{"id":8444,"date":"2018-08-27T13:32:05","date_gmt":"2018-08-27T13:32:05","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8444"},"modified":"2020-03-27T17:51:05","modified_gmt":"2020-03-27T17:51:05","slug":"297-novellen-zur-zeit-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8444&lang=de","title":{"rendered":"297 Novellen zur Zeit (7)"},"content":{"rendered":"<h4>Das Tanzen<\/h4>\n<p>Wir sollen tanzen. Das bedeutet: mit der Sinnlosigkeit spielen. Die Buchstaben zaubern ihr Ziel heraus, die Distanzen fallen oder leben wieder auf. Unverst\u00e4ndliches produzieren wie der Schriftsteller Jean Paul, Isosthenien aufstellen wie die Philosophen der Sp\u00e4tantike, indem man sich der Logik verweigert, die Selbstverst\u00e4ndlichkeiten weggefegt, Postulate umst\u00fcrzt und die Leere erschafft, welcher man die dunklen Geheimnisse zu entrei\u00dfen sucht.<\/p>\n<p>Du stehst auf der Tanzfl\u00e4che wie auf der Leinwand der Malerin(1). Versuchen wir das ungew\u00f6hnliche Experiment, tanzen wir diesen Maskentanz, ob es uns gelingt, auch wenn die Wunde schmerzt und die lapidaren T\u00f6ne der Popmusik wieder und wieder durch das Fenster schallen.<\/p>\n<p>Werden wir uns so abbilden k\u00f6nnen in Farben, in Formen, ohne uns dabei zu verlieren oder doch Teile von uns aufgeben und vermissen zu m\u00fcssen? Wird unser Gef\u00fchl, unser K\u00f6rper, der ganze lebensgeschichtliche Kontext mit seinen Erfahrungen und Erlebnissen, wird dies alles mit einflie\u00dfen k\u00f6nnen in das fremdartige Kunstwerk eines Maskentanzes? \u2013 Wir f\u00fcllen im Tanzen die L\u00fccken, welche die Worte in den S\u00e4tzen und Texten und Er\u00f6rterungen lassen. L\u00fccken f\u00fcllen, L\u00fccken bilden, L\u00fccken lassen als Pause, als die Strukturierung der Stille, die Parodie von Sinn und Sprache, auch als das Nichts im semantischen Sinn. Musik, immer wieder Musik in diesen Worten, S\u00e4tzen und Gedanken. Immer wieder Musik.<\/p>\n<p>Wir treffen seltsame Versteinerungen auf den Bildschirmen, in der Nachtbar, auf den Stra\u00dfen, im Caf\u00e9. Sie machen uns Angst, weil sie unnahbar und unmenschlich, vielleicht auch schon tot sind. Geschminkt und fein gekleidet lieben sie die Sprachlosigkeit, weil sie selbst feine und h\u00fcbsche Kannibalen sind, die auf Menschenfleisch verzichten und die Verf\u00fchrung nur noch um der Verf\u00fchrung willen suchen. Von ihren Masken werden sie nicht mehr verunstaltet oder entfremdet, weil ihnen die Verunstaltung und Entfremdung bereits zur reinen Sch\u00f6nheit geworden ist und weil sie voller K\u00fcnstlichkeit sind, auch wenn die Farbe der Haut schon etwas ab bl\u00e4ttert.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span>Wie soll man mit solch abenteuerlichen Gestalten, sofern sie \u00fcberhaupt existieren, zusammen leben, mit Ihnen reden, wie sie lieben k\u00f6nnen? H\u00fcbsche Kannibalen, fein gekleidete Analphabeten, verzauberte Priester, apathische Intellektuelle, k\u00f6rperbewusste Sch\u00f6nheiten \u2013 wer sagt, in der heutigen Zeit k\u00f6nne man keine Wunder mehr erleben oder au\u00dfergew\u00f6hnliche Beobachtungen machen?<\/p>\n<p>Ihnen die eigene Melodie vorspielen und sie tanzen lassen, empfehlen die orthodoxen Ideologen. Vielleicht gelingt diese Strategie dann und wann, etwa im Ostblock oder in den USA. Andere beten wieder, glauben wie in den zwanziger Jahren<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span>an morphogenetische Felder oder \u00fcbersinnliche Wahrheiten. Verbesserungen, Ver\u00e4nderungen in unserem Leben und in dieser Gesellschaft seien in kleinen Schritten und unmerklich nur zu erreichen, behaupten andere. Jedes \u00fcberst\u00fcrzt Neue sei gef\u00e4hrlich; besser auf die Tradition vertrauen und ihren Erfahrungen und Weisheiten. \u00c4nderung oder dynamische Entwicklung sei nur eine Kategorie unserer Anschauung, predigen wiederum die Philosophen des Subjektivismus, und nichts mehr.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass es gelingen wird, was sie alle uns in den Kopf setzen, gesetzt haben oder setzen werden (womit die grammatikalischen M\u00f6glichkeiten ausgesch\u00f6pft w\u00e4ren). Die Farben flie\u00dfen, alles verliert sich in einem wei\u00dfen Kreis oder im Schein des Neonlichts, das gl\u00fchend wie ein halb gel\u00f6schtes Eisen aus dem Duft und dem Wasser hervor kommt, um immer heller und d\u00fcsterer zu leuchten: Solch ein Grauen wohnt in der Tiefe der unnennbar fremden Welt, die sich nicht f\u00fcgt, sondern uns zu ihrer Belustigung braucht, schreibt der romantische Dichter. Viele Melodien deuten auf einen untergegangenen Tanz, sagt er, die nieder gelegte Sehnsucht wie Schwarz in Wei\u00df oder Blau in Gelb. &#8211;<\/p>\n<p>Als sie ihre seidenen Kleider ausgezogen hatten, stolzierten sie schweigend vor den Spiegeln umher. Unf\u00e4hig zu allem, zum Gespr\u00e4ch, zum sexuellen Verlangen, zum Traum, hatte eine gro\u00dfe M\u00fcdigkeit sie erfasst und ihre Aktivit\u00e4t gel\u00e4hmt. Die Mauern, woran sie sich abzeichnen wollten, r\u00fcckten n\u00e4her, entfernten sich, r\u00fcckten wieder n\u00e4her und selbst die Wolken waren nicht mehr gut zum Fliegen. Wenn wir nur endlich w\u00fcssten, dass wir blo\u00df tr\u00e4umten!<\/p>\n<p>Kann uns die Musik, kann uns das Tanzen einen Schritt weiter bringen? &#8211; Wir k\u00f6nnen uns begleiten, wohin immer wir wollen, das steht fest. Andere k\u00f6nnen das nicht. Aber wir k\u00f6nnen uns nicht der falschen Begriffe entledigen, sie totschlagen oder ihre R\u00e4tsel aufl\u00f6sen, wie wir den Radioapparat, den Computer abschalten oder die Mathematikaufgabe aus dem Infinititesimal-Bereich &nbsp;nicht zu Ende f\u00fchren.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Was bleibt also vom Absoluten, wenn wir mit der Sinnlosigkeit getanzt und gespielt haben? &#8211;&nbsp;Was ist \u00d6l?(2) &#8211;&nbsp;Anfang und Ende der Haar-Frisuren, k\u00f6nnte man in diesem illustren Kreis vor mir jetzt hintergr\u00fcndig unterstellen (ich erschrecke bereits \u00fcber diesen meinen Vergleich).<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Oder: Im alten Rom \u00f6lten sich die k\u00f6rperbewussten Einwohner des Mittelpunkts der Welt nach jedem Thermenbesuch ein, bevor sie sich abschaben lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Was also bleibt uns vom Absoluten?<\/p>\n<hr>\n<p>(1) Die Malerin Gabriele Kleefeld hat dergestalt gro\u00dfe Tanzbilder hergestellt und zusammen mit Diskobildern im Theaterhaus Stuttgart im Jahr 1986 ausgestellt.<\/p>\n<p>(2) \u00d6l \u2013 Was bleibt uns vom Absolutem? So lautete der Titel eines Vortrages, den ich wie jetzt auch gek\u00fcrzt und auszugsweise 1987 in &nbsp;der Blaubeurener Galerie Rieber anl\u00e4sslich einer Ausstellung von Karin Geschke gehalten habe.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Im Anschluss daran hat mich ein junger Besucher angesprochen. Jetzt m\u00fcsse ich<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span>aber wirklich aufh\u00f6ren mit dem Schreiben und Sprechen und Vortr\u00e4ge-Halten, wenn ich an einem solchen Ende von geschriebener Sprache, Rede und Verst\u00e4ndigung angekommen sei.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;&#8211;&nbsp;<\/span>Die gr\u00f6\u00dfte denkerische Leistung des Abendlandes sei, meinte auch Derrida anl\u00e4sslich eines Vortrages \u00fcber \u201eDie rechte Hand Heideggers\u201c (Passagen) und er l\u00e4chelte dabei &#8211; das Schweigen.<\/p>\n<p>Zu diesem Tanzen-Text habe ich ein pers\u00f6nliches Schreiben vom Schriftsteller Wolfgang Harig erhalten mit der Aussage, f\u00fcr ihn g\u00e4be es nichts Sch\u00f6neres als mit der Sinnlosigkeit zu spielen.<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=297%20Novellen%20zur%20Zeit%20%287%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Tanzen Wir sollen tanzen. 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