die beste war. Sie hat sich wie so viele andere in dieser besonders kreativen und anspruchsvollen \u00c4ra Ende der sechziger Jahre entwickelt und in den Siebzigern ihren H\u00f6hepunkt erreicht. Was die Instrumentalbeherrschung oder die strukturelle Komplexit\u00e4t der Songs betrifft, gibt es gewiss noch einige andere wohl klingende Namen wie <strong>Yes<\/strong>, <strong>King Crimson<\/strong>, <strong>Gentle Giant<\/strong> oder <strong>Genesis<\/strong> und <strong>Peter Gabriel<\/strong>. Vom Einfluss her gesehen m\u00f6gen die <strong>Beatles<\/strong> vielleicht bedeutender gewesen sein und gr\u00f6\u00dfere Moden begr\u00fcndet haben.<\/p>\n<p>Aber immerhin war Pink Floyd f\u00fchrend in der experimentellen Phase des progressiven Rock (<span style=\"text-decoration: underline;\">Artrock<\/span>) und hat sich wie kaum eine andere Gruppe mit ihren experimentellen Kl\u00e4ngen der modernen Kangfarbenmusik der Neut\u00f6ner gen\u00e4hert (<em>Ummagumma<\/em>). Sie hat ebenso aber auch popul\u00e4re Songs ver\u00f6ffentlicht, die uns alle bis heute in Erinnerung geblieben sind. Dass man zum Beispiel keine Lehrer, keine Erziehung, keine Schule brauche etc. Nicht zuletzt hat die Gruppe durchweg auch eher das allgemeine <span style=\"text-decoration: underline;\">Weltleid<\/span> innerhalb unserer seelischen und materiellen Mauern in Musik gefasst und war damit ein deutlicher Kontrapunkt zu all den verlogenen Versprechungen und Scheinl\u00fcgenstunden der Popkultur.<\/p>\n<p>Der Song, den ich ausgew\u00e4hlt habe, ist einer der beliebtesten \u00fcberhaupt. Er wird immer noch in die Hitparaden von Oldie-Charts gew\u00e4hlt und es geht darin nur um einen direkt ausgesprochenen Wunsch, eine Sehnsucht: Ich wollte, du w\u00e4rest hier (<em>wish you were here)<\/em>.<\/p>\n<p>Im 1.Teil wird alles Ungl\u00fcck dieser Welt aufgez\u00e4hlt: pers\u00f6nliches Leid (<em>pain<\/em>), Helden werden zu Gespenstern, der (Vietnam-)Krieg, das Eingesperrtsein, \u00c4ngste\u2026 Voller Schwermut und Melancholie wird alles infrage gestellt, existenzielle Einsamkeit und Verlorenheit dominieren und finden schlie\u00dflich ihren traurigsten Ausdruck in einem Bild von zwei verlorenen Seelen, die wie Fische in einem Wasserglas, eingesperrt \u00a0in einem K\u00e4fig ihre Kreise ziehen. Jahr f\u00fcr Jahr, ohne Boden und Grund; immer wieder nur mit denselben \u00c4ngsten.<\/p>\n<p>Es geht jetzt nicht mehr um Liebe oder Liebesleid, sondern ganz andere Dimensionen, andere Stufen der menschlichen Existenz werden angesprochen und in eine k\u00fcnstlerische Form gebracht.<br \/>\nDas Wikipedia-Lexikon interpretiert den Song als einen traurigen Nachruf auf den ersten Gitarristen der Band, <span style=\"text-decoration: underline;\">Syd Barrett<\/span>. Es gibt aber wie immer beim Interpretieren mehrere Zugangsm\u00f6glichkeiten zu dem Lied, und jeder wird seinen eigenen Sinn darin finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Song erz\u00e4hlt auch musikalisch und kompositorisch von einer anderen Zeit. Einfach in der Akkordik, im Sound, in den Instrumenten. Kein strenger Strophenbau, keine perfekt glitzernde Klangfarbe mit Verfremdungen durch elektronische Computerprogramme. Die collagenhaft eingeblendeten akustischen Radio-Zitate, darunter auch kurz die 4.Sinfonie von Tschaikowski, st\u00f6ren eher und wirken heute etwas langatmig-h\u00f6rspielhaft bei all den stromlinienf\u00f6rmig konstruierten Songs der Gegenwart (siehe oben).<\/p>\n<p>Dennoch trifft dieser eine Satz, dieses St\u00f6hnen mit einigen wenigen Worten im Konjunktiv, er trifft uns direkt ins Herz: Ja, w\u00e4rst du doch da! K\u00f6nnte ich mich doch mit dir austauschen \u00fcber all dieses Leid in mir und in der Welt, die schlimmen Zust\u00e4nde um uns herum trotz Luxus und Freiheit und Wohlstand, Angst, und unsre gro\u00dfe Sehnsucht \u00a0nach N\u00e4he, Liebe und Schutz.<br \/>\nDu fehlst mir wirklich. W\u00e4rst du doch da!<\/p>\n<p><strong>Da sein<\/strong><\/p>\n<p>Du glaubst, Du kannst Himmel von H\u00f6lle unterscheiden,<br \/>\ndas helle Blau von deiner Pein, gr\u00fcne Felder von grauem<br \/>\nStahl und ein L\u00e4cheln von einer<br \/>\nMaske?<\/p>\n<p>Haben sie Dich schon dazu gebracht, Deine Helden als<br \/>\nGespenster zu sehen? Hei\u00dfe Asche sind die<br \/>\nB\u00e4ume geworden, hei\u00dfe Luft eine k\u00fchle Brise, kalter<br \/>\nKomfort verhindert jeden Wunsch nach \u00c4nderung?<\/p>\n<p>Und bist du vom Statisten im<br \/>\nKrieg zu einem F\u00fchrer in diesem<br \/>\nengen K\u00e4fig geworden?<\/p>\n<p>Wie w\u00fcnscht&#8217; ich mir doch,<br \/>\nDu w\u00e4rst hier!<br \/>\nWir zwei verlorene Seelen in einem<\/p>\n<p>Goldfisch-Glas, Jahr f\u00fcr<br \/>\nJahr und immer \u00fcber demselben<br \/>\nGrund.<\/p>\n<p>Was haben wir gefunden?<br \/>\nNur die gleichen alten<br \/>\n\u00c4ngste, immer nur sie.<\/p>\n<p>W\u00e4rst du doch da!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Ed Sheeran, <strong>Photograph <\/strong>3.33<\/p>\n<p>Alan Walker,\u00a0<b>Faded<\/b>\u00a04.26 (Video vom 3.12.2015 mit Shahab Salehi)<\/p>\n<p>Pink Floyd, <strong>Wish you were here<\/strong>\u00a04.54(Die ganze LP ist h\u00f6renswert)<\/p>\n<p>Vgl. auch <span style=\"text-decoration: underline;\">\u00dcber Popmusik 1-4<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Inhalt ganz Nr.91.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Buchtipp: Reinhold Urmetzer, &#8220;Drei Popsongs \u00fcber die Beziehung der Geschlechter&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(auch als E-Book)<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=220%20%C3%9Cber%20Sehnsucht%20%28Popmusik%205%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Popsongs Sehnsucht ist ein\u00a0Laster (KF) Um die Dinge des t\u00e4glichen Lebens k\u00fcmmert sich meist die Popmusik. 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