{"id":8384,"date":"2018-08-26T13:43:38","date_gmt":"2018-08-26T13:43:38","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8384"},"modified":"2020-03-27T17:49:42","modified_gmt":"2020-03-27T17:49:42","slug":"296-novellen-zur-zeit-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8384&lang=de","title":{"rendered":"296 Novellen zur Zeit (6)"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center\">Der verbrauchte Blick<\/h3>\n<p>Du hast an jenem Abend, als wir uns unvermutet begegnet waren \u2013 und niemals zuvor hatten wir uns jemals gesehen oder hatten wir etwas voneinander gewusst \u2013, du hast gew\u00fcnscht, dass ich deine Funktionen testen, ausprobieren, untersuchen sollte, wie du sagtest. Ohne jede innere Beteiligung deiner- oder meinerseits, hast du betont; es w\u00e4re dir zu anstrengend, zu neuartig, zu ungewohnt gewesen. Und um aufrichtig zu sein, es w\u00e4re dir auch gar nicht m\u00f6glich gewesen. Du wolltest nur wissen, ob alles noch funktioniert (ich zitiere deine Worte) wie nach einem Schlaf, nach einer langen Pause, ob alles noch zu Stande kommen k\u00f6nne, ob du noch f\u00e4hig sein k\u00f6nntest dazu.<\/p>\n<p>Ich wusste nicht, ob ich mich auf dieses seltsame Spiel einlassen sollte. Doch du hattest diesen verbrauchten Blick, der mich gleichg\u00fcltig und pessimistisch werden l\u00e4sst immer wenn ich ihm begegne (nicht nur bei dir), und du hast mir sogar Geld, reichlich viel Geld angeboten, um mich an dich zu fesseln, dass ich deinen seltsamen und irgendwie auch albernen Gesetzen folgen sollte.<\/p>\n<p>Ich wusste um deine Sonderstellung, um diese eigent\u00fcmliche Zwischen-Menschlichkeit und Trans- Humanit\u00e4t als ein Indiz f\u00fcr ein verbrauchtes Leben, f\u00fcr ein Leben ohne uns, ohne die menschliche Gemeinschaft. Und ich wusste ebenfalls, dass ich dir keine Schuld zu schreiben k\u00f6nnte, weil du bereits ein Opfer bist, wie ich es bis jetzt immer noch und vielleicht wieder etwas altert\u00fcmlich behaupte, auch wenn du lieber von Objekt sprichst und sogar stolz darauf zu sein scheinst.<\/p>\n<p>Du hast auf meine Einw\u00e4nde hin gelacht, sie als Spinnerei und traurige Halluzination zur Seite geschoben. Du hast nicht begriffen, um was es mir ging, und ich sehe dich immer noch vor mir, wie du mich an dich heran zu ziehen versuchst, ganz in diesen fremden Bann der Funktionen und Zahlen einbinden m\u00f6chtest, als ob du es menschlich meinen k\u00f6nntest jenseits all deiner Rechner und Fakten und Programme, wozu du mich als Test-Person eingespannt hattest und bezahlen wolltest. Du sp\u00fcrtest meine Unruhe, meine Angst, auch mein Z\u00f6gern vor diesem Neuen und der seltsamen Ungeheuerlichkeit deines Anliegens. Du bist verbraucht, hast du zu mir gesagt und boshaft gel\u00e4chelt, ebenso verbraucht wie ich. Wir sind keine Menschen, keine Lebewesen mehr, hast du angemerkt und dich gefreut, auch keine Tiere, keine Pflanzen. Vielleicht sind wir zu Steinen geworden oder zu Sternen, die vergl\u00fchen. Also bewegen wir uns auf einer objektiven Stufe.<\/p>\n<p>Ich habe dieses Spiel schlie\u00dflich nicht mehr mitgemacht und abgebrochen. Ich werde auch diesen Text nicht nur einer einheitlichen Story und Glaubw\u00fcrdigkeit wegen zu Ende f\u00fchren. Ich lebe noch nicht in den St\u00e4dten des statischen Zeitalters, wie ein Science-Fiction-Schriftsteller sie beschrieben hat, ohne Tradition, ohne Geschichte, Entwicklung &nbsp;oder Ver\u00e4nderungsm\u00f6glichkeit; auch ohne Tod, ohne Fehler und Wiedergeburt, ohne Begehren und ohne Bezug.<\/p>\n<p>Folgende S\u00e4tze habe ich in mein Tagebuch notiert: Der verbrauchte Blick samt seiner ganzen Welt und Weltordnung ist eine literarische Fiktion, eine Abstraktion, eine L\u00fcge \u2013 als wenn es nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu tr\u00e4umen, zu erwarten, zu glauben g\u00e4be. Er ist unmenschlich, als lebten wir in einer st\u00e4ndigen Eiszeit und hoffnungslos, als wenn es ein Ende, ein Sterben, eine Ersch\u00f6pfung selbst dieser Sinnlosigkeiten, wie wir sie tagt\u00e4glich erleben und ertragen m\u00fcssen, nicht mehr geben k\u00f6nnte.<br \/>\nIch werde mich wieder unter all diese Neon-Romantiker mischen im Supermarkt, im Kino, in den Caf\u00e9s und Peepshows. Ich werde auf einsame Inseln fahren, um andere S\u00e4tze und Geschichten zu erfinden, freudenvollere, wie sie ML gew\u00fcnscht hat. Und ich werde mich mit UK zusammen setzen, um n\u00e4chtelange Gespr\u00e4che mit ihr zu f\u00fchren \u00fcber Gott und die Liebe, den Staat, nationalistische B\u00fcrgerkriege und wie man in unseren saturierten Gesellschaften die Lebens-Langeweile besiegt und den verbrauchten Blick(1).<\/p>\n<p>Ich werde allen Kommunikations-Apparaten und sonstigen k\u00fcnstlichen Wesen aus dem Weg gehen, ihnen zumindest aus dem Weg zu gehen versuchen. Ich werde auch meine Kontakte mit diesen flimmernden Halbwelten und neuartigen Mensch-Objekten, die uns so verf\u00fchrerisch anl\u00e4cheln, als w\u00fcssten sie \u00fcber alles Bescheid und als k\u00f6nnte es kein Ungl\u00fcck in dieser Welt geben, ich werde sie einschr\u00e4nken, wenn nicht sogar ganz darauf verzichten. Ich werde auch davon nichts mehr sehen, h\u00f6ren oder dar\u00fcber schreiben wollen. In der Stadt werde ich auf meinem Platz abwarten, umgeben von Menschen wie du und ich, und still dasitzen wie Blaise Pascal auf seinem Stuhl. Ich werde nachzudenken versuchen.<\/p>\n<p>Ein Schiff m\u00fcsste kommen, habe ich vor mich hin gesprochen und ich war von den abenteuerlichen Gedanken und Dem Alkohol bereits ganz euphorisiert. Laut habe ich gesprochen und zu \u00fcberzeugen habe ich mich bem\u00fcht. Es m\u00fcsste ein Schiff kommen, in das man einsteigen kann, mit gro\u00dfen Segeln und freien Menschen, Afrikanern oder anderen Freigeistern, Freigeborenen und Abenteurern, habe ich mir gesagt. Mit Menschen, anderen, neuen, die diese Last auf sich nehmen w\u00fcrden und sich daf\u00fcr einsetzen k\u00f6nnten.<br \/>\nWir w\u00fcrden das Land hinter uns lassen, sagte ich, mit seiner Verkommenheit und wissenschaftlichen Intelligenz, diesen k\u00fcnstlichen, verstellten und erstarrten Blicken (als wenn es sie tats\u00e4chlich geben k\u00f6nnte), diesen Lastern und L\u00fcgen und falschen G\u00f6ttern.<\/p>\n<p>Geradeaus w\u00fcrden wir fahren und keine R\u00fccksicht mehr nehmen auf die Klagen der Zur\u00fcckgebliebenen \u00fcber &nbsp;Fortschritt, Lustverfallenheit und &nbsp;gute Absichten. Ich w\u00fcrde mich an den Mast stellen und mitfahren, wenigstens eine gewisse Zeit lang, auch wenn das Ziel ungewiss bleibt. Hinter uns wird die K\u00fcste immer kleiner und kleiner und ich sehe, wie sie den Leichnam des Gutsbesitzers verzehren, um an das Erbe zu gelangen, was er als seinen letzten Willen vorgeschrieben hatte.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe die Augen und tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Ich will nach vorne gehen, sagte ich immer wieder, wie wenn ich es mir einreden m\u00fcsste, immer geradeaus. Es ist ganz leicht. Ich will keinen Zorn sp\u00fcren und auch keine Trauer oder Melancholie, nur stark will ich sein, damit ich es schaffe. Es kann nur besser werden. Wir haben nichts zu verlieren. Ich muss es hinter mir lassen, es versuchen, sagte ich wieder und wieder.<br \/>\nSchlie\u00dflich bin ich eingeschlafen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen habe ich mich auf den Weg gemacht, zur\u00fcck \u00fcber die Autobahn, von wo ich gekommen bin. Wie immer herrschte starker Verkehr.<\/p>\n<hr>\n<p>(1) Der Begriff stammt von Krishna Lahoti, einem jungen Presse-Fotografen, der mich bei Konzerten und Interviews immer wieder begleitet hat.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=296%20Novellen%20zur%20Zeit%20%286%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der verbrauchte Blick Du hast an jenem Abend, als wir uns unvermutet begegnet waren \u2013 und niemals zuvor hatten wir uns jemals gesehen oder hatten wir etwas voneinander gewusst \u2013, du hast gew\u00fcnscht, dass ich deine Funktionen testen, ausprobieren, untersuchen sollte, wie du sagtest. 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