{"id":6296,"date":"2016-07-29T07:35:08","date_gmt":"2016-07-29T07:35:08","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6296"},"modified":"2020-09-10T15:23:16","modified_gmt":"2020-09-10T15:23:16","slug":"231-ueber-schottland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6296&lang=de","title":{"rendered":"231 \u00dcber Schottland"},"content":{"rendered":"<p>Schottland ist innerhalb der europ\u00e4ischen L\u00e4nder, die ich kenne, das Land der Melancholie, vielleicht auch im Winter\/Herbst das Land der Schwermut. Nicht jedoch aus der Sicht der Schotten, sondern nur aus meiner eigenen Perspektive geschildert, der ich Sonne und S\u00fcden von Kindheit an kenne. F\u00fcr die Schotten gibt es Musik und Tanz und Whisky und last but not least &#8211; Arbeit, wenn&#8217;s klappt. Sie lenkt zusammen mit der Sorge um die Familie relativ gut ab von den anderen Unbillen des Lebens.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Industriezentrum um <strong>Glasgow<\/strong> mit Schiffbau, Stahlwerken, Eisen und Kohle ist verschwunden wie die Schwerindustrie fast \u00fcberall in West-Europa. Auch dieses Zeitalter, das Zeitalter der Schwerindustrie, geht zu Ende. Stattdessen hat sich auch in Glasgow das Dienstleistungsgewerbe ausgebreitet mit seinen stylischen Hochh\u00e4usern, mit Tourismus, Computerindustrie, Bildung und Bankwesen.<\/p>\n<p>Aber das ist gerade nicht der Grund f\u00fcr Schwermut und Melancholie, im Gegenteil: es geht doch wieder aufw\u00e4rts! Glasgow gef\u00e4llt mir tats\u00e4chlich ebenso gut wie das allseits gelobte und bewunderte <strong>Edinburgh<\/strong>. Aber dort findet ihr nicht so stolze und sch\u00f6ne Architektur-Kunstwerke, eine so gro\u00dfe ethnische Vielfalt und ein freundlich kauziger Humor samt Weltoffenheit, die selbst das eher arrogante und sich so falsch selbstbewusst f\u00fchlende England jenseits der Grenze, die es tats\u00e4chlich gibt, \u00fcbertreffen kann.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt England &#8211; \u00a0ein so verworrenes und desorientiertes Land findet man tats\u00e4chlich nirgendwo sonst in West-Europa! Insofern stimmt diese kritische Feststellung von Kardinal Kasper anl\u00e4sslich des Papstbesuches 2010 in London immer noch. Auch eine genauere Analyse von Politik (Brexit) und Kultur (Popmusik) kann dies mittlerweile nur noch weiter best\u00e4tigen.<br \/>\nAndererseits empfiehlt <strong>Maurice Blanchot\u00a0<\/strong>in einem solchen Zustand,\u00a0<em>sich der Verwirrung anzuvertrauen<\/em>. Es ist wie eine Impfung des gesamten Systems: Positive Kr\u00e4fte werden aktiviert im g\u00fcnstigen Fall, um einen R\u00fcckschritt oder gar Untergang zu verhindern. Erstarrung und felsenfeste Gewissheiten sind mir immer verd\u00e4chtig. Das Harte bricht, das Weiche verbiegt sich nur, sagt das Sprichwort.<\/p>\n<p>Doch warum rede ich von Melancholie, sogar Schwermut? &#8211; Ich habe sehr intensiv wieder einmal die wunderbare Landschaft und Natur in Schottland bestaunen d\u00fcrfen. Es gibt das nackt-kahle, aber doch auch so weich-anschmiegsam geschmeidige Gr\u00fcn der Highlands; es gibt die wunderbar zerkl\u00fcfteten K\u00fcsten mit ihren zahlreichen gro\u00dfen und kleinen vorgelagerten Inseln im Westen und den stolzen, vom Meer umbrandeten Klippen im Osten.<br \/>\nEs gibt die vielen leeren und einsamen Str\u00e4nde (das Wasser ist zu kalt zum Baden), und es gibt diese verschmitzt l\u00e4chelnden \u00a0Menschen, die neugierig scheinen auf das Andere und gro\u00dfz\u00fcgig mit meiner Sprachschwerf\u00e4lligkeit umzugehen wissen.<\/p>\n<p>Doch noch einmal: Warum rede ich von Schwermut? &#8211; Ich denke, es sind die offen zur Schau gestellten <span style=\"text-decoration: underline;\">Zeichen des Verfalls<\/span>, die man immer wieder entdeckt und die dennoch wie stolze Troph\u00e4en eine verzauberte Landschaft schm\u00fccken, auch verwandeln k\u00f6nnen. Dazu dann noch dieses oft so neblig-regnerische Wetter sowie Stille und Einsamkeit der Berge.\u00a0Immer wieder entdeckt der Besucher n\u00e4mlich unvermittelt neben oder sogar in einem Gebirgssee (<em>Loch<\/em>) mittendrin eine Burg, ein Herrenhaus, auch ein richtiges Schloss &#8211; doch nur als <strong>Ruine<\/strong>, die uns ein trauriges Willkommen anbietet inmitten dieser m\u00e4chtigen und wunderbaren Berglandschaft, die in Europa so einzigartig ist.<\/p>\n<p>Immer wieder diese Ruinen. Sie zeugen von blutigem Kampf, von Raub, Mord und Totschlag. Die tragische Sicht der Geschichte bei Shakespeare kommt einem in den Sinn, auch Schiller und andere, die sich mit dieser Thematik, die scheinbar exemplarisch f\u00fcr das Menschengeschlecht steht, auseinander gesetzt haben. In anderen Breiten Europas gab es nat\u00fcrlich ebenso und noch viel heftiger Krieg und Untergang. Aber er wird dort kaschiert, versteckt, gel\u00f6scht durch Neubeginn und Neuaufbau.<\/p>\n<p>Deutschland, Griechenland, Rom &#8211; sie alle erz\u00e4hlen grausame Geschichten, berichten von Bann und Fluch, der uns scheinbar auferlegt worden ist von wer wei\u00df wem. Das gegenw\u00e4rtige Rom in Italien \u00a0l\u00f6st diese Problematik mit einer wunderbar gelungenen Mischung, die man mittlerweile im au\u00dferdeutschen Kulturbereich sogar als \u201epostmodern\u201c in ihrer Verwendung f\u00fcr die Kunst benennt. Dort stehen neben den Ruinen direkt fast schon gigantomanische Bauwerke des Barock, der Renaissance, der Gegenwart. Luxus und Lebendigkeit, die Sch\u00f6nheit von Welt und Zeit zeigen sich komplement\u00e4r und unverstellt nicht zuletzt auch durch die Menschen dort und eine s\u00fcdliche Sonne.<\/p>\n<p>Doch hier jetzt, im dunklen Norden, wenn sich der Regen mit seinem Nebel auf die Landschaft legt und die Berge verdeckt &#8211; hier gibt es wenig Ausgleich f\u00fcr diese traurigen Zeugnisse von Untergang und Ende.<br \/>\nEs existieren zwar noch etliche intakte Schl\u00f6sser und Burgen. Aber diese halten sich eher versteckt, sind auch Botschafter einer in altert\u00fcmliche Gegens\u00e4tze zerfallenen Welt von Oben und Unten, Reich und Arm, Arrogant-Selbstgef\u00e4llig und Verkr\u00fcppelt, welche nicht zuletzt auch die Politik dominiert (leider). Denn dass die Unterschicht in ihrem Wissen, Denken und Sprechen sehr\u00a0eingeschr\u00e4nkt nur leben kann\u00a0(ebenso wie in dem gro\u00dfen Vorbild USA), das will ich leider etwas provokativ und vielleicht auch vorschnell feststellen. Und dass die blendende Gegenseite, eine sich krampfhaft an die imperiale, wenngleich fast ganz verschwundene Tradition klammernde Oberschicht (einschlie\u00dflich ihrer Theater-Aristokratie samt Geldadel und Kastenbewusstsein) auch nicht viel weiter ist, ebenfalls.<\/p>\n<p>Also sind die wehm\u00fctigen Ruinen, einsamen Landschaften und stillen Seen auch ein Mahnmal an die Gegenw\u00e4rtigen, nicht zu vergessen und die Zukunft mit Neuanfang, \u00c4nderung und Aufbruch im Auge zu behalten. Ein Blick \u00fcber die Grenzen und aus der Isolation heraus schadet dabei weniger als das sich Ein-Igeln im eigenen Sumpf der Befangenheit, wie es jetzt nach der Brexit-Volksabstimmung vielleicht geschehen wird.<\/p>\n<p>Dieser Anschluss an eine zuk\u00fcnftige Gegenwart gelingt im Vereinigten K\u00f6nigreich, das, wenn es so weiter geht, \u00a0nur noch ein Disneyland f\u00fcr Touristen sein wird, nicht zuletzt doch durch die <strong>Musik<\/strong>. Nur die Musik, die Auseinandersetzung um Musik scheint mir ein progressives Element in diesem Land darzustellen. Nicht \u00a0die ber\u00fchmte <strong>Philosophy of Science<\/strong>, \u00fcber die ich oft genug schreiben muss. Denn dass die anglo-amerikanische Musik eine neue Kunst-Epoche eingeleitet hat, darin nahtlos an die Epoche <strong>Dowlands<\/strong> ankn\u00fcpfen kann, ist m.E. offensichtlich. Sie hat mit ihrer Vitalit\u00e4t, Lebensn\u00e4he, dem direkten Ausdruck von Gef\u00fchl und nicht zuletzt auch durch eine avantgardistische Neugier, die den H\u00f6rer auch textlich nicht zu unterfordern sucht, einen Weg gefunden, der nach vorne geht und die Zukunft im Zeichen von Globalisierung und Digitalisierung, \u00a0Neuanfang und Aufbruch im Auge beh\u00e4lt. Auch Werte einer gemeinsamen Welt-Kultur zu bewahren sucht: Dass wir uns als Kommunikations-Gemeinschaft unentwegt austauschen m\u00fcssen \u00a0\u00fcber ein Leben, wie es ist, sein sollte, sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dass wir den Menschen auch mit seiner animalischen Kraft und Lebendigkeit im Gef\u00fchlsleben und Tanz mehr beachten und Wert sch\u00e4tzen sollten, wie er sich zu wehren wei\u00df gegen alle diese neuen Arten von Fremdsteuerung, Unterdr\u00fcckung und Leid.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Diesen Text schreibe ich mit einem Hinweis auf <strong>Wilhelm Hausensteins<\/strong> immer noch unvergleichlichen Reiseberichte \u00fcber &#8220;Europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dte&#8221; 1926-32 (5. Nachdruck der Auflage 1954 bei Prestel M\u00fcnchen 1975). Auch in der Erinnerung an <strong>Horst\u00a0<\/strong><\/em><i><strong>Koegler<\/strong>, dem ich diesen BuchTipp und sogar &#8211; in mancher Hinsicht &#8211; \u00a0auch die &#8220;Kunst des Schreibens&#8221; und das Schreiben-K\u00f6nnen verdanke. Wodurch ich auch erst das Lesen habe neu lernen k\u00f6nnen.\u00a0<\/i><\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=231%20%C3%9Cber%20Schottland&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schottland ist innerhalb der europ\u00e4ischen L\u00e4nder, die ich kenne, das Land der Melancholie, vielleicht auch im Winter\/Herbst das Land der Schwermut. 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