{"id":7015,"date":"2017-01-21T18:02:02","date_gmt":"2017-01-21T18:02:02","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=7015"},"modified":"2017-01-29T07:07:27","modified_gmt":"2017-01-29T07:07:27","slug":"253-ueber-venedig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=7015&lang=de","title":{"rendered":"253 \u00dcber Venedig"},"content":{"rendered":"<p><b>Brief an Lucilius Nr. 11<\/b><\/p>\n<p>Nie wieder Venedig! &#8211; Einverstanden.<br \/>\nSchrecklich voll! &#8211; Genau.<br \/>\nHei\u00df, stickig, \u00fcberteuert. Das Wasser stinkt im Sommer. &#8211;<br \/>\nAlles richtig. Und dennoch auch wieder manchmal falsch.<\/p>\n<p>Seit meiner Studentenzeit besuche ich diese Stadt nur zu einer einzigen Jahreszeit, an die ich mich immer gehalten habe. Dieser Zeitpunkt ist ideal. Es sind die wenigen Tage nach Neujahr, am besten sogar nach Dreik\u00f6nig (6.Januar), und bis ein zwei Wochen vor Karneval. Jetzt geh\u00f6rt die Stadt dir. Die Weihnachts-Touristen sind abgereist, die Ferien gehen \u00fcberall zu Ende. Entspannt lehnt sich die Serenissima zur\u00fcck f\u00fcr eine Verschnaufpause. Die Menschen sind freundlich, genie\u00dfen die Leere, die Stille. Und wie immer und anders als im tr\u00fcben November entdecken sie selbst wieder und f\u00fcr sich das Licht, das Wasser, die Kan\u00e4le, die \u00fcberzeitliche Sch\u00f6nheit dieser Stadt. Selbst der Flugzeug-Steward hat angefangen zu singen beim \u00d6ffnen der Bord-Luke nach der Landung des Flugzeugs auf dem Flughafen. Tats\u00e4chlich! &#8211; Nat\u00fcrlich bin ich in einem Museum angekommen, einem k\u00fcnstlichen Traum, der fast an die Disney-Parks dieser Welt heran reicht. Europa wird das Disneyland der Zukunft, hat mal ein Chinese aus Peking schon vor zehn Jahren zu mir gesagt.<\/p>\n<p>Und trotzdem liegt ein Zauber der Nostalgie auch \u00fcber dieser Stadt, ein Zauber der <u>Erinnerungen an die Zukunft<\/u> und damit auch an das vielleicht, was wir in unserem t\u00e4glichen, durch rationalisierten und modernistischen Leben verloren haben. Es sind die vielen kleinen Handwerksbetriebe und L\u00e4den, die anderswo von den gro\u00dfen Ketten und Superm\u00e4rkten bereits verschlungen worden sind. Es sind die immer noch zahlreichen Caf\u00e9s und Restaurants, bei denen zum Genuss auch das Zeremonielle, Rituelle, das selbst Hergestellte mit dazu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Vor allem aber ist es f\u00fcr mich das Ph\u00e4nomen der <u>Entschleunigung<\/u>, das entschleunigte Fortbewegen mit dem Schiff (Vaporetto) oder meist auch per pedes. Die Paradoxie der Postmoderne: Wir bew\u00e4ltigen mit dem Flieger f\u00fcr weniger als 40\u20ac eine Strecke von fast 800 Kilometern in knapp einer Stunde. Und in Venedig angekommen braucht es fast die gleiche Zeit, um von der Piazzale Roma, dem Ankunftsort des Flughafen-Busses, mit dem Schiff ins Zentrum nach San Marco, wenige Kilometer nur, zu gelangen. Hoch \u00fcber den schneebedeckten Alpen und jetzt auf dem Kanal an majest\u00e4tischen Pal\u00e4sten der Vergangenheit vorbei mit so klingenden Namen wie Palazzo Vendramin, Palazzo Grassi, Pesaro&#8230;<\/p>\n<p>F\u00fcr Wissende und Geistesarbeiter wie mich sind das geballte Erinnerungen und Aha-Erlebnisse. Ich nenne nur so geschichtstr\u00e4chtige und wie Batterien aufgeladene Begriffe: Konstantinopel, Marco Polo, Tintoretto, San Marco, Gabrieli&#8230; Immer noch Meilensteine, aus denen sich unser, das ist <u>abendl\u00e4ndisches<\/u> <u>Denke<\/u><u>n<\/u> bildet und zusammen setzt. Selbst wenn ich am Roteb\u00fchlplatz einen Hamburger verschlinge, Nachrichten auf den Bildschirmen verfolge oder Rockmusik mit tanzenden Pseudo-Stars, die mir etwas vom Sinn des Lebens vorgaukeln, aushalten muss. Nirgendwo sonst sp\u00fcre ich das (vergangene) Abendland so deutlich wie hier.\u00a0Selbst wenn ich fast nie Kirchen oder Museen in Venedig besuche. Wirklich! &#8211;<\/p>\n<p>Was machst du dann in dieser Stadt, fragt mich ebenso wie du, Lucilius, immer wieder auch <u>Marina Chistiakowa<\/u>, eine geb\u00fcrtige Moskauerin. Was habt ihr unternommen, \u00a0besichtigt. Sie hat in Venedig studiert, \u00fcber die Musik <u>Luigi Nonos<\/u> geforscht, der hier auf einer eigenen Insel in der Lagune gelebt und gearbeitet hat und die wohl einen festen Plan, eine &#8220;Struktur&#8221; braucht, um nicht von Leere und Langeweile in die Zange genommen zu werden.<\/p>\n<p>Es reicht, in den kleinen Schiffen zu sitzen, antworte ich, hierhin dahin dorthin zu fahren, am Wasser entlang zu spazieren, dann einen Caf\u00e9 trinken irgendwo au\u00dferhalb; es schneit. Die Venezianer, sie scheinen sehr lebendig, lebensfroh, beweglich, hasten bei kaltem Wetter (f\u00fcr mich ist es noch gar nicht mal so kalt) in ihren dicken M\u00e4nteln an einem vorbei. Oder ich balanciere auf den Stegen herum bei Hochwasser, um nicht nach unten zu fallen. Und schaukele dann doch wieder in einem der vielen Boote gem\u00e4chlich irgendwo hin. Zur Bus-F\u00e4hre und zum gro\u00dfen Damm vielleicht bei Santa Maria del Mar. Oder zum Kloster der Armenier samt seinen faszinierenden Geschichten und Erz\u00e4hlungen.<\/p>\n<p>Venedig ist inspirierend, selbst als Antithese. Ich habe schon sehr viel hier geschrieben und produziert, nicht vergleichbar mit Ostende, das mir zu einer anderen Jahreszeit und in einer anderen Tonart ebenfalls sehr gut gef\u00e4llt. Es hat auch gar nichts zu tun mit Morbidezza\u00a0oder Melancholie und Schwermut \u00e0 la Thomas Mann (<i>Tod in Venedig<\/i>). Im Gegenteil. Die Stadt ist Italien, und Italien ist der S\u00fcden, das Lichte, Helle; es sind Lebensgenuss, Freude, Sinnlichkeit und die unvergleichliche Musik seiner Sprache. Ich \u00fcbertreibe, gewiss. Die Italiener selbst werden das Gegenteil behaupten wollen und erst recht all die Gestrandeten und Migranten auf ihren abfahrenden Schiffen von Outre-Mer. Mit gutem Grund. Die Finsternisse der Zukunft stehen bereit, ein bekanntes Reich. Aber f\u00fcr uns transalpine Germanen und Coca-kolonialisierte Barbaren ist und war das cisalpine Italien meist immer das schlichtweg Andere.<\/p>\n<p>Wie umgekehrt auch Germania f\u00fcr meine Verwandten in Livorno (Toscana), mit denen ich aufgewachsen bin und\u00a0woher ich das Land so genau kenne. Auch seine Schattenseiten. \u00dcber die ich aber jetzt, unter diesem sonnenklar kalten Winter-Himmel bei San Samuele und dem Theater La Fenice mit seinen freundlich l\u00e4chelnden und manchmal vor sich hin singenden Menschen, mit all diesen Farben und Formen und Versprechungen einer vergangenen und vielleicht doch auch wieder zuk\u00fcnftigen Welt, keine weiteren Worte mehr verlieren oder verschwenden werde.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Unter &#8220;Mitteilungen&#8221; werden einige konkrete Tipps f\u00fcr eine Venedig-Reise folgen.<br \/>\n<u> Buchempfehlung<\/u>: Wilhelm Hausenstein, <i>Hauptst\u00e4dte Europas<\/i>. Eine literarische und f\u00fcr Touristen eher ungeeignete Beschreibung der europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dte (1932). Immer noch g\u00fcltig. Sein \u00a0Stil hat mich zu diesem Text inspiriert.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=253%20%C3%9Cber%20Venedig&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brief an Lucilius Nr. 11 Nie wieder Venedig! &#8211; Einverstanden. 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