{"id":6718,"date":"2017-01-17T15:16:16","date_gmt":"2017-01-17T15:16:16","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6718"},"modified":"2020-08-03T17:59:46","modified_gmt":"2020-08-03T17:59:46","slug":"252-patroklie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=6718&lang=de","title":{"rendered":"252 Patroklie"},"content":{"rendered":"<p><b>Fassung Tanztheater<\/b><\/p>\n<p><i>Der nach folgende Auftritt von <u>Patroklos<\/u> steht in der Mitte als 4.Bild meines neunteiligen neuen Tanztheaters. Patroklos erz\u00e4hlt darin live als Schauspieler (oder auch nur eingeblendet als Stimme) zusammen mit einer Klavier-Hintergrundsmusik und evt. solistischem Tanz seine Lebens- und Sterbegeschichte.<\/i><\/p>\n<p>Ja, ich bin <b>Patroklos<\/b>, der Freund und Kampfgef\u00e4hrte von Achill. Schon als Junge bin ich mit ihm zusammen aufgewachsen. Ungl\u00fccklicherweise ist ein NachbarsKind in meiner Heimat durch mich zu Tode gekommen und ich musste au\u00dfer Landes fliehen. Mein Vater brachte mich zu <b>Peleus<\/b>, dem Vater von <b>Achill<\/b>, und dieser nahm mich freundlich an Kindesstatt auf in seinem Palast. Die Mutter im Haus war <b>Thetis<\/b>, eine der Meeresg\u00f6ttinnen, die alle dem gro\u00dfen Alten, <b>Poseidon<\/b>, unterstellt waren. Sie wusste, dass das Lebensband, welches die Schicksalsg\u00f6ttinnen f\u00fcr Achill und mich gespannt hatten, nur sehr kurz war.<br \/>\nThetis wusste es, und auch Achill. Sie hat ihren Sohn vor dem Verderben zu sch\u00fctzen gesucht mit allen Mitteln. Sogar den G\u00f6tterVater <b>Zeus<\/b> hat sie angefleht, ihr zu helfen und den Sohn vor dem Untergang zu bewahren. Aber der Krieg um <b>Troja<\/b> musste unerbittlich weiter gehen und alles musste sich so abspielen, wie das Schicksal es vorgesehen hatte. Selbst Zeus hatte sich daran zu halten und sich zu f\u00fcgen.<\/p>\n<p>Achill war gleichaltrig wie ich und noch jung, als ich ihn kennen lernte. Seine Mutter hatte ihn in M\u00e4dchenkleider gesteckt, damit man ihn nicht zum Kriegsdienst nach Troja einsetzen konnte. Aber vergeblich. Der schlaue <b>Odysseus<\/b> hat die Maskerade durchschaut und aus war der Traum von einem friedlichen Leben, das es in dieser Zeit nie lange, auch danach eigentlich niemals gegeben hatte. Kriege an den Grenzen gab es eigentlich immer. Selbst noch vor kurzem, ich nenne nur den Krimkrieg und die Russen.<br \/>\nAuch ich musste mit ins Boot nach Troja steigen. Nat\u00fcrlich wollte ich meinen Freund nicht alleine lassen. Er war der sch\u00f6nste, st\u00e4rkste, der tapferste Held weit und breit. Stolz, durchsetzungsstark, hartn\u00e4ckig. Er spielte Gitarre und sang sehr sch\u00f6n dazu. Das berichtet sogar der Geschichtenschreiber <b>Homer<\/b>, der unser ganzes Leben aufgeschrieben hat.<\/p>\n<p>Es ist richtig, dass Achill mein Liebhaber, ich sein Geliebter war. Wie es die Zeit so wollte. In einer M\u00e4nnergesellschaft war die M\u00e4nnerLiebe fast eine allt\u00e4gliche Pflicht. In Sparta, Kreta und Theben war sie gerne gesehen, fast vorgeschrieben, weil eine solche Freundschaft die Tapferkeit in der Schlacht nur noch st\u00e4rker machen konnte. Davon war man \u00fcberzeugt. Nicht zuletzt war meine Freundschaft mit Achill ein gutes Beispiel daf\u00fcr.<br \/>\nWir haben uns jedenfalls geliebt bis in den Tod. Thetis hat bittere Tr\u00e4nen vergossen, als wir mit dem Schiff nach Troja weg\u00a0segelten und nie mehr wieder zur\u00fcck kamen. Sie wusste, dass ihr Sohn nicht mehr in die Heimat zur\u00fcckkehren werde und dass ich sogar noch vor Achill sterben w\u00fcrde. Unsere Asche hat man in eine gemeinsame Urne gelegt und dann begraben, so dass wir auch im Tode vereint bleiben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der Streit von Achill mit dem Oberbefehlshaber der Armee, <b>Agamemnon<\/b>, war vollkommen \u00fcberfl\u00fcssig. Achill hatte im Zelt immer seine <b>Briseis<\/b> als Kriegsbeute und Geliebte dabei. Deren Vater und ihre drei Br\u00fcder hat er in einer kriegerischen Schlacht get\u00f6tet. Dennoch hat sie ihren neuen Mann geliebt, war ihm treu. Auch mich hat sie gemocht, hatte nichts gegen unsere Beziehung zu dritt.<br \/>\nAgamemnon hatte ein Auge auf sie geworfen und nahm sie Achill einfach weg. Er war der Chef. Aus Rache weigerte sich daraufhin Achill lange, f\u00fcr die Griechen bei der Belagerung Trojas weiter zu k\u00e4mpfen. Schlecht stand es ohne ihn um unsere Sache.<br \/>\nAchill erlaubte mir schlie\u00dflich, seinen Schutz-Panzer, den sein Vater pers\u00f6nlich von Zeus erhalten hatte, zu tragen und damit in die Schlacht gegen <b>Hektor<\/b> zu ziehen. Siegreich f\u00fcr die Griechen, aber t\u00f6dlich f\u00fcr mich.- Und wie Achill um seinen geliebten Patroklos getrauert hat! Mir kommen jetzt noch die Tr\u00e4nen, wie er mit der Hand meinen toten K\u00f6rper gedr\u00fcckt h\u00e4lt, mir K\u00fcsse auf die kalten Lippen gibt, mich umarmt und weint und klagt und weint. Er konnte mich einfach nicht gehen lassen.<\/p>\n<p>Und welche Wut hat ihn dann gepackt! Er entschlie\u00dft sich, wieder in den Kampf gegen die Trojaner zu ziehen. Vers\u00f6hnt sich sogar mit dem Oberbefehlshaber. Voller Wut beginnt er ein Gemetzel unter den Trojanern und f\u00fchrt die Griechen zu einem gro\u00dfen Triumph. Verliert letztendlich in diesem Krieg aber doch auch sein Leben. Die G\u00f6tter stehen diesmal nicht auf seiner Seite. Apollon lenkt \u00a0den t\u00f6dlichen Speer durch die Hand von <b>Paris<\/b> genau an seine schwache Stelle, wo er verwundbar ist, in die Ferse, und kann so seine sch\u00fctzende Styx-Haut durchdringen.<br \/>\nDie Griechen haben diesen Krieg um Troja zwar gewonnen, aber wir beide, wir konnten nicht mehr zur\u00fcck &#8220;in die liebe Heimat&#8221;, wie Homer immer so sch\u00f6n formuliert hat.<\/p>\n<p>Es stimmt, was ein Dichter in viel sp\u00e4terer Zeit einmal geschrieben hat: Wir waren beide jung und unterwegs, uns zu suchen und zu finden. Im doppelten Sinn des Wortes: Uns selbst haben wir gefunden. Wof\u00fcr wir lieben, k\u00e4mpfen und sterben sollen, auch.<br \/>\nHeute sagt man, jetzt, wo die Lehre der Christen so siegreich geworden ist, wir lebten f\u00fcr ein Du. Damit meint man das Soziale, den Mitmenschen. Es schlie\u00dft Helfen und Sch\u00fctzen ein und es ist eine ganz pazifistische Lebenseinstellung. Ganz anders als zu meiner Zeit, ganz, ganz anders! Irgendwie kann das \u00a0nicht gut gehen, meine ich.<\/p>\n<p>Reden wir noch von meiner Begr\u00e4bnisfeier. Drei Tage lang schleifte Achill den toten K\u00f6rper von Hektor, den er aus Rache wegen mir umgebracht hatte, vor den Augen seiner Eltern mit dem Pferdegespann um die Mauern von Troja herum. Zehn junge Kriegsgefangene, alle aus den besten Familien Trojas, l\u00e4sst er schlachten, so hat man das damals genannt, und mir zuliebe opfern. Was f\u00fcr eine Rache, was f\u00fcr eine Wut! &#8211; Alle waren au\u00dfer sich vor Schmerz, Freund wie Feind. Vorweggenommen hat die Meeresmutter bereits mit ihrer Klage, die ihr eben schon geh\u00f6rt habt, auch den Tod ihres Sohnes Achill. Er ist mir in nicht allzu langer Zeit in diesem schrecklichen und so \u00fcberfl\u00fcssigen Kampf nachgefolgt.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es uns als vorbildliches Freundespaar und ehernes Denkmal in den Museen dieser Welt zu bewundern. Auf einer Vase im Staatlichen Museum zu <b>Berlin<\/b> sieht man Achill, wie er meine Wunde am Arm verbindet, seine Augen aber, na ja, nicht von meinem Gem\u00e4cht lassen kann. Auch wie <b>Menelaos<\/b> meine Leiche aus der Schlacht rettet, damit ich w\u00fcrdig begraben werden kann und nicht dem Fra\u00df der Hunde ausgeliefert bin. Auch das marmorne Standbild in der Loggia dei Lanzi in <b>Florenz<\/b>\u00a0gef\u00e4llt mir.<br \/>\nSich dem Unheil von Welt und Zukunft zu stellen, ihm zu trotzen, es zu bek\u00e4mpfen, nicht zu fliehen &#8211; sch\u00f6ne Worte hat der Dichter dieses Theaterst\u00fccks heute Abend daf\u00fcr gefunden. Aber irgendwann einmal ist alles vorbei.<br \/>\nWohl dem, der dann seine Asche mit jemand anderem mischen und eine gemeinsame Urne teilen kann.<\/p>\n<hr \/>\n<p><i>Wenn man das Tanztheater eher politisch mit Fl\u00fcchtlingen und Migranten in Szene setzen will, dann sollte man den Titel &#8220;Abfahrende Schiffe&#8221; w\u00e4hlen. Wer die allwissende und m\u00e4chtig-ohnm\u00e4chtige Meeresg\u00f6ttin Thetis in den Fokus stellt, nennt das St\u00fcck &#8220;Thetis&#8221; oder auch &#8220;Thetis-Projekt&#8221;. Wer die antike Liebesgeschichte zwischen Achill, Briseis und Patroklos darstellen will, spricht von &#8220;Patroklie&#8221; &#8211; \u00a0es ist die Lebens-und Sterbegeschichte des Patroklos, des Liebes-und Kampfgef\u00e4hrten von Achill.<\/i><\/p>\n<hr \/>\n<p>Vorlage: Homer, Ilias (16.-19. und 22.-23. Gesang) Kommentierte und neu \u00fcbersetzte Ausgabe von Marion Giebel (Reclam 18299)<\/p>\n<p>Hinweis: Es gibt auch noch eine ungek\u00fcrzte und literarisch weiter ausgef\u00fchrte Fassung dieses Textes, ebenfalls als Monolog.<\/p>\n<p>Entstanden in Ostende\/Belgien, 18.11.2016<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=252%20Patroklie&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fassung Tanztheater Der nach folgende Auftritt von Patroklos steht in der Mitte als 4.Bild meines neunteiligen neuen Tanztheaters. 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