{"id":6312,"date":"2016-08-24T09:09:02","date_gmt":"2016-08-24T09:09:02","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6312"},"modified":"2022-04-06T19:29:29","modified_gmt":"2022-04-06T19:29:29","slug":"234-ueber-romantik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6312&lang=de","title":{"rendered":"234 \u00dcber Romantik"},"content":{"rendered":"<p>Mein neues k\u00fcnstlerisches Thema, welches auch die Musik betrifft (Arbeitstitel \u201eMendelssohn-Fragmente\u201c), wird die romantische Sehnsucht sein. Es steht entgegen gesetzt vielleicht zu dem, was <strong>Marianne Pape<\/strong> gegenw\u00e4rtig plant mit ihren Samenk\u00f6rnern, dem Zeugen, Wachsen, Weiterf\u00fchren von Leben in seiner ganzen Kraft, Sch\u00f6nheit und Vielfalt. Ich meine damit die Sehnsucht nach der Befriedigung eines Wunsches, eines Begehrens, das jedoch niemals an ein Ende kommen, das niemals befriedigt werden kann. Wie wenn diese Sehnsucht und mit ihr all unsere Tr\u00e4ume nur Illusionen, eine <strong>Fata Morgana<\/strong> quasi w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Warum? &#8211; Sehnsucht und Befriedigung sind Ableitungen des Lebens. Sie wollen immer wieder mehr, suchen neue Befriedigung, Steigerung und immer wieder neue Steigerung. Jede Befriedigung schlie\u00dft dergestalt notwendig Unvollkommenheit und Imperfektion ein, die zum Leben geh\u00f6ren wie das Gegenteil auch. Nicht unbedingt jetzt im Sinne eines Scheiterns, sondern im Sinne eines nicht an ein Ende-kommen-K\u00f6nnen (Vgl. im Blog die Nr. 231 \u00fcber Schottland und die Nr. 216 \u00fcber Imperfektion).<br \/>\nDas Leben ist dergestalt eine <strong>Ruine<\/strong>, ein Auf und Ab, Kommen und Gehen, <em>ave atque vale<\/em>, ein zu Ende-F\u00fchren, Anfangen, Abbrechen und wieder Neu- Beginnen. Ein Kreis, aus dem wir vergeblich heraus zu springen versuchen. In einem Kreis sind Anfang und Ende n\u00e4mlich \u00a0gleich.<\/p>\n<p>In der Ruine spiegelt sich dergestalt Leben und Leiden mit seinen Quellen, Wurzeln und Zielen, seinem Finale. Es gibt den Anfang und es gibt das Ende. Es gibt die Vervollkommnung und es gibt Abstieg, Zusammenbruch, Verschwinden. Und es gibt das in der Mitte Abbrechen, welches das freiwillige Nicht-Vollenden bedeutet. Nicht das Ende, sondern nur das Abbrechen irgendwo in der Mitte, auch am Anfang oder kurz vor dem Ende. In der Ruine spiegelt sich also das Leben in seiner Dynamik, Abwechslung, Begrenzt- \u00a0und Unvollkommenheit.<\/p>\n<p>Wir sind damit beim Thema <strong>Romantik<\/strong> angekommen. Das Thema der Romantiker war die Sehnsucht, das Tr\u00e4umen. Und eben das war genug. Das ist das Neue, das Erstaunliche. Nicht die Erf\u00fcllung von Sehnsucht und Traum, sondern sogar das Wissen um die Unm\u00f6glichkeit, diese Tr\u00e4ume zu realisieren in ihrer Vollkommenheit oder eine Sehnsucht immer und schnell befriedigen zu k\u00f6nnen. Also begn\u00fcgte man sich mit dem halb Fertigen, dem Abbrechen, der Ruine. Die Ruine ist dergestalt zum eigentlichen Wahrzeichen der Romantik geworden.<\/p>\n<p>Als weiteres Zeichen f\u00fcr die Sehnsucht haben die Romantiker die &#8220;<span style=\"text-decoration: underline;\">Blaue Blume<\/span>&#8221; im Traum, in der Poesie ge\/erfunden und gesucht, wohl wissend, dass sie diese niemals finden werden k\u00f6nnen. Es gibt keine &#8220;Blaue Blume\u201c, ebenso wie es den M\u00e4rchen-Prinzen und seine M\u00e4rchen-Prinzessin nicht gibt.<\/p>\n<p>Auch meine, auch allgemein unsere Sehnsucht sucht eine solche Blaue Blume; ich kann mich fast nicht ernst nehmen mit dieser trivialen Formulierung. Sie richtet sich auf so vieles: auf Gl\u00fcck, Liebe, Erfolg, Gesundheit, Jugend\u2026 &#8220;das Land der Unbeschwertheit, Klugheit, des Sprechenk\u00f6nnens und der Leidenschaft&#8221;&#8230;hei\u00dft es in einem meiner Rimbaud-Fragmente(1). Vielleicht hatte man sogar Angst vor einem Realwerden von Sehnsucht und Traum. Man wollte den Zusammenprall mit der Realit\u00e4t, der Wirklichkeit, der eigenen Existenz vermeiden. Auch in Philosophie und Politik gehen Theorie und Praxis (oder auch Wollen und K\u00f6nnen im allt\u00e4glichen Leben) oft weit auseinander. Ganz zu schweigen von dem, was die Psychologen sagen.<\/p>\n<p>Sehr schnell haben die Romantiker dann auch erkannt: <span style=\"text-decoration: underline;\">Ich bin eine Ruine<\/span>, ich selbst bin diese Ruine der Sehnsucht, des Verfalls, der Unvollkommenheit und der Traumwelten. Das Ich stellt sich mit dem Selbst und seiner Rationalit\u00e4t (\u201eVernunft&#8221;) unbarmherzig dem Tr\u00e4umen in den Weg. <strong>Sigmund Freud<\/strong> hat im Anschluss an <strong>Nietzsche<\/strong> dieses Ich dann sehr schnell und intensiv entdeckt, analysiert in seiner ambivalenten Vielfalt und Chaotik.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe und einflussreiche Weltkultur lehnt au\u00dferdem ganz antagonistisch jede Sehnsucht und das Tr\u00e4umen vollkommen ab: der <strong>Buddhismus<\/strong>. <span style=\"text-decoration: underline;\">Schopenhauer<\/span> als sein philosophischer erster Vertreter im Abendland definiert deshalb ebenfalls das Begehren als bestimmende Ursache von Leiden; jedes Begehren bildet ein weiteres Begehren, jede Befriedigung sucht neue Befriedigung, neue Anregung und Steigerung. Nietzsche, der Schopenhauer-Sch\u00fcler, formulierte in seinem <u>Zarathustra <\/u>sogar:<u>\u00a0<\/u><em>Jede Lust will Ewigkeit, tiefe, tiefe Ewigkeit<\/em>. Das Wissen um die Negativit\u00e4t des Begehrens f\u00fchrte schlie\u00dflich in der Kunst-und Kulturgeschichte Mitte des 19.Jahrhunderts zu einem kalt-n\u00fcchternen Realismus, der in seinem \u00fcbertriebenen Extremum sogar als Naturalismus benannt worden ist.<\/p>\n<p>Und wo stehen wir jetzt? &#8211; Ich denke, wir stehen jetzt wieder \u00fcberall: In der Realit\u00e4t und Hyperrealit\u00e4t (Baudrillard), in der Flucht vor der Realit\u00e4t, in der Hoffnung, der Esoterik, in Entt\u00e4uschung und Frustration, Sublimation und Ersatz, im Traum. Im Traum von einen gelingenden Leben mit Menschen, die wir verstehen und umgekehrt. Die uns akzeptieren in unserer Eigenart und die wir akzeptieren in ihrer Eigenart. Denn das ist meines Erachtens eine der wichtigsten Voraussetzungen f\u00fcr ein gelingendes Leben, eine gelingende menschliche Beziehung: Dass man das Gegen\u00fcber in seiner Eigenart und Eigent\u00fcmlichkeit akzeptiert, toleriert, schon sehr fr\u00fch auch ertragen lernt. Dass man sich dessen bewusst bleiben muss, dass diese Differenz, \u00a0die es auszuhalten gilt, \u00a0interessant, informativ, spannend ist und lebendig werden l\u00e4sst, lebendig h\u00e4lt. Und dass gerade sie keine Ruine verursacht oder hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p>In der Verlobungszeit vor der Hochzeit mit meiner jetzigen Ehefrau habe ich mir bei Auseinandersetzungen immer wieder gesagt: Ich muss diese Frau kennenlernen, wenn sie unausstehlich ist. Wenn ich sie dann immer noch liebe und aushalte, werde ich sie heiraten. &#8211; So ist es gekommen. Und unausstehlicher als vor der Heirat ist meine Frau, sind wir beide nie mehr wieder geworden.<\/p>\n<hr \/>\n<p>1 Reinhold Urmetzer, Prosagedichte 2015 (Rimbaud-Fragmente)<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=234%20%C3%9Cber%20Romantik&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein neues k\u00fcnstlerisches Thema, welches auch die Musik betrifft (Arbeitstitel \u201eMendelssohn-Fragmente\u201c), wird die romantische Sehnsucht sein. 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