{"id":8147,"date":"2018-05-02T06:49:43","date_gmt":"2018-05-02T06:49:43","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8147"},"modified":"2020-11-12T17:34:04","modified_gmt":"2020-11-12T17:34:04","slug":"286-wieder-gelesen-zum-stand-der-dinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8147&lang=de","title":{"rendered":"286 Wieder gelesen: Zum Stand der Dinge"},"content":{"rendered":"<hr \/>\n<h3>Zwischenbilanz<\/h3>\n<p>Bald wird mein 300. Blogbeitrag fertig sein! Statt mich wie gewohnt mit B\u00fcchern oder Zeitungsartikeln zu befassen hatte mich <b>Alexey Chibakov <\/b>\u00fcberredet, einmal das Blog-Schreiben zu starten. Nach meinen TwitLonger-Beitr\u00e4gen hatte er das Gef\u00fchl, dass ich mehr schreiben wollte und m\u00fcsste und er hat mir diese f\u00fcr mich ganz neue Kommunikationsform eingerichtet. Danke Alexey! Ich war neugierig und beeindruckt von dieser Form und Technik der Kommunikation, dieser neuen Art von Artikel-Schreiben.<\/p>\n<p>Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Ich bin auch \u00fcberrascht, mit welcher Energie, mit welchem Elan und mit welcher Leichtigkeit ich diese Texte zu Stande gebracht habe und dass mir immer wieder neue Ideen eingefallen sind. Nicht zuletzt gehen sie meist auf Anregungen, Bemerkungen oder kritische Einw\u00e4nde von Menschen in meiner n\u00e4chsten Umgebung zur\u00fcck.<br \/>\nIch spiele zwar gelegentlich auch pseudo-biografisch mit einem fingierten Du (etwa in den <b>Seneca<\/b> nachempfundenen <u>Lucilius-Briefen<\/u>), das man in meiner n\u00e4heren Umgebung nicht finden wird. Doch die Anregungen und Ideen stammen alle aus meiner Lebenswirklichkeit. Auch wenn ich es durchaus nicht immer bin, der beschrieben wird oder sich \u00e4u\u00dfert. Wenn ich den diskursiven Rahmen verlasse, wenn Kunst oder literarische Fiktion ins Spiel kommen, bin ich manchmal ein Anderer. Also aufpassen mit eurem Urteil \u00fcber mich und meine Befindlichkeiten!<\/p>\n<p>\u00dcberraschenderweise ist einer meiner ersten Aufs\u00e4tze \u00fcberhaupt: &#8220;Vorhut, Vorhaut, Vor-was?&#8221; (im Blog die Nr.9), wieder angeklickt worden. Ich lese ihn mit Interesse noch einmal durch und stelle fest, dass sich gewisse Grunds\u00e4tze meines Denkens, Maximen meiner Lebensform und philosophische \u00dcberzeugungen als konstant erwiesen haben bis in die Gegenwart hinein.<\/p>\n<p>Abgesehen von dem manchmal fast \u00fcberm\u00fctigen Schwung des Beginns, den man in den fr\u00fchen Aufs\u00e4tzen leicht finden wird, haben sich folgende Punkte als konstant erwiesen:<br \/>\n<b><\/b><\/p>\n<p><b>1<\/b> Sprachphilosophische, auch auf <b>Wittgenstein<\/b> zur\u016bck gehende <u>sprachskeptische<\/u> Gedanken, die sich bis in die Kommunikationstheorie hinein auswirken. Das bezieht sich auf die vielen neuen Smartphone-Komplikationen, die mich an der Kommunikabilit\u00e4t mancher Zeitgenossen zweifeln lassen. Der Neurologe <b>Joachim Bauer<\/b> aus Freiburg spricht mittlerweile sogar schon von einer dadurch hervorgerufenen neuen\u00a0<u>Seuche<\/u>, d. h. von einer sehr verbreiteten und tief gehenden Krankheit, die er auch als klinischer Psychologe immer wieder diagnostizieren muss.<\/p>\n<p>Es geht um das Verstehen und um die Verst\u00e4ndigung. Es geht um reduziertes (verk\u00fcrztes, verk\u00fcmmertes) Denken, Schreiben, Sprechen auch mithilfe der neuen Kommunikationsger\u00e4te und ihrer Reiz\u00fcberflutung. Verk\u00fcmmert die Sprache, dann verk\u00fcmmert das Denken; es verk\u00fcmmert der Mensch (ich wiederhole mich; es ist jedoch mein Lieblingssatz).<br \/>\nEs geht um die <u>Sprachlosigkeit<\/u> und um die existentielle <u>Fremdheit<\/u> der Menschen untereinander, die sich nicht mehr begegnen k\u00f6nnen, geschweige denn zu einer Beziehung, zu einer verantwortungsbereiten Liebe jenseits des Begehrens f\u00e4hig sind. Die schlie\u00dflich sogar <u>tot<\/u> in ihren Apartments liegen und niemand nimmt sie wahr.<\/p>\n<p>Und dies alles trotz der heftigen kommunikationstherapeutischen Wellen in den Siebziger Jahren, die mit ihrer Gef\u00fchlsintensit\u00e4t doch das Gegenteil anstrebten und sogar erreichen konnten.<\/p>\n<p>Es werden dabei in meinem Aufsatz direkt angesprochen junge Freunde einer anderen Generation, die ich bis heute oft noch kenne und kontaktiere, und es geht auch um meine Kommunikations-Probleme mit diesen jungen Leuten, die ich voller Neid und auch Sorge so unbeschwert dahin leben sehe.<\/p>\n<p><b>2<\/b> Nahe liegend ist nat\u00fcrlich dann f\u00fcr dieser Zielgruppe die <b>Sinn-Frage<\/b>: Wie heutzutage leben? Wie eine und vor allem welche Lebensspur spuren? Finden? Welcher folgen? Als n\u00e4chster Schritt, ebenfalls sehr nahe liegend, dann die Frage nach einer Begegnung, Beziehung, nach <b>Liebe<\/b>. Was ist Liebe? Welche Form, welche Aufgabe haben in einer Beziehung, in einer Partnerschaft Liebe und Lust?<br \/>\nDiese Thematik, anf\u00e4nglich noch von mir als Buchver\u00f6ffentlichung im <u>Konkursbuch-Verlag<\/u> gedacht, habe ich dann im Blog immer wieder aufgegriffen, insbesondere die Kommunikationsf\u00e4higkeit, die Liebes- (Un)F\u00e4higkeit der M\u00e4nner auch untereinander thematisiert in Abgrenzung zum sexuellen Begehren, zu geistiger Liebe, Verliebung und Lust.<br \/>\nDiese Fragestellung scheint mir mittlerweile in meinen Untersuchungen und Forschungen an einem Ende angelangt zu sein mit folgendem Ergebnis :<\/p>\n<p>Ich bin zu der \u00dcberzeugung gelangt (und ich schlie\u00dfe mich damit auch immer mehr der Ethik der Stoa an), dass man ein Leben nicht ausschlie\u00dflich nur auf Lust, Vergn\u00fcgen, Spa\u00df und Ablenkung gr\u00fcnden kann.<br \/>\nIm Gegenteil: Dass das <u>Soziale<\/u>, die Menschen um einen herum, das Nest mit seiner voll umf\u00e4nglichen Verantwortung allem und allen gegen\u00fcber(Junge, Alte, Kranke, Gesunde etc.) bedeutend wichtiger und nachhaltiger wird f\u00fcr den Lebensweg als nur kurze und fl\u00fcchtige Vergn\u00fcgungen; zum Beispiel der Austausch von K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten, wie ich gelegentlich den Geschlechtsverkehr ironisch benannt habe. Selbst <u>Wilhelm<\/u> <u>Reich<\/u>, der Ur-Vater einer Lust-und Orgasmus-Therapie, nennt den Orgasmus &#8220;Liebende Umarmung&#8221;. Sex ist auch bei ihm, allen Missverst\u00e4ndnissen zum Trotz, mehr als nur eine ONS-Begegnung, eine Kopulation kopulierender K\u00f6rper.<\/p>\n<p><b>3<\/b> Geblieben ist in meinen Texten dennoch das <b>Spiel<\/b> mit sexuellen Reizworten, um die Leute bei Laune oder bei der Stange zu halten (Entschuldigung). Dazu geh\u00f6rt auch eine gute Portion Humor und Ironie, auch Persiflage, wie ich sie nicht zuletzt in der Berliner &#8220;Tageszeitung&#8221; angewandt habe. Immerhin war damals deren Leitspruch parallel zur franz\u00f6sischen &#8220;Liberation&#8221;: Wenigstens einmal beim Lesen einer Zeitung sollte der Leser lachen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>4<\/b> <b>Antikes Denken<\/b>: Das intensive Suchen in der Vergangenheit nach Antworten auf Probleme und Fragen, die in der Gegenwart neu und immer wieder gestellt werden und die auch in der Vergangenheit schon gestellt worden sind. Ich nenne dies das <u>anamnetische<\/u> Vorgehen, und allen denjenigen, die meine R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit kritisieren und fragen, warum ich mich mit schon 2000 Jahre alten Problemen herumschlage, sei geantwortet (hallo AH!): Selbst wir suchen in der Vergangenheit unseres K\u00f6rpers, der Erziehung, der Lebensgeschichte nach Ursachen f\u00fcr unser jetziges Verhalten und finden dieses oft in unserer fr\u00fchkindlichen Vergangenheit versteckt .Das Gleiche gilt auch f\u00fcr den sozialen K\u00f6rper, einen Staat, eine Gesellschaft, der sich im Laufe einer Entwicklung bildet, aufbaut, st\u00fctzt auf Erfahrungen der Vergangenheit, der Kindheit, auf Erlebnisse, Kriege, Schocks und Wunder, Weisheiten der Propheten, der G\u00f6tter, auf B\u00fccher, Denker oder K\u00fcnstler.<\/p>\n<p><b>5<\/b> <b>Stil<\/b>: Schon in diesem fr\u00fchen Blogbeitrag Nr.9 spiele ich wie auch in meinen B\u00fcchern, ganz zu schweigen von meiner Musik gerne mit <b>heterogenen<\/b> <b>Elementen<\/b>, mit Br\u00fcchen, Kreuz-und-quer-Denken (es gibt auch das Kreuz-und-quer-Leben!), mit inhaltlicher Zerrissenheit, \u00e4sthetischen Einsch\u00fcben, Metaphern, Paradoxien oder abrupten Br\u00fcchen. Mit Monster- und Schachtels\u00e4tzen, deren Komprimiertheit und Komplexit\u00e4t das <u>stockende Lesen<\/u> und gerade nicht das leichte (\u00dcber-)Lesen provozieren will. Selbst auf die Gefahr hin von Einsamkeit und &#8220;Unverst\u00e4ndlichkeit&#8221;. Die Bildhaftigkeit meiner Sprache ist ebenfalls manchen Leuten ein Problem, sie verstehen die Sprache der W\u00fcste nicht, selbst wenn sie sich darin befinden&#8230;<\/p>\n<p><b>6 Freudo-Marxismus<\/b>. Man wird immer wieder feststellen k\u00f6nnen, dass ich mich als argumentative &#8220;Letzt-Begr\u00fcndung&#8221; (auch das gibt es) doch sehr oft auf <b>Sigmund Freud<\/b> berufe. Selbst wenn auch Freuds Theorie nur eine &#8220;Theorie&#8221; im Sinne von <b>Lyotards<\/b> &#8220;Erz\u00e4hlungen&#8221; darstellt, so ist sie doch als Impulsgeber, wie man ein Leben leben sollte, n\u00fctzlich und sie hat sich auch im therapeutischen Sinne bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Die Frage taucht auf: warum gerade Freud? Ob ich Erfahrungen mit der Freudschen Psychoanalyse gemacht habe? \u2013<br \/>\nNein. Aber ich erinnere mich an drei Weg weisende Seminare und Vorlesungen zu Beginn meines Philosophie-Studiums bei <b>Karl Otto Apel,<\/b> einem Weggef\u00e4hrten und Mitstreiter der neuen Frankfurter Schule (<strong>Habermas<\/strong>): (1) &#8220;<i>Ethik in der modernen Industriegesellschaft<\/i>&#8220;, eine Vorlesung im voll besetzten Auditorium Maximum, beeindruckte mich, weil Studierende aus allen Wissenschaften anzutreffen waren. Dann das Seminar &#8220;<i>Verstehen und Erkl\u00e4ren&#8221;<\/i>\u00a0(2) \u2013 die Naturwissenschaften erkl\u00e4ren, die Geisteswissenschaftler verstehen (hermeneutisch). Schlie\u00dflich (3) das Seminar &#8220;<i><u>Wahrheit in der Psychoanalyse<\/u><\/i>&#8221; \u2013 die Methodenvielfalt und wissenschaftstheoretische Offenheit Freuds hatte mich ebenfalls gepackt.<\/p>\n<p>Freud war ein Naturwissenschaftler, der mathematisch genau und fast schon biologistisch reduziert seelische Ph\u00e4nomene zu erkl\u00e4ren versuchte.\u00a0Er war jedoch auch ein Geisteswissenschaftler, der mit einer <em>verstehenden Analyse<\/em>, mit Hinterfragen, Deuten und Interpretieren von lebensgeschichtlichen Zusammenh\u00e4ngen die Seele des Menschen zu ergr\u00fcnden suchte (Seele ist ein geisteswissenschaftlicher Begriff).<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich war Freud auch noch ein Sozialwissenschaftler, der die Auswirkungen seiner Forschungen und Experimente auf Politik und Gesellschaft durchaus einzusch\u00e4tzen wusste. Der die krank machenden Tendenzen durch das Wirtschaftssystem in seinen fast schon literarisch formulierten Betrachtungen ebenso ber\u00fccksichtigte wie die allumfassenden Sexualst\u00f6rungen einer Zeit, in welcher viele Frauen sogar noch ein Korsett tragen mussten. Nicht zuletzt hat er sich in den letzten Lebensjahren nicht <i>gegen<\/i> die Inversion, wie er es nennt, ausgesprochen. Im Gegenteil: Wer keine Probleme damit hat, braucht nicht therapiert zu werden. Dies hat mittlerweile auch die Gesetzgebung vieler Staaten beeinflusst.<\/p>\n<p>Als Anregung zur Interpretation, zu Diskussion und Nachdenken sind Freuds Gedanken hilfreich, selbst wenn vielerorts \u00a0Menschen zu ganz anderen Antworten oder Ergebnissen kommen. Aber auch aus einer Negation heraus habt ihr eure Position dann doch schlie\u00dflich gefunden, die Spur eures Lebensweges, wie ich es immer wieder metaphorisch benenne. Selbst wenn sie antithetisch zu meiner sein mag. Das ist o.k.<\/p>\n<p><b>7<\/b> Vom <b>Marxismus<\/b> ist bei mir nur recht wenig \u00fcbrig geblieben, vielleicht am ehesten noch die <u>Entfremdungstheorie<\/u> durch den all umfassenden und fast schon totalit\u00e4ren <b>\u00d6konomismus<\/b> unserer Tage, der fast s\u00e4mtliche menschlichen Werte zu eliminieren versteht mit Ausnahme des <em>Geldverdienens<\/em>, unserem neuen Gott f\u00fcr Welt, Kultur und Denken. Dem sich alles unterzuordnen hat.\u00a0Als Resultat \u00a0entsteht daraus ein kalter <b>Solipsismus<\/b>, \u00fcber den ich auch immer wieder geschrieben habe.<\/p>\n<p>Als Gegenpol zu dieser menschenfeindlichen Vereinzelung (&#8220;Entfremdung&#8221;), die das ununterbrochene Schuften ums Geldverdienen im Hamsterrad eines blindw\u00fctigen und scheinbar unbeherrschbar-entfesselten Systems bewirkt, bin ich immer mehr der \u00dcberzeugung (ich wiederhole mich), dass das Soziale wichtiger ist als alles andere: die Mischung aus Gro\u00df und Klein, Jung und Alt, Mann und Frau, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, m\u00f6glichst in einem intensiven Austausch miteinander verbunden sowohl der Gef\u00fchle als auch der sozialen Spannungen und Verpflichtungen auch dem K\u00f6rper gegen\u00fcber (Puh! Was wieder f\u00fcr ein Satz!).<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren wesentlich Werte wie Solidarit\u00e4t, Hilfe, Empathie und Liebe. Liebe weniger im Sinne von <strong>Eros<\/strong> als im Sinne der antiken <strong>Agape<\/strong> verstanden.\u00a0Alles andere w\u00fcrde die totale Vereinzelung bedeuten, das Abh\u00e4ngigsein von Maschinen und schlie\u00dflich auch das Maschinen-Menschen-Dasein zusammen mit gez\u00fcchteten, geklonten und maschinell hergestellten Wesen. Wir werden mit <b>Robotern<\/b> uns vergn\u00fcgen m\u00fcssen und werden dabei selbst zu Roboter-Maschinen.<\/p>\n<p>Wir werden uns von unseren Smartphones ablenken lassen, werden selber zu einem hektischen und jederzeit bereit sein m\u00fcssenden Ger\u00e4t, das programmiert, weiter entwickelt und gesteuert werden wird. Von wem? &#8211; Das bleibt die dr\u00e4ngende Frage, die mich bis heute besch\u00e4ftigt. Wir werden alle Augenblicke auf den kleinen Bildschirm unserer Ger\u00e4te zu blicken gezwungen sein fast schon wie in einer Sucht, bis schliesslich der Akku ausgeht. Doch wer l\u00e4dt unseren Akku auf, wenn wir einmal \u00fcberfordert sind von diesen neuen und allumfassenden M\u00e4chten? &#8211;<\/p>\n<p><b>8<\/b><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><b>Existenzialismus<\/b>. Ich denke, kein Mensch, der im letzten Jahrhundert aufgewachsen ist, kann sich der Sinnfrage entziehen, die Nachwehen und Nachbeben des 2.Weltkriegs und der Nazi-Diktatur ignorieren. Verdr\u00e4ngen und vergessen kann man sie, je nach Charakter, Bildung und Einstellung, gleichwohl. Aber gerade die franz\u00f6sischen Existenzialisten haben sich zusammen mit Martin Heidegger dieser Sinnfrage ganz allgemein schlie\u00dflich \u00a0gestellt: Warum ist etwas und nicht nichts? Warum gibt es Leid und Ungerechtigkeit? Warum den Tod?<\/p>\n<p><b>Albert Camus<\/b> suchte L\u00f6sung und Befreiung in der s\u00fcdlichen Sonne seiner Heimat Algerien und in der Antike, deren Ruinen um das ganze Mittelmeer herum immer noch \u00fcberall zu finden sind.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Es war bei ihm gleichwohl ein Zudecken, Verdr\u00e4ngen, Vergessen. Zumal er Sisyphus als Hauptbeispiel einer gequ\u00e4lten und ungl\u00fccklichen Existenz schlie\u00dflich in einer \u00fcberraschenden Kehrtwendung (Volte) als gl\u00fccklich darzustellen bereit war. Unsere \u00fcbervollen St\u00e4dte seien nur noch Treffpunkte einer gro\u00dfen Einsamkeit, schreibt er an anderer Stelle.<\/p>\n<p>Lesetipp: \u201eDer Fremde\u201c<\/p>\n<p><b>Jean Paul Sartre<\/b> hat sich politisiert, versuchte bei einem Besuch \u00a0die deutschen RAF-Terroristen im Stuttgarter Gef\u00e4ngnis zu verstehen und wurde schlie\u00dflich sogar ein links-radikaler Maoist. Die christlich orientierten Existenzialisten (auch das gibt es) entdeckten christliche Werte und den Glauben an das Schicksal neu.<\/p>\n<p><b>Martin Heidegger<\/b> schlie\u00dflich fl\u00fcchtete sich in die Sprach-Kunst und literarisch-hermeneutische Interpretation. Technik nennt er absch\u00e4tzig \u201eGestell\u201c, und Herrschaft der Technik ist bei ihm eine \u201eSeinsvergessenheit\u201c. Er fasziniert bis in die Gegenwart hinein die Menschen mit seiner literarischen Sprache und Hermetik, die zu vieldeutigen Interpretationen anregt. Und er hat mittlerweile sogar \u00a0die<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Computer- und Internet-Welt<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>der Gegenwart erreicht im kalifornischen Silicon Valley. \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0Lesetipp: \u201eHolzwege\u201c oder auch \u201eUnterwegs zur Sprache\u201c.<\/p>\n<p>Mir gefallen im Existenzialismus vor allem zwei Aspekte. Einmal das sehr deutlich von Camus thematisierte Ph\u00e4nomen der <b>Fremdheit<\/b>: Dass die Menschen untereinander sich mit und wegen ihrer unverst\u00e4ndlichen bis sogar \u201eabsurden\u201c Handlungen nur immer wieder als <u>Fremde<\/u> begegnen und sehen k\u00f6nnten. Meine Probleme mit dem Verstehen, der Verst\u00e4ndigung und der Sprache gehen ganz in eine solche Richtung. Nur dass ich diese Tatsache eher <u>wertneutral<\/u> feststelle und sie neugierig betrachte und studiere, so lange ich nicht existentiell davon betroffen bin. Dann ist es jedoch auch bei mir vorbei mit meiner Wertneutralit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dass wir<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>eher wie in der Tierwelt unterschiedlich sind mit unseren<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>vielf\u00e4ltig-heterogenen (\u201epluriversen\u201c) Gattungen, Lebensformen und Wahrheiten, die sich fremd und unverst\u00e4ndlich gegen\u00fcberstehen, lieben, begehren, bek\u00e4mpfen. Fremd mit unseren Wahrheiten und Alternativ-Wahrheiten wie die Elefanten und Giraffen, die V\u00f6gel und Bienen, die Steine und die Ameisen untereinander (ich wiederhole mich).<\/p>\n<p>Der zweite Aspekt, der mir am Existenzialismus gef\u00e4llt, ist seine deutliche Botschaft: Dass das Leben immer nur ein <b>Leben zum Tode<\/b> hin bedeutet. Dass der antike Satz <u>memento mori<\/u>, denke daran, dass du sterben wirst, unser ganzes Leben bestimmen muss, bestimmen sollte.<br \/>\nDas bedeutet: Die F\u00fcrsorge f\u00fcr den eigenen K\u00f6rper, die F\u00fcrsorge aber auch f\u00fcr das Du im Menschen um mich herum <u>verbieten jede Art von Sch\u00e4digung<\/u>. Sch\u00e4digung des eigenen K\u00f6rpers, Sch\u00e4digung der Menschen durch Krieg etc.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dennoch bleibt der antike Grundsatz der Stoa, welcher Flaubert zu der Ansicht verleitete, die antike Schwermut sei un\u00fcbertroffen bis in die Gegenwart hinein, bestehen: <u>No Fear, no Hope<\/u> &#8211; lebe ohne Furcht und ohne Hoffnung. Er bleibt weiter bestehen vor allem f\u00fcr solche Menschen in der Antike wie in der Gegenwart, die an ein Leben nach dem Tod nicht glauben k\u00f6nnen und das Verdr\u00e4ngen wie Vergessen und die Ablenkung etwa durch Rausch und Konsum deshalb permanent suchen m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 *<\/h3>\n<p>Mittlerweile habe ich fast dreihundert Aufs\u00e4tze im Blog geschrieben, die in Buchform ver\u00f6ffentlicht werden sollen, denn f\u00fcr mein Empfinden und meine Generation liest sich ein Buch leichter, sch\u00f6ner und angenehmer, als wenn ich alles auf dem Bildschirm studieren m\u00fcsste. Auch wenn der Bildschirm hilfreich ist zum schnellen Nachschlagen von Fachbegriffen, zum schnell gegoogelten\u00a0Wissen. Ob dieses Wissen dann aber auch zur schnellen und Nutzen bringenden <em>Weisheit<\/em> f\u00fchren kann, wage ich zu bezweifeln.<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00fcnsche ich allen meinen Blog-Lesern und -Leserinnen eine gute Zeit voll Mu\u00dfe, Spannung, Neugierde, positiven \u00dcberraschungen, Chaos und Durcheinander, was nicht zuletzt auch ein <u>Aufbrechen,<\/u> ein <u>Offenwerden<\/u>\u00a0einschlie\u00dft. Intensive Gef\u00fchle welcher Art auch immer und neue Erfahrungen sollten dabei nicht fehlen.<\/p>\n<p>Oder seid ihr in eurer Lebenseinstellung doch mehr f\u00fcr die antike <b>Ataraxie<\/b>, die <u>Gem\u00fctsruhe<\/u>, welche sowohl die Skeptiker als auch die Epikureer ebenso wie die Anh\u00e4nger der Stoa als Lebensziel propagiert haben? Einverstanden, auch gut. Nur <b>Aristipps<\/b> Kyrenaiker, die Hedonisten, waren f\u00fcr ein intensives Leben in Leidenschaft und Lust (siehe oben). In der so kriegerischen und Not leidenden Antike hatten sie jedenfalls relativ wenige Anh\u00e4nger und wohl nur unter den Reichen.<\/p>\n<p>Bleibt also dran! Ich danke euch f\u00fcr eure Treue, Beharrlichkeit und Neugier beim Lesen und Mitdenken. Auch f\u00fcr R\u00fcckmeldungen im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch. Verzagt bei Verstehensproblemen nicht zu schnell, ich verstehe von vielen Texten um mich herum (um mich herum?) auch manchmal nur 50 %. Das reicht trotzdem und ist effizient.<\/p>\n<p>Vielleicht traut ihr euch auch wieder mehr, die Kommentarfunktion im Blog zu benutzen wie gelegentlich schon geschehen. Alle fr\u00fcheren Kommentare sind leider wegen einem technischen Fehler verloren gegangen.<\/p>\n<p>Ihr seht \u2013 ge\u00e4ndert habe ich mich noch nicht sehr seit meinem Beginn vor vier Jahren! Auch wenn doch Vieles anders geworden ist in unserer so umbr\u00fcchigen Zeit und in unserem Leben.<br \/>\n<em>Valete<\/em> &#8211; Lasst es euch dennoch gut gehen und lebt wohl!<\/p>\n<p><b>Lekt\u00fcre: \u00a0<\/b>Reinhold Urmetzer, \u00dcber die Sinnfrage<b>\u00a0(<\/b>2011)<\/p>\n<hr \/>\n<p>P. S. \u00a0Das Buch, das alle meine Blog-Artikel sammeln wird, hei\u00dft voraussichtlich: <b>\u00dcber Verf\u00fchrung \u2013 Eine Kulturgeschichte der Zeit. <\/b>Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits in englischer Sprache: \u201e<b>On Seduction\u201c<\/b> bringt die ersten 14 Beitr\u00e4ge aus diesem Blog (ISBN\u00a09783 7439 4502 9); 14.99 als TB, 9.99 als E-Book.<\/p>\n<p><b>Einf\u00fchrung und Vorstellung aller meiner B\u00fccher im Blog Nr. 282<\/b><\/p>\n<p><b>Die Vorstellung meiner Musik-CDs folgt bald.<\/b><\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=286%20Wieder%20gelesen%3A%20Zum%20Stand%20der%20Dinge&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischenbilanz Bald wird mein 300. Blogbeitrag fertig sein! Statt mich wie gewohnt mit B\u00fcchern oder Zeitungsartikeln zu befassen hatte mich Alexey Chibakov \u00fcberredet, einmal das Blog-Schreiben zu starten. Nach meinen TwitLonger-Beitr\u00e4gen hatte er das Gef\u00fchl, dass ich mehr schreiben wollte und m\u00fcsste und er hat mir diese f\u00fcr mich ganz neue Kommunikationsform eingerichtet. Danke Alexey! 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