{"id":8421,"date":"2018-08-24T08:50:56","date_gmt":"2018-08-24T08:50:56","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8421"},"modified":"2020-03-27T17:48:23","modified_gmt":"2020-03-27T17:48:23","slug":"295-novellen-zur-zeit-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8421&lang=de","title":{"rendered":"295 Novellen zur Zeit (5)"},"content":{"rendered":"<h4>Engel aus Feuer und Eis<\/h4>\n<p>Sie sind gro\u00df gewachsen, schlank und stolz und sie haben, wie Baudelaire schreibt, eine dunkle Sehnsucht in den Augen, eine Sehnsucht, die gr\u00fcblerisch und unergr\u00fcndlich ist, die wir nicht kennen und die wir, wenn wir ehrlich sein wollen, auch gar nicht kennen lernen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Ihr K\u00f6rper und seine Funktionsweise scheint trotz allem Wohlstand und Luxus der Zeit matt und wie ausgezehrt von einer langen und heftigen Leidenschaft, von einem harten Kampf. Denn voll Ehrgeiz, St\u00e4rke und Elan und wie \u00fcberm\u00fctig greifen sie nach den Sternen, lieben sie unbekannte Landschaften, neue Erfahrungen und Abenteuer, die uns \u00e4ngstlich zur\u00fcck schrecken lassen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In jedes Fahrzeug w\u00fcrden sie ohne Z\u00f6gern einsteigen und wegfahren wollen, welches Ziel auch immer angegeben sein mag. N\u00e4chtliche Gefahren w\u00fcrden nebens\u00e4chlich werden, nebens\u00e4chlich w\u00e4ren Nebel, Regen und Sturm, die doch alles verd\u00fcstern und dunkler&nbsp;werden lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unnahbar sch\u00f6n sind sie, und wenn sie wie eine Kerze oder Fackel brennen d\u00fcrfen, entz\u00fcnden sie einen jeden von uns, der in ihre N\u00e4he oder in ihren Einflussbereich kommt. Stolz und selbstsicher muten sie sich jegliche Arbeit, jegliche Aufgabe zu, sie f\u00fchlen sich allem gewachsen \u2013 nur nicht dem jedoch, was wir gemeinhin unter Arbeit oder Aufgabe verstehen, denn diese Begriffe und diese meine Sprache, sie verstehen sie nicht mehr.<\/p>\n<p>Starr ist ihr Blick und fest sind Ihre Gedanken, doch immer schwanken sie im Urteil, wie wenn sie sich nicht festlegen oder entscheiden k\u00f6nnten. Denn niemals w\u00fcrden sie sich endg\u00fcltig oder definitiv einer Sache, einer Gewissheit, einer Idee oder Verf\u00fchrung anvertrauen \u2013 Vertrauen, Glaube, Gewissheit, das gibt es nicht mehr f\u00fcr sie.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Was haben sie zu hoffen, was zu f\u00fcrchten? Von welchem Begehren sind sie getrieben, welche Sehnsucht l\u00e4sst sie immer wieder so abgr\u00fcndig und schwerm\u00fctig werden?<\/p>\n<p>Manchmal glaube ich, dass sie nur Kunstfiguren einer k\u00fcnstlichen Welt der Romane und Abenteuer-Erz\u00e4hlungen sind, Nebenformen der neuen Mythen von Film, Video, Computer oder Trick und ganz ohne einen direkten Wirklichkeitsbezug. Denn blicken sie uns nicht bereits mit ihren vertr\u00e4umten Augen in den Zeitschriften an, l\u00e4cheln sie nicht von den gro\u00dfen Reklamew\u00e4nden auf uns herab wie Mona Lisa oder die Sphinx?<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Sie verzaubern sich selbst und uns mit dem Schleier der Maya oder dem Schatten des Morpheus und manchmal kommt es mir vor, als simulierten sie ihre r\u00e4tselhafte Existenz, um alles nur als ein Spiel darstellen oder auffassen zu k\u00f6nnen. Denn gefesselt sind sie wie wir alle auch an eine Zukunft, die vom Schein, der Verdoppelung und einer an<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span>Sensation oder Lust orientierten k\u00fcnstlichen Welt beherrscht wird.<\/p>\n<p>Nachts, wenn die Geister und Gespenster oder alle Engel und Teufel unsere Heiligen Mutter Kirche kommen, dann meldet sich zuweilen auch bei Ihnen die Vergangenheit zur\u00fcck. Die Nacht l\u00e4sst ihr unruhiges Gem\u00fct stillstehen und aufhorchen, nur die Nacht ruft einen Gegenstand oder eine Erfahrung in die Erinnerung zur\u00fcck, die uns unbekannt bleiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gegenwartslos leben sie wie wir alle in einer gegenwartslosen Zeit. Der Zerrspiegel, in dem sie sich fortw\u00e4hrend betrachten m\u00fcssen (und nicht nur nachts oder in den gro\u00dfen Diskotheken der Stadt), dieser Zerrspiegel enth\u00fcllt gerade nicht ihre Sch\u00f6nheit und Einzigartigkeit, sondern nur die unnahbare K\u00e4lte und Gleichg\u00fcltigkeit ihres K\u00f6rpers und ihres Begehrens, die Geschlechtslosigkeit ihrer angeblichen Zweigeschlechtlichkeit.<\/p>\n<p>Und er zeigt immer wieder auch die Banalit\u00e4t eines Alltags auf, der sie wie ein Gef\u00e4ngnis im Nirgendwo und Nirgendwohin festh\u00e4lt, die Desillusionierung, sich mit Tr\u00e4umen, mit Wohlger\u00fcchen, seltsamen Verkleidungen und sonderbaren Maskeraden am Leben halten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ihr Leben ist, ich sagte es bereits, ein Leben voller K\u00fcnstlichkeit und K\u00e4lte, voll sehns\u00fcchtiger Wehmut und selbstgewisser Zweifel. Ein Leben, das die Ekstase nicht ausschlie\u00dft, sondern sucht, selbst wenn der Schl\u00fcssel dazu verloren gegangen ist. Aufrecht erhalten \u2013 das w\u00e4re vielleicht ein Thema, ein Sinn und Zweck und Ziel. Aufrecht auch im Zusammenbruch, im Abwegigen, Starren und Erkalteten, in der Hartn\u00e4ckigkeit, mit welcher ein Weg, eine Spur ohne Umkehr beschritten wird und doch nicht beschritten werden kann, das Schwanken der Positionen und die Banalit\u00e4t der allt\u00e4glichen Verrichtungen, die man nur widerwillig auszu\u00fcben bereit ist. <span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Davon fliegen in Luxus und Langeweile, doch wohin? Sprachlos und schweigsam in sich gekehrt, im offenen Versteck dunkle Botschaften austauschend und sich der Einsamkeit in einer mehrfarbigen Welt voller zusammengeklaubter und zerst\u00fcckelter Teile \u00fcberlassend, wozu selbst eine so \u00e4sthetisierte Haltung und Sprache wie die meine scheinbar mit dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Den Blick in eine Richtung gelenkt, wer wei\u00df die Richtung? &#8211; das Sprechen gebildet, ironisch und verworren zugleich, auch um die Unm\u00f6glichkeit wissend, jemals wieder sprechen, handeln, lachen oder aufbegehren zu k\u00f6nnen.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten sie ber\u00fchren und diese Erstarrung gewaltsam aufbrechen, die H\u00e4sslichkeit dieser Sch\u00f6nheit blo\u00dfstellen. Selbst sexuelle Kontakte m\u00f6chten manche von uns provozieren mit Techniken und Methoden, vor denen wir bislang nur Abscheu und Widerwillen versp\u00fcrt haben und auch auf die Gefahr hin, unser aller Zustand der einsamen Gleichf\u00f6rmigkeit und Langeweile gerade dadurch noch mehr zu verst\u00e4rken. Doch wer vermag schon mit Liebe oder Sex eine so fundamentale und seltsame Einsamkeit und Existenzweise zu durchbrechen? \u2013<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Eines Tages, so tr\u00e4umen sie, werden wir an dieses Ziel gelangen. Sie sagen \u201edieses\u201c \u2013 doch trotz aller grammatischen Bestimmtheit wissen sie am allerwenigsten, wo dieses Ziel gelegen ist, wer es definiert und wie man es \u00fcberhaupt definieren k\u00f6nnte. Zwar weist das Pronomen \u201edieses\u201c auf etwas hin, als wenn etwas bekannt, zielgerichtet, logisch und klar w\u00e4re und vor uns liegen k\u00f6nnte selbst im Falle einer ziellosen Leere, aus der sie scheinbar kommen und wohin sie vielleicht auch zur\u00fcckkehren werden.<\/p>\n<p>Doch alles bleibt ziellos, mit und ohne Leere, unbestimmt auf ein Ende hin und in weiter Ferne schicksalhaft verschlungen. Ausgesungen und vertr\u00e4umt wie ein leerer Tag, eine leere Sprache wie vielleicht jetzt auch, die sch\u00f6ne und kluge Worte findet und genaue Beschreibungen, ohne etwas sagen zu k\u00f6nnen, ohne das Wesentliche zu benennen selbst wenn sie es wollte.<\/p>\n<p>Weder sind sie, das habe ich bereits herausgefunden, Opfer der Nacht noch Opfer des Tages, weder sind sie an die Jahreszeiten noch an Monate oder Stunden gebunden, weder vertrauen sie der Einsamkeit noch dem Alleinsein, dem Ich, dem Du oder der Gemeinschaft. Sich selbst vertrauen sie trotz aller Selbstsicherheit am wenigsten.<\/p>\n<p>In politischen Angelegenheiten entscheiden sie sich, stigmatisiert wie sie sind und mit dem Zeichen auf der Stirn, f\u00fcr die Minderheit und das Singul\u00e4re, denn sie verachten die Pluralit\u00e4t und Mehrheiten, die ihnen zu pers\u00f6nlich, zu banal oder zu langweilig erscheinen. Niemals w\u00fcrden sie sich mit den kleinen Dingen und unserer kleinen Welt begn\u00fcgen, selbst wenn es keine gro\u00dfen Dinge oder eine gro\u00dfe Welt, wie sie sie ertr\u00e4umen, geben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Sie lieben sich selbst und sie sprechen<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span>zuweilen geheimnisvoll z\u00e4rtlich mit der Musik, mit den Bildern der Stadt oder den Worten eines seltsamen Textes. Mit den G\u00f6ttern der Liebe haben sie dar\u00fcber hinaus st\u00e4ndigen Kontakt. \u2013<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Gib ihnen die Sehnsucht der fahrenden V\u00f6lker, m\u00f6chte ich noch einmal Baudelaire zitieren. Lass sie unruhig zittern und k\u00e4mpfen und stark sein, den Finsternissen der Zukunft zum Trotz, ein wohl bekanntes Reich.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=295%20Novellen%20zur%20Zeit%20%285%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Engel aus Feuer und Eis Sie sind gro\u00df gewachsen, schlank und stolz und sie haben, wie Baudelaire schreibt, eine dunkle Sehnsucht in den Augen, eine Sehnsucht, die gr\u00fcblerisch und unergr\u00fcndlich ist, die wir nicht kennen und die wir, wenn wir ehrlich sein wollen, auch gar nicht kennen lernen m\u00f6chten. 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