{"id":8521,"date":"2018-09-24T05:40:28","date_gmt":"2018-09-24T05:40:28","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8521"},"modified":"2018-09-24T05:40:28","modified_gmt":"2018-09-24T05:40:28","slug":"301-novellen-zur-zeit-10-und-abschluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8521&lang=de","title":{"rendered":"301 Novellen zur Zeit (10 und Abschluss)"},"content":{"rendered":"<h4>Die Stahlstadt<\/h4>\n<p><i>Vierzig Tage habe ich gebraucht, um an diesen Ort hier und zu dieser Stunde jetzt zu gelangen. Vierzig Tage bin ich mit meinem Wagen durch die Nacht gefahren in m\u00e4\u00dfigem Tempo, als wenn ich es h\u00e4tte genie\u00dfen und mich daran weiden wollen, was gewiss nicht der Fall gewesen ist.<\/i><\/p>\n<p><i>Ich habe Wolfgang Rihm besucht, der damals noch in Karlsruhe gewohnt hat. Ich habe bei Christoph Bitter und Josef H\u00e4usler, den beiden SWR &#8211; Allgewaltigen der Donaueschinger Musiktage, angeklopft und mit ihnen M\u00f6glichkeiten besprochen, wie man die Abschaffung dieses renommierten Festivals f\u00fcr Neue Musik verhindern k\u00f6nnte; anschlie\u00dfend bin ich mit Clytus<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Gottwald zum Abendessen gegangen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><i>Vieles, was ich damals geschrieben und gesagt habe, selbst in Zeitungen und Zeitschriften, ist reine Simulation gewesen. Ich weise meine H\u00f6rerschaft darauf hin, mache Sie auf diese Tatsache aufmerksam. Ich habe auch jetzt wieder einen Text ausgew\u00e4hlt und mitgebracht, der reine Fiktion, Verzerrung und Konstruktion ist.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><i>Denn wir befinden uns mit all diesen vorgelegten Texten &#8211; Novellen habe ich sie vielleicht etwas vorschnell genannt &#8211; im Raum der Kunst allgemein, auch unserer Existenz und Lebensform, in diesem manchmal schwankenden und taumelnden<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Raum der Spiegelungen, Gegenbilder, Hoffnungen und Illusionen, worin wir uns zurechtfinden m\u00fcssen, ob wir wollen oder nicht. Dies als ein existenzialistisches Moment in meiner Rede, in meinen Texten und Erz\u00e4hlungen; selbst in meiner Musik.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><i>Doch folgen Sie mir nun zum Abschluss in die Stahlstadt. Sie werden sich dort nicht fremd f\u00fchlen. Nichts Unbekanntes wird Ihnen begegnen, Sie verbl\u00fcffen, am\u00fcsieren oder zu ver\u00e4rgern suchen. Ich werde mich verst\u00e4ndlich und unkompliziert ausdr\u00fccken, ein einheitlich mittleres Verst\u00e4ndnis-Niveau anstreben, wie wir es alle w\u00fcnschen, nicht wahr. Ich werde keine langen Satzgebilde erfinden und diese manieristisch immer weiter in die L\u00e4nge strecken. Ich werde auch keine dissonanten Sprachbilder einsetzen, die Kreuz-und Querbez\u00fcge in der Argumentation, in den Beispielen und Erl\u00e4uterungen einschr\u00e4nken und mich auch von den Kategorien der Science-Fiction Literatur, zumindest was rationale Logik und rationales Denken betrifft, entfernt halten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/i><\/p>\n<p><i>Es wird sehr einheitlich und diszipliniert in dieser Stadt zugehen; nichts dort ist zusammen gest\u00fcckelt, ironisch gebrochen, weit hergeholt oder fragmentarisiert. Die Einheitlichkeit herrscht und die Abgrenzung. Abst\u00e4nde zu Ver\u00e4nderungsbem\u00fchungen werden mit gro\u00dfer Strenge eingehalten, denn die Gesetze der Statik garantieren jedem in der Stahlstadt Gl\u00fcck, so unwahrscheinlich dies uns heute auch noch vorkommen mag.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Stahlstadt leben die Stahlmenschen. Sie sind gleich und uniform, bewegen sich stereotyp und sehen gl\u00fccklich aus. Sie k\u00e4mpfen nicht gegeneinander, aggressive Konflikte haben sie sich ganz abgew\u00f6hnt. Ebenso wenig kennen sie Widerspruch, Kritik, Infragestellung &#8211; ihre Welt scheint heil und sch\u00f6n und alles hat darin seinen festen, unangefochtenen Platz.<\/p>\n<p>F\u00fchlen sich diese Menschen dennoch gelegentlich einmal unwohl, denn Menschen sind sie immer noch, auch wenn ihr K\u00f6rper aus Stahl besteht, so schlucken sie Pillen oder schlie\u00dfen sich an die zahlreichen Zerstreuungsapparate an, die \u00fcberall aufgestellt sind und zu billigen Preisen benutzt werden k\u00f6nnen. Ein gleichf\u00f6rmig freundliches L\u00e4cheln ist unentwegt auf ihren Lippen, so dass die hierzulande immer noch \u00fcblichen, vielleicht sogar notwendigen Reklamebilder dort \u00fcberfl\u00fcssig geworden sind.<\/p>\n<p>Die Stadt ist eine Hauptstadt und wird von einem harten Herrscher regiert, der meist im Hintergrund des Geschehens bleibt und sich nur selten in der Bev\u00f6lkerung zeigt. Der Grund daf\u00fcr ist undurchsichtig; andererseits zeigt aber auch die Bev\u00f6lkerung keinerlei Interesse an einer Begegnung. Sie will in Ruhe gelassen werden und ihrer Besch\u00e4ftigung nachgehen, jeder an seinem Platz, der ihm zusteht.<\/p>\n<p>Da es wenig Probleme, wenig Entscheidungen zu treffen, wenig zu regeln gibt, ist der Herrscher fast schon \u00fcberfl\u00fcssig geworden. Manche glauben daran, und dies ist einer ihrer letzten W\u00fcnsche, dass bald alles von selbst funktionieren werde einschlie\u00dflich dem Abtransport der Toten. Man spricht von sich selbst steuernden Apparaten, wie sie von Schriftstellern aus anderen Zeiten beschrieben worden sind, auch \u00e4hnlich den Automaten, die Fehler selbstst\u00e4ndig zu korrigieren in der Lage sind.<\/p>\n<p>Die Gesellschaftstheoretiker haben als allgemeine Losung die Devise in die Welt gesetzt, dass Bewegungslosigkeit Wahrheit bedeute, denn Bewegung schlie\u00dfe Verg\u00e4nglichkeit und Tod ein; das Aufhalten der Bewegung sei mithin die \u00dcberwindung der Verg\u00e4nglichkeit und die Verschmelzung mit der Unbeweglichkeit. Dann lebe der Mensch statisch wie eine Marionette, und dies ist gut so, bildet man sich ein, ohne Leben, ohne sichtbaren Tod, immer auf eine Stufe und auch ohne W\u00fcnsche, die wiederum nur Unruhe und Bewegung verursachen w\u00fcrden. Freiwillig sollen die Stahlmensch sich deshalb ganz der Unfreiheit unterwerfen und darin gl\u00fccklich sein.<\/p>\n<p>Die Stahlstadt hat eine Stahlform, ist gro\u00dfz\u00fcgig gebaut und wirkt eisern wie eine Festung. An der Grenze stehen Stacheldrahtz\u00e4une; ein unsichtbares Kontrollsystem verhindert jeden Ausbruchsversuch, wenn es \u00fcberhaupt jemals einen solchen geben sollte, denn dies w\u00e4re bereits ein bedenklicher Fehler im \u00dcberwachungs- und Steuerungsmechanismus. Das System duldet keinen Widerspruch, sagt man; Negativit\u00e4t wird wie in einem lebenden Organismus, mit dem die Theoretiker ihre Stadt immer gerne vergleichen, sofort bek\u00e4mpft und ausgel\u00f6scht. \u00c4hnlich den fr\u00fcheren Diktaturen, die uns alle noch in schlimmer Erinnerung sind, ist eine strenge Durchorganisation und Kontrolle garantiert. Die Stahlmenschen akzeptieren es scheinbar gerne, ganz beherrscht zu sein.<\/p>\n<p>Einige \u00dcberm\u00fctige sollen in fr\u00fcheren Zeiten versucht haben, das System zu \u00e4ndern oder \u00fcber die Grenzen zu gelangen. Aber sie haben nichts erreicht, und die Stellen ihrer sinnlosen Todesk\u00e4mpfe sind heute noch zu besichtigen. Sie hatten tats\u00e4chlich dem M\u00e4rchen geglaubt \u2013 man l\u00e4chelt heute noch halb wissend, halb mitleidig in der Stahlstadt, wenn davon die Rede ist \u2013, dass in diesem Land der L\u00e4rm der St\u00e4dte, glei\u00dfende Lichter und die Willk\u00fcr des Einzelnen eine blinde Herrschaft ausge\u00fcbt und dass in heftigen K\u00e4mpfen die Menschen dort sich in immer neuen Sch\u00fcben und Wellen auszurotten versucht h\u00e4tten wie Wahnsinnige.<\/p>\n<p>Dass es auch einige Stahlmenschen bereits gegeben, diese jedoch einen schweren Stand gehabt h\u00e4tten, heute auch \u201eHelden der Stadt\u201c genannt w\u00fcrden, h\u00e4tte man nicht solche sentimentalen Erinnerungen an fr\u00fcher abgeschafft. Dass man sich in diesen fremden L\u00e4ndern in heftige Freuden eingelassen habe und viele Arten von Lust, Liebe und Leben genie\u00dfen durfte, erz\u00e4hlt man, und dass man schlie\u00dflich auch das Arbeiten dort ganz aufgegeben habe.<\/p>\n<p>Die Stahlseele unserer Stahlmenschen hat sich mit dem Schicksal abgefunden, ohne Bed\u00fcrfnisse, ohne selbst gew\u00e4hlte Anspr\u00fcche und Interessen leben zu m\u00fcssen. Man wei\u00df von den Theoretikern, dass der Begriff der Freiheit nur eine Illusion sei oder, wie ein Philosoph fr\u00fcher einmal gesagt haben soll, Freiheit sei die Einsicht in die Notwendigkeit der Begrenzung, so dass die Seele dieser Menschen nur noch aus Eindr\u00fccken von au\u00dfen besteht, wie sie die Vergn\u00fcgungsapparate beispielsweise liefern.<\/p>\n<p>Man wirft eine M\u00fcnze in einen solchen Apparat und sieht dann pl\u00f6tzlich \u2013 ich greife wahllos dieses Beispiel heraus \u2013 eine Tasse aus wei\u00dfem Porzellan, schlank geschwungen und als dekoratives Beiwerk nur mit einigen wenigen Rillen versehen, welche die Oberfl\u00e4che schm\u00fccken. Darunter eine ebenso sch\u00f6ne wie kleine Untertasse in altmodischer Gestaltung, ebenfalls wei\u00df, aber mit einem feinen Goldrand versehen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Eine Kanne aus dem gleichen Porzellan senkt sich jetzt \u00fcber die Tasse, beugt sich tief nach unten, ber\u00fchrt fast den Rand, und eine hei\u00dfe Fl\u00fcssigkeit flie\u00dft aus der schmalen \u00d6ffnung, ohne an der Kanne herunter zu tropfen. Man glaubt, den Duft riechen zu k\u00f6nnen, man sieht den Dampf, und bitters\u00fc\u00dfe Erinnerungen an eine ferne Vorzeit werden wach. Und schlie\u00dflich entdeckt man den Tisch, klein und einfach, der mit einem hellblauen Tuch aus Kunstfaser bedeckt ist.<\/p>\n<p>Die Stahlmenschen erfreuen sich an solchen Bildern und kurzen Augenblick in der Vergangenheit, aber sie l\u00e4cheln auch mitleidig fast, wie wenn sie gl\u00fccklich w\u00e4ren,<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>nicht mehr dazugeh\u00f6ren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=301%20Novellen%20zur%20Zeit%20%2810%20und%20Abschluss%29&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stahlstadt Vierzig Tage habe ich gebraucht, um an diesen Ort hier und zu dieser Stunde jetzt zu gelangen. 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