{"id":6618,"date":"2016-11-02T10:11:43","date_gmt":"2016-11-02T10:11:43","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6618"},"modified":"2016-12-16T06:22:51","modified_gmt":"2016-12-16T06:22:51","slug":"243-ueber-gut-und-schlecht-lukian-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6618&lang=de","title":{"rendered":"243 \u00dcber Gut und Schlecht (Lukian 7)"},"content":{"rendered":"<p><b>Demokrit und Heraklit<\/b><\/p>\n<p>Dass es gut und schlecht gleichzeitig immer wieder geben kann, das zeigen die skeptischen Isosthenien. Dass es aber auch gleichzeitig zwei gegens\u00e4tzliche Schulen dazu gibt, das zeigt die antike Philosophiegeschichte.<\/p>\n<p>Es gibt einen Philosophen des Lachens und einen des Weinens. Der erste ist der Vorsokratiker <b>Demokrit<\/b>, der Lacher. Der zweite, weitaus ber\u00fchmtere, ist <b>Heraklit<\/b>, der Schwarzseher. Er war ebenfalls \u00e4lter als Platon, also auch ein Vorsokratiker.<br \/>\nVon Demokrit wird \u00a0berichtet, dass er alles in der Welt, Handlungen, Weisheiten und Ziele des Menschen so l\u00e4cherlich findet, dass man nur noch dar\u00fcber lachen k\u00f6nne. Er h\u00e4lt die stoische Lebensweise, ohne Furcht und Hoffnung zu leben, f\u00fcr falsch und strebt stattdessen eine gelassene Lebenshaltung an (&#8220;Wohlgemutetheit&#8221;) \u00e4hnlich wie sp\u00e4ter Epikurs <u>Ataraxie<\/u>: sich an den sch\u00f6nen Dingen des Lebens zu erfreuen und allem anderen aus dem Wege zu gehen. Er soll 100 Jahre alt geworden sein.<\/p>\n<p>Heraklit hingegen ist ein Schwarzseher. In der Erkenntnis-theorie einflussreich bis auf den heutigen Tag mit seiner Dialektik, dass alles aus Gegens\u00e4tzen bestehe, die sich gegenseitig bedingten (siehe auch Blog Nr.192). Alles befindet sich in einem st\u00e4ndigen Fluss der Bewegung von Werden und Vergehen. Das Sein entsteht durch das Werden und geht wieder zur\u00fcck ins Nichts. Sein und Nichts, Leben und Tod bedingen einander. Isosthenien sind eine Weiterentwicklung dieses Gedankens: zum Sein wie zum Nichts: zum Leben wie zum Tod entstehen immer wieder neue Gegens\u00e4tze, so dass sich alles in einem Chaos der Mischungen und Gleichwertigkeiten befindet. Wie man sich dort zuRrecht finden kann, genau das ist f\u00fcr uns Menschen die schwierige Frage von Denken, Entscheidungsfindung \u00a0und Lebensform.<br \/>\nWegen seiner kryptisch-verschl\u00fcsselten Sprache und schweren Verst\u00e4ndlichkeit wird Heraklit bereits im Altertum als &#8220;der Dunkle&#8221; bezeichnet. Gleichwohl hat er nicht zuletzt auch auf <b>Hegel<\/b> und <b>Marx<\/b> einen gro\u00dfen Einfluss ausge\u00fcbt.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist er ein richtiger Apokalyptiker, ein <u>Kassandrist<\/u>: Alles laufe letztendlich auf den Untergang der Welt hinaus, die wie ein Feuerball vergl\u00fchen m\u00fcsse &#8211; womit er sogar aktuelle Prognosen bereits 2500 Jahre fr\u00fcher vorweggenommen hat.<br \/>\nIn der Antike tauchen beide Philosophen immer wie ein Zwillingspaar auf, was nicht zuletzt die dialektische Theorie Hetaklits nur wieder zu best\u00e4tigen scheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Verk\u00e4ufer<\/b>: So tretet hervor! Da biete ich euch ein paar herrliche Charaktere an! Ich halte sie f\u00fcr die zwei weisesten Menschen in meiner ganzen Sammlung.<\/p>\n<p><b>K\u00e4ufer<\/b>: Gro\u00dfer Jupiter! Welch ein Kontrast! Der eine lacht ohne aufzuh\u00f6ren, und dem anderen muss etwas sehr Liebes gestorben sein, denn er weint an einem St\u00fcck. Hallo guter Freund, wor\u00fcber lachst du so?<br \/>\n<b>Demokrit<\/b>: Du kannst noch fragen? Weil ich alle eure Dinge und euch selbst auch nur noch l\u00e4cherlich finden kann.<br \/>\n<b>K\u00e4ufer<\/b>: Wie? Du lachst uns alle aus und siehst alle menschlichen Dinge als vollkommen unbedeutend an?<br \/>\n<b>Demokrit<\/b>: So ist es; es ist \u00fcberall nichts Gescheites daran, alles ist nur ein zuf\u00e4lliger Atomentanz im unendlichen Leeren.<br \/>\n<b>K\u00e4ufer<\/b>: Du magst mir wohl selbst ein leerer Kopf und ein gro\u00dfer Schw\u00e4tzer sein. Was f\u00fcr eine Beleidigung das ist. Wird das Lachen und Auslachen kein Ende nehmen?<\/p>\n<p>Aber du, ehrlicher Mann (denn mit dir, hoffe ich, wird sich doch noch ein vern\u00fcnftiges Wort reden lassen), warum weinst du?<br \/>\n<b>Heraklit<\/b>: Weil ich das Los der Menschen j\u00e4mmerlich finde. Alles, vom kleinsten bis zum gr\u00f6\u00dften, ist der Hinf\u00e4lligkeit und dem Tod unterworfen. Das menschliche Leben ist in meinen Augen ein immer w\u00e4hrender Leichenzug und die Erde ein immer offenes Grab.<br \/>\nDie Gegenwart mag ja noch hingehen: aber was in der Zukunft bevorsteht, ist \u00e4u\u00dferst traurig. Ich meine den allgemeinen Weltenbrandt, der das Ganze zerst\u00f6ren wird. Das ist es, was ich bejammere. Und dass es nichts Best\u00e4ndiges in der Natur gibt, sondern alles sich in einem ewigen Durcheinander mischt: Vergn\u00fcgen und Schmerz, Wissen und Unwissenheit, Gro\u00dfes und Kleines, das Oberste und das Unterste im Grunde immer dasselbe sind. Kurz, dass in dem Kinderspiel der Zeit alles sich ver\u00e4ndert, kommt und geht und alle Dinge ohne Plan und Endzweck sich mischen und wechseln.<br \/>\n<b>K\u00e4ufer<\/b>: Was ist denn dann die Zeit?<br \/>\n<b>Heraklit<\/b>: Ein Kind, das mit Steinen spielt und ohne Ziel sinnlos hin und her l\u00e4uft.<br \/>\n<b>K\u00e4ufer<\/b>: Und was sind die Menschen?<br \/>\n<b>Heraklit<\/b>: Sterbliche G\u00f6tter.<br \/>\n<b>K\u00e4ufer<\/b>: Und die G\u00f6tter?<br \/>\n<b>Heraklit<\/b>: Unsterbliche Menschen.<br \/>\n<b>K\u00e4ufer<\/b>: Du sprichst ja nur lauter R\u00e4tsel, guter Freund; man wird aus deiner Rede nicht kl\u00fcger als aus dem Orakel von Delphi.<br \/>\n<b>Heraklit<\/b>: Weil ihr mich nichts angeht und ich mich um euch nicht k\u00fcmmere.<br \/>\n<b>K\u00e4ufer<\/b>: So wird dich auch kein vern\u00fcnftiger Mensch kaufen.<br \/>\n<b>Heraklit<\/b>: ihr k\u00f6nnt meinetwegen alle, so wie Ihr da seid, K\u00e4ufer und Nicht-K\u00e4ufer, zum Henker gehen!<br \/>\n<b>K\u00e4ufer<\/b>: Der arme Mann ist krank, er hat die Milzsucht schon in einem hohen Grade. Ich f\u00fcr meinen Teil kann keinen von den beiden hier brauchen.<\/p>\n<p><b>Verk\u00e4ufer<\/b>: Die beiden werden also auch unverkauft bleiben.<\/p>\n<p>(Auch Aristipp, der Anh\u00e4nger von Wohlleben, Geld und Luxus konnte nicht verkauft werden)<\/p>\n<hr \/>\n<p>1 Lukian \u201eWerke\u201c, Aufbau Berlin 1981(Wieland-\u00dcbersetzung)<\/p>\n<p><b>Das Denken der r\u00f6mischen Sp\u00e4tantike im Blog: Einf\u00fchrung 149, Kynismus 151, Hedonismus 152, Idealismus (Sokrates) 153, Aristoteles 159<br \/>\nSexualverhalten in der antiken Welt der M\u00e4nner: Caesar 131<\/b><\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=243%20%C3%9Cber%20Gut%20und%20Schlecht%20%28Lukian%207%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demokrit und Heraklit Dass es gut und schlecht gleichzeitig immer wieder geben kann, das zeigen die skeptischen Isosthenien. 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