{"id":6453,"date":"2016-09-29T18:34:07","date_gmt":"2016-09-29T18:34:07","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6453"},"modified":"2022-02-13T19:23:41","modified_gmt":"2022-02-13T19:23:41","slug":"236-sextus-empirikus-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6453&lang=de","title":{"rendered":"236 Sextus Empirikus (1)"},"content":{"rendered":"<p>Zitate aus der Lehre der skeptischen Schule im sp\u00e4tr\u00f6mischen Reich<\/p>\n<p>Hier: <b>Sextus Empirikus, &nbsp;Grundriss der pyrrhonischen Skepsi<\/b>s\/Malte Hossenfelder (Suhrkamp Wissenschaft 499)<\/p>\n<p>Sextus Empiricus war ein r\u00f6mischer Philosoph der Sp\u00e4tantike, dessen B\u00fccher  in der Zeit der &#8220;guten&#8221; Kaiser von 180-200 n.Chr. erschienen sind. Er lebte in Alexandria, Rom und Athen und war einer der letzten &#8220;Akademiker&#8221;, also ein Anh\u00e4nger der platonischen Akademie, die sich aber bereits schon seit langem immer mehr der&nbsp;<u>Skepsis<\/u>&nbsp;verschrieben hatte. Was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, wieviele Auslegungs- und Interpretationsprobleme Platons Werk &nbsp;bis auf den heutigen Tag macht.<\/p>\n<p>Dogmatisch sind in der Definition von Sextus nahezu alle gro\u00dfen philosophischen Schulen des r\u00f6mischen Reiches, die an dem teilweise \u00fcberhitzten intellektuellen Diskurs der Zeit sich beteiligten. Ausnahme bildet nur die eigene, die skeptische Schule, die manchmal auch etwas altert\u00fcmlich nach dem Urvater der Skepsis die &#8220;Pyrrhoniker&#8221; genannt wird.<\/p>\n<p><b>1 Zitate<\/b><\/p>\n<p><u>Relativit\u00e4t<\/u><\/p>\n<p><i>Alles Gegebene verh\u00e4lt sich irgendwie relativ und ist nach verschiedenen Zeiten und Umst\u00e4nden bald zu w\u00e4hlen, bald zu meiden.<\/i><\/p>\n<p><u>Lebensform<\/u><\/p>\n<p>Gegen die These, dass eine konsequente Skepsis sich selbst aufhebe. Es gibt die <u>philosophische Lebensform<\/u> und die <u>praktische Lebensform.<\/u> Letztere k\u00fcmmert sich wenig &nbsp;um philosophisches Denken, um Aporien oder Widerspr\u00fcche und Isosthenien.<\/p>\n<p><i>Wir folgen einer Lehre, die uns ein Leben nach den v\u00e4terlichen Sitten, den Lebensformen und den eigenen Erlebnissen vorzeichnet.<\/i><\/p>\n<p><i>Der Skeptiker kann, der unphilosophischen Erfahrung folgend, das eine w\u00e4hlen, das andere meide<\/i>n.<\/p>\n<p><u>Gleichwertigkeit der Argumente<\/u><\/p>\n<p>Das Hauptbeweisprinzip der Skepsis ist, dass jedem Argument ein gleichwertiges entgegen gestellt werden kann.<\/p>\n<p><i>Ich schreite zur Gegenargumentation, nur um die Gleichwertigkeit der Argumente vor Augen zu f\u00fchren.<\/i><\/p>\n<p><u>Sprachkritik<\/u>: \u00dcber die Dinge reden oder schreiben ist etwas anderes, als sie zu sehen oder sinnlich wahrzunehmen<\/p>\n<p><i>Wir fragen nicht nach dem Erscheinenden, sondern nach dem, was \u00fcber das Erscheinende ausgesagt wird, und das unterscheidet sich von der Frage nach dem Erscheinenden selbst.<\/i><\/p>\n<p><u>Verborgene Dinge<\/u><\/p>\n<p><i>Dinge, die verborgen sind, beurteilen wir zur\u00fcckhaltend.<\/i><\/p>\n<p><i>Bei verborgenen Dingen ma\u00dfen wir uns nicht an zu sagen, ob sie erkennbar oder unerkennbar sind<\/i><\/p>\n<p>Der Skeptiker verwendet als methodisches Vorgehen die <u>Zur\u00fcckhaltung<\/u>, wodurch Seelenruhe (Ataraxie) eintritt<\/p>\n<p><i>Sich im Urteil zur\u00fcck halten<\/i><\/p>\n<p><i>Da die Klugheit erheblich und beinahe unendlich ansteigen und nachlassen kann, muss man immer auf das Urteil der sp\u00e4ter kommenden Kl\u00fcgeren warten und darf niemals den jetzt \u00dcberlegenen zustimmen<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2 <b>Beispiel f\u00fcr das methodische Vorgehen<\/b> von Sextus im gesamten Buch: These und Antithese, Argument und Gegenargument, Beispiel und Gegenbeispiel werden gleicherma\u00dfen verteidigt (die <b>Isosthenie<\/b>)<\/p>\n<p><u>Ob es eine Seele gibt<\/u><\/p>\n<p><i>Nennen die Dogmatiker diesen Widerstreit, ob es eine Seele gibt, unentscheidbar, dann geben sie von selbst die Unerkennbarkeit der Seele zu.<br \/>\nNennen sie ihn entscheidbar, m\u00f6gen sie sagen, wodurch sie ihn entscheiden wollen. Denn durch die Sinneswahrnehmung k\u00f6nnen sie es nicht, weil sie behaupten, die Seele sei geistig. Sagen sie durch den Verstand, so entgegnen wir, dass der Verstand das Verborgenste ist, wie diejenigen beweisen, die sich zwar \u00fcber die Existenz der Seele einig sind, \u00fcber den Verstand aber uneinig.<br \/>\nWenn Sie daher mit dem Verstand die Seele erkennen und den Streit \u00fcber sie entscheiden wollen, dann wollen sie mit dem Fraglicheren das weniger Fragliche beurteilen und best\u00e4tigen, was unsinnig ist.<br \/>\nAuch durch den Verstand l\u00e4sst sich also der Streit \u00fcber die Seele nicht entscheiden. Folglich durch gar nichts. Wenn das aber so ist, dann ist sie auch unerkennbar.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>3 Beispiel daf\u00fcr, dass auch die Sophisten falsch liegen mit ihren Spitzfindigkeiten:<\/b><\/p>\n<p><u>Anekdote gegen sophistisches Argumentieren (Trugschl\u00fcsse):<\/u><\/p>\n<p><i>Als dem Sophisten Diodor einmal die Schulter heraus gesprungen war und er zum Arzt Herophilos kam, um sich heilen zu lassen, sagte dieser zu ihm im Scherz: &#8220;Entweder ist die Schulter, sich an dem Ort befindend, wo sie war, herausgesprungen, oder an dem, wo sie nicht war. Weder aber, wo sie war, noch wo sie nicht war. Also ist sie nicht heraus gesprungen&#8221;.<br \/>\nDaraufhin flehte der Sophist, diese Art Argumente zu lassen und ihm die Behandlung zuzuf\u00fchren, die nach der Heilkunst zweckm\u00e4\u00dfig sei.<br \/>\n<\/i><\/p>\n<p><i>Es gen\u00fcgt, glaube ich, erfahrungsgem\u00e4\u00df und undogmatisch zu leben und sich dabei \u00fcber das, was aus dogmatischem \u00dcbereifer und weit au\u00dferhalb des t\u00e4glichen Lebensbedarfs gesagt wird, zur\u00fcck zu halten.<\/i><\/p>\n<p>Die Erfahrung des <u>N\u00fctzlichen<\/u> in der Lebenspraxis f\u00fchrt oft in der jeweiligen Sache die Aufl\u00f6sung einer Gleichwertigkeit herbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>4 Gott in der Antike<\/b><br \/>\nDie G\u00f6tter anzuzweifeln war zeitweise ein Kapitalverbrechen. Sokrates ist auch deswegen zum Tod verurteilt worden. Dennoch bildeten sich bald Schulen, etwa die Epikurs, welche sich zumindest skeptisch dem antiken Gottesglauben gegen\u00fcber zeigten und dennoch keine politischen Probleme bekamen. Im Gegenteil: Neben den Stoikern war die Schule Epikurs die beliebteste und einflussreichste in der Sp\u00e4tantike.<br \/>\nSextus beweist zwar, dass man Gott weder beweisen noch nicht beweisen k\u00f6nne. Im t\u00e4glichen Umgang damit erweist er sich jedoch als pragmatisch.<\/p>\n<p><i>Da nun die Mehrzahl Gott die wirksamste Ursache nennt, so will ich nun Gott betrachten, nachdem ich voraus geschickt habe, dass wir zwar, dem t\u00e4glichen Leben folgend, undogmatisch G\u00f6tter annehmen und verehren und ihre Vorsorge gelten lassen, dass wir aber gegen die Voreiligkeit der Dogmatiker folgendes anf\u00fchren&#8230;<\/i>(s.auch Teil 3)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>5 Sinn und Ziel<\/b><\/p>\n<p><i>Fragt man die Dogmatiker, was das Gute sei, so geraten sie in unvers\u00f6hnlichen Streit, indem die einen sagen &#8220;Tugend&#8221;, die anderen &#8220;Lust&#8221;, die dritten &#8220;Schmerzfreiheit&#8221;, die vierten noch etwas anderes. So sind sogar die Namhaftesten unter den Dogmatikern \u00fcber den Begriff des Guten nicht einig, und ebenso sind sie sich auch \u00fcber das \u00dcbel nicht einig geworden.<\/i><\/p>\n<p><i>Nicht zu reden von den Laien, von denen die einen k\u00f6rperliches Wohlbefinden f\u00fcr ein Gut halten, die anderen den Beischlaf, die dritten V\u00f6llerei, die vierten Trunkenheit, die f\u00fcnften W\u00fcrfelspielen, die sechsten Habsucht, die siebten noch geringere Dinge als diese.<\/i><\/p>\n<p><i>Von den Philosophen begr\u00fc\u00dfen die einen die Lust als ein Gut, w\u00e4hrend andere sie geradezu ein \u00dcbel nennen, so dass ein Philosoph sogar ausrief: &#8220;Lieber m\u00f6chte ich wahnsinnig sein als Lust zu empfinden&#8221; (der Kyniker Anthistenes)<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>6 Seelenruhe (Ataraxie)<\/b><br \/>\nDie Seelenruhe war fast in allen philosophischen Schulen das h\u00f6chste Gut. Heute w\u00fcrde man sagen: kein Stress, keine heftigen Emotionen, gleichm\u00fctig bleiben den Sorgen der Welt und Allgemeinheit gegen\u00fcber; die verbreitete M\u00f6glichkeit zum Wohlleben genie\u00dfen und keinem \u00fcbertriebenen Luxus fr\u00f6nen. Auch im Umgang mit Lust m\u00e4\u00dfig bleiben.<br \/>\nAls Philosoph und Denker soll man sich um die Seelenruhe k\u00fcmmern; im praktischen Leben jedoch sich &#8220;\u00fcber das Unausweichbare keine Gedanken machen&#8221; und ein gewisses Ma\u00df an Leid aushalten lernen.<\/p>\n<p><i>Das Ziel des Skeptikers ist die Seelenruhe in den auf dogmatischem Glauben beruhenden Dingen, denn sie sind allesamt ungewiss. In den aufgezwungenen Dingen ist sein Ziel das ma\u00dfvolle Erleiden der Schmerz<\/i>en.<\/p>\n<hr>\n<p>Vgl.auch Sextus Empirikus (1) in Nr. 232: &#8220;\u00dcber Isosthenien&#8221;<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=236%20Sextus%20Empirikus%20%281%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zitate aus der Lehre der skeptischen Schule im sp\u00e4tr\u00f6mischen Reich Hier: Sextus Empirikus, &nbsp;Grundriss der pyrrhonischen Skepsis\/Malte Hossenfelder (Suhrkamp Wissenschaft 499) Sextus Empiricus war ein r\u00f6mischer Philosoph der Sp\u00e4tantike, dessen B\u00fccher in der Zeit der &#8220;guten&#8221; Kaiser von 180-200 n.Chr. erschienen sind. 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