{"id":6633,"date":"2016-11-07T09:14:19","date_gmt":"2016-11-07T09:14:19","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6633"},"modified":"2019-01-18T01:14:44","modified_gmt":"2019-01-18T01:14:44","slug":"244-ueber-popmusik-10-david-bowie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6633&lang=de","title":{"rendered":"244 \u00dcber Popmusik 10 &#8211; David Bowie"},"content":{"rendered":"<p><i>David Bowie geh\u00f6rte nie so recht zu meinen Favoriten in der Pop-Kultur. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands und Stars hat mich nie ein Live-Auftritt interessiert. Weder mochte ich seine d\u00fcnne falsettierende Stimme noch sein androgyn-theatralisches Gehabe, das zu den sp\u00e4ten 70ern passte und das gerade Bowie selbstbewusst verbreitete. Alle drei folgenden Lieder standen im Umkreis der Emanzipationsbewegung der Geschlechter und sie haben, ich muss es zugeben, die Pop-Musikgeschichte bereichert. Aus verschiedenen Gr\u00fcnden, die mehr im Politisch-Sozialen als im Musikalischen liegen.<\/i><\/p>\n<h3>Absolute Beginners (1986)<\/h3>\n<p>Wer von uns war nicht schon einmal ein v\u00f6lliger Anf\u00e4nger, ein absoluter Beginner?<br \/>\nJeder! &#8211; Ob beim Braten des Spiegeleies, dem Autofahren, Gedichte-lernen-M\u00fcssen oder im Sex.<br \/>\nEin Liebeslied mit diesem Eingest\u00e4ndnis zu beginnen, das scheint verf\u00fchrerisch. Ich kann es nicht, gesteht man treuherzig dem Gegen\u00fcber, und du vielleicht auch nicht. Wenn doch, dann umso besser f\u00fcr uns beide. Auch wenn wir nur wenig anzubieten haben &#8211; wir wollen einfach mehr nicht. Und: Es gibt keinen Grund, harte Zeiten zu beklagen, wenn man verliebt ist.<\/p>\n<p>Wenn in diesem Liebeslied dann auch noch bewusst die Filmwelt ins Spiel gebracht wird (\u00fcber Berge und Herzeleid hinweg fliegen k\u00f6nnen \u201ewie im Film\u201c, die Augen offen halten, \u201eden Ozean anlachen&#8221;) und dabei auch noch eine gute Portion Realismus mitschwingt, n\u00e4mlich das Wissen dar\u00fcber, dass es gerade nicht so sein kann, wie es uns die Filme versprechen &#8211; dann ist zumindest mental fast alles erreicht. Unser kritisches Bewusstsein, das der Lebenswirklichkeit doch immer noch reichlich skeptisch gegen\u00fcber steht, nicht wahr, ist zufrieden gestellt ( Puh, was f\u00fcr eine Einleitung!).<\/p>\n<p>Wenn dann auch noch eine z\u00fcndende Tanzmusik im Hintergrund mitschwingt, das Saxophon qu\u00e4kt und schreit, eine Frauenstimme den Refrain verdoppelt, eine Strophe auf die andere in sch\u00f6ner Reihenfolge folgt und solange man sich auch noch anl\u00e4cheln kann &#8211; dann ist ein Lied geboren, das unser Herz erreicht (seufz) und mit welchem wir nur allzu viel anfangen k\u00f6nnen. Denn wie hei\u00dft es so sch\u00f6n im Text: &#8220;Deine Liebe ist auch meine Liebe&#8221; &#8211; Gleiches wollen und nicht wollen, sagten die alten R\u00f6mer. Oder auch (im rituellen Heiratsversprechen bei der Eheschlie\u00dfung): <i>Habemus Cestum Veneris<\/i> &#8211; wir besitzen den G\u00fcrtel der Venus (und werden ihn \u00f6ffnen beim Sex).<\/p>\n<p>Einen Wermutstropfen gilt es gleichwohl in dieser s\u00fc\u00dfen Suppe auszuhalten: Weder Text noch Musik stammen von David Bowie; Paul John Weller ist der Erfinder dieses Hits. So schreibt es wenigstens die Shazam-App. Dennoch wird Bowie wie immer im Sound kr\u00e4ftig mitgemischt haben, nicht zuletzt auch mit seiner androgynen Performance in den Video-Shows.<\/p>\n<h3>Asche zu Asche (1980)<\/h3>\n<p>Auch dieses Lied ist zum Standard der Popmusik-Geschichte geworden. Einmal wegen seinem Bezug zu David Bowies spektakul\u00e4rem <span style=\"text-decoration: underline;\">Ziggy Stardast<\/span> ScienceFiction-Film, in welchem ebenfalls ein <strong>Major Tom<\/strong> vorkommt und die ganze Glitter- und Transvestitenwelt ihren ersten H\u00f6hepunkt erreicht hatte. Zum anderen wegen seiner Drogen-Thematik. Ich kenne keinen anderen Song, der dieses Thema so eindringlich, poetisch verschl\u00fcsselt wie auch direkt (\u201e<em>Major Tom is a junkie<\/em>\u201c} in den Mittelpunkt r\u00fcckt. Selbst Lou Reeds \u201e<em>Heroin be the death of me<\/em>\u201c erreicht nicht die St\u00e4rke und Intensit\u00e4t dieses Liedes.<\/p>\n<p>Inhaltlich ist der Song reichlich gebrochen-konfus und er spiegelt wie das Heroes-Lied auch biografisch Bowies Drogen-und Liebesleben von 1976-79 in Berlin. Da gibt es eine Stimme aus dem Weltall, die Bodenstation kommentiert, eine besorgte Mutter spricht, treuherzig bekennt der Protagonist: \u201e<em>Ich habe nie Gutes getan, nie Schlechtes, und ich handelte auch niemals un\u00fcberlegt<\/em> \u201c &#8211; er hat funktioniert wie wir alle auch. Eingesperrt in ein labyrinthisches und sich selbst steuerndes Gef\u00fcge im Stile Kafkas oder Herbert Marcuses lebt man unauff\u00e4llig und reibungslos schlie\u00dflich in einem immer w\u00e4hrenden Tief, woraus\u00a0Drogen einen am wenigsten befreien k\u00f6nnen. Auch die Musik wendet sich resignierend mit ihren drei T\u00f6nen dem Boden zu (\u201e<em>all-time low<\/em>\u201c).<\/p>\n<p>Dann dieser LiedTitel! &#8211; Wer von uns Kirchg\u00e4ngern kennt nicht das lateinische &#8220;<em>homo quia pulveris es et in pulverem reverteris&#8221;<\/em> &#8211; Mensch, Staub bist du und zum Staub wirst die wieder zur\u00fcckkehren. Dann ist \u201eAsche\u201c doch noch eine viel h\u00e4rtere und fast schon brutale Formulierung, die vielleicht an ein brennendes Heroin-Inferno erinnern will, das diese Krankheit schlie\u00dflich zum t\u00f6dlichen Ende hat kommen lassen bei manchen S\u00fcchtigen, auch in der Popmusik.<\/p>\n<p>In der Erinnerung geblieben ist mir immer wieder auch der Synthesizer-Beginn mit den wenigen piepsenden Synthesizer-T\u00f6nen, die an japanische Musik erinnern, gefolgt von Bowies d\u00fcnnem und fast weinerlichem Falsett.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Heroes (1977)<\/h3>\n<p>Was war die Berliner Mauer doch f\u00fcr eine von uns Deutschen errichtete Schande! Mit jedem Abschied aus Berlin begleitete mich ein Hass auf eine solche Art von Politik und auf ein solches System, das seine B\u00fcrger derart \u201esch\u00fctzen\u201c musste! Ich erinnere mich an die Zust\u00e4nde im Bahnhof Zoo, der einzigen Bahnstation zum Aus- und Einstieg in West-Berlin. Da dieser Bahnhof als notwendiger Solit\u00e4r im Westen unter ostdeutscher Verwaltung stand, doch unerreichbar f\u00fcr Ostdeutsche, k\u00fcmmerte sich niemand um seinen Zustand. Er verrottete und zerfiel zusehends und spektakul\u00e4r. Obdachlose, Heroin-Junkies, provokativ sich dauerk\u00fcssende Stricher und Andersartige &#8211; ein solcher Brennpunkt war weltweit wohl nicht oder nur noch im Film zu finden. Dann die riesige Mauer, die heute \u00a0als Museumsbau gar nicht mehr in ihrer gewaltt\u00e4tigen Macht wieder erkennbar ist, Selbstschuss-Anlagen, Stacheldraht, Maschinengewehre und VoPos (Volkspolizisten) hinter der allgegenw\u00e4rtigen Grenze &#8211; Berlin war trotz allem oder gerade auch deswegen ein Spektakel und Faszinosum f\u00fcr etliche K\u00fcnstler der Welt und vor allem der Popkultur.<\/p>\n<p>In seinem Lied stilisiert Bowie zwar die in einer solchen Stadt Lebenden zu \u201eHelden\u201c, wenn auch nur f\u00fcr einen Tag, \u201eSch\u00fcsse peitschen die Luft\u201c und begleiten die K\u00fcsse der beiden Liebenden vor einem makabren Mauer-Hintergrund. Aber ge\u00e4ndert hat sich lange Zeit nichts. Die Schande (\u201eshame\u201c) auf der anderen Seite dauerte an und blieb bis 1989 und auch noch dar\u00fcber hinaus. Berlin, das war viele Jahre lang ein ambivalentes Delirium von Lust, Gefangenschaft und Leid.<\/p>\n<p>Die Tanzmusik im Lied versucht diese gebrochen dahin treibende und bunt schimmernde Welt zu konterkarieren, vergessen zu machen. Vergeblich &#8211; die Gewalt der Gewehre, der totale \u00dcberwachungsstaat und eine schlechte Politik k\u00f6nnen von einer klagenden und gegen Ende verzweifelt schreienden Stimme mit noch so vielen \u201eHelden\u201c voll Liebe und Sehnsucht eben nicht aus der Welt geschafft werden. Das Lied, in einer anderen Aufnahme sogar von Bowie teilweise in Deutsch gesungen, bleibt in seiner Intensit\u00e4t jedoch ein trauriges Dokument f\u00fcr einen politischen Weg, wenn nicht sogar Wahnsinn, wie er sich permanent immer noch wiederholt und das bis in die unmittelbare Gegenwart hinein.<\/p>\n<p>Welche K\u00fcnstler der zeitgen\u00f6ssischen akademischen Klassik und Kunstmusik haben sich je mit dieser Berliner Zeit und Republik, die vielleicht sogar noch schlimmer als die 30er Jahre war, auseinander gesetzt? &#8211; Ich kenne niemanden. Nur noch die deutsche Gruppe <strong>Alphaville<\/strong> hat dieser damals so dekadent glitzernden Stadt mit ihrer LP \u201e<span style=\"text-decoration: underline;\">Forever Young<\/span>\u201c (1984) einen weiteren eindringlichen Erinnerungsstein gesetzt. Bowie hat sich mit den drei vorgestellten Liedern, eine richtige Zeit-Trilogie, vielleicht unsterblich in der Popmusik-Geschichte gemacht. Selbst wenn sein K\u00f6nnen und seine Innovationskraft nicht so stark gewesen sein m\u00f6gen. Als ein Zeugnis der Zeit werden diese Lieder jedoch unvergesslich bleiben. Unvergesslich wie die autorit\u00e4re Gewaltherrschaft in und um Berlin.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=244%20%C3%9Cber%20Popmusik%2010%20%E2%80%93%20David%20Bowie&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Bowie geh\u00f6rte nie so recht zu meinen Favoriten in der Pop-Kultur. 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