{"id":8786,"date":"2019-02-22T06:58:06","date_gmt":"2019-02-22T06:58:06","guid":{"rendered":"http:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8786"},"modified":"2022-03-12T10:13:25","modified_gmt":"2022-03-12T10:13:25","slug":"310-wieder-gelesen-ueber-liebe-und-lust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/edition-weissenburg.de\/blog\/?p=8786&lang=de","title":{"rendered":"310 Wieder gelesen: \u00dcber Liebe und Lust"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"Apple-converted-space\"><b>&nbsp;Platons Phaidros<\/b><\/span><\/p>\n<p>Mein fr\u00fcher Blog Aufsatz Nr. 22 \u00fcber Platons \u201ePhaidros\u201c wird ebenso wie auch Derridas folgenschwere \u201eEurozentrismus\u201c-These (Nr.45) immer wieder angeklickt. Heute stammt der (wohl m\u00e4nnliche} Leser aus \u00d6sterreich. Mein Text jetzt und an dieser Stelle nenne ich \u201e\u00dcber Liebe und Lust\u201c und er trifft genau ins Herzst\u00fcck der gegenw\u00e4rtigen Gender-Debatte, die so sehr wieder vom aggressiven Amazonen-Feminismus bestimmt wird, vor allem in den USA. Dieser hat dort und &nbsp;auch bei uns sogar eine neue M\u00e4nnerbewegung in die Welt gesetzt: \u201eM\u00e4nner gehen ihren eigenen Weg\u201c, Men Go Their Own Way (MGTOW). &#8211; Und: \u201eGehe als Mann nicht in einen geschlossenen Raum, wenn eine Frau alleine sich darin befindet\u201c. Mit dem Ergebnis, dass die Frauen immer mehr m\u00e4nnerlos werden (oder sage ich besser m\u00e4nnerfrei? m\u00e4nnerarm?) und sich sogar schon Gedanken um die k\u00fcnstliche Reproduktion der Art machen m\u00fcssen. Achtung Spoiler-Alarm: Was relativ leicht gehen wird.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Umgekehrt empfehle ich schwulen M\u00e4nnern bei Fragen der Reproduktion (und die werden tats\u00e4chlich mittlerweile immer mehr an mich gerichtet) eine <span style=\"text-decoration: underline\">Menage \u00e0 trois<\/span> mit einer Feministin, weniger mit einer Lesbierin. Erstere sind nicht unbedingt<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span>immer nur m\u00e4nnerfeindlich. Sie k\u00f6nnen in einer Mutterrolle zusammen mit zwei M\u00e4nnern dergestalt einen sehr befriedigenden und neuen Sinn sehen. Sie k\u00f6nnen gl\u00fccklich werden in einer solchen Art von Familie. Diese w\u00fcrde vielleicht auch Freud samt seiner (dogmatischen?) Geschlechter-Trennung gefallen: dass n\u00e4mlich zur Identit\u00e4tsfindung von Kindern Mann und Frau geh\u00f6ren.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Es geht gegenw\u00e4rtig nicht mehr um Hetero-oder Homosexualit\u00e4t, ein Begriffspaar, das der Behaviorismus als eine weitere gro\u00dfe dogmatische Irrlehre im letzten Jahrhundert in die Welt gesetzt hat: 3x Orgasmus mit M\u00e4nnern, 7x mit Frauen also nicht-schwul. Es geht mehr um die Verwirrung des Begriffs <strong>Liebe<\/strong>, welcher die Lust ein-wie ausschlie\u00dfen kann (geistiges Lieben, emotionales Verlieben, &nbsp;Begehren und Sex). Es gibt Sex ohne Liebe und Liebe ohne Sex. Es gibt Begehren ohne Sex und Sex ohne Verlieben etc. Auch \u00fcber dieses Thema habe ich immer wieder geschrieben.<\/p>\n<p>Ein Letztes deshalb heute: Philosophisch betrachtet geht es zuk\u00fcnftig nur noch um die ethische Frage, in wieweit die sinnliche&nbsp;<b>Lust, <\/b>das ist auch mehr als nur die Sexualit\u00e4t,&nbsp;unser Leben bestimmen darf, bestimmen kann, soll, muss. Zu allen vier M\u00f6glichkeiten hat es in der Antike bedenkenswerte Antworten einflussreicher philosophischer Schulen gegeben, etwa die Positionen von Aristipp, Epikur, der Stoa, des<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span>fr\u00fchen Christentums. Der Stoiker Anthistenes etwa sagte 400 v.Chr.: Lieber wahnsinnig werden als Lust zu empfinden. Auch heute geht es nicht mehr etwa in Sachen Sexualit\u00e4t um die dogmatische Festlegung hetero oder homo. Sokrates, Caesar, Catull, Seneca, Maecenas, Augustus, Vergil alle schwul? &#8211; Sondern nur um die Frage: wie hast du\u2019s mit der Lust? Ich wiederhole mich: Dominiert sie dein Leben nicht nur in sexueller, sondern auch in vieler anderer Hinsicht. Oder ist die Lust nur Mittel zum Zweck. &#8211; Und zu welchem Zweck?<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Ich denke, dass die Lust ein Mittel der Begegnung, der Kommunikation ist; nicht mehr und nicht weniger. Der Kommunikation: Des Zusammenfindens der Menschen zueinander und des gemeinsamen Zusammengehens vielleicht sogar bis zum Lebensende, ohne den Partner dabei zu wechseln. Ich nenne dies metaphorisch immer \u201edie eigene Spur finden\u201c im Sinne von Schicksal oder im Sinne der freiheitsliebenden Existenzialisten, die eher selbst\u00e4ndig und selbstbewusst ihre \u201eSpur spuren\u201c m\u00f6chten.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Die Lust kann also immer nur Mittel zum Zweck und nicht ein SelbstZweck oder einziges Ziel sein. Ist sie SelbstZweck, dann ist man Opfer eines k\u00f6rperlichen Zwangs, einer gro\u00dfen Unfreiheit. Ist sie Mittel zum Zweck, dann f\u00fchrt sie zum Du, zur Gemeinschaft und zum sozialen Miteinander im Nest, zum Schutz, zur Geborgenheit. Auch als Ablenkung von der ewigen Sinnfrage, warum und wozu das Ganze \u00fcberhaupt existiert. In der Antike hat man sogar gelegentlich das gemeinsame Sterben mit eingeschlossen, indem Ehepaare, aber auch Freunde und LiebesPartner in der kriegerischen Schlacht gemeinsam in den Tod gegangen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Platon ist in seinem \u201ePhaidros\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span>insofern auch wieder richtungsweisend: Er lehnt die Lust nicht ab, sondern domestiziert sie in einer gewissen Hinsicht und auf ein bestimmtes Ziel hin, das \u00fcberzeitlich, also geistig ist.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;In jedem Materiellen liegt der Todeskeim, das Ende. Nicht jedoch im Geistigen. Das konkrete sexuelle Vergn\u00fcgen vergeht; nicht aber jedoch die Idee der Liebe.&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Ausgeklammert habe ich in diesem Zusammenhang den buddhistischen Gedanken, dass alles Leid aus dem Begehren stammt, dem Nicht-befriedigt-werden-K\u00f6nnen. Das Begehren sucht die Lust. Aber jede Lust will mehr, die Steigerung, ja sogar Ewigkeit. Nietzsches Zarathustra: \u201eJede Lust will Ewigkeit, tiefe, tiefe Ewigkeit\u201c&#8230; Leid kann also nur durch den Verzicht auf Lust verhindert werden. Im Nirwana sein bedeutet den vollkommenen Verzicht auf Begehren, auf W\u00fcnsche und Lust.<\/p>\n<p>Ich kenne in meiner n\u00e4heren Umgebung gegenw\u00e4rtig einen jungen Mann, der sich sehr offenherzig zu seinen modischen ONS-Kontakten bekennt oder \u00fcber Polyamorie und dergleichen nachsinnt. Ich formuliere nicht nach<i>denkt<\/i>, sondern nach<i>sinnt.<\/i> Die Angelegenheit ist n\u00e4mlich m.E. eine Sache der Sinne und des K\u00f6rpers und nicht des Geistes. Der wie ein Getriebener hinter seinesgleichen und diesen Menschen hinterher hechelt, sich von Ihnen beeindrucken, \u201cdaten\u201c, befriedigen und steuern l\u00e4sst und das war\u2019s dann auch schon. &#8211; War das tats\u00e4chlich schon alles und wirklich? &#8211; Ja, sagt der 24j\u00e4hrige und l\u00e4chelt mich einigerma\u00dfen gewinnend dabei an. Bevor man mir Roboter und anderes zur Verf\u00fcgung stellt oder mit dem Klonen anf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>Nachtrag 7.Juni 2019<\/b><\/span><span class=\"s2\">: Warum ich die Lust immer so deutlich infrage stelle und daf\u00fcr propagiere, sie zu domestizieren und nicht nur in der Lust allein den Lebensweg sehe:<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Ich denke, dass die Theorie von Sigmund &nbsp;Freud (in Lyotards Philosophie sind alle Hypothesen oder Theorien, selbst die der Naturwissenschaften nur \u201eErz\u00e4hlungen\u201c, die einer Interpretation bed\u00fcrfen) stichhaltig ist: Dass eine Kultur nur durch <\/span><span class=\"s3\">Sublimation von Lust&nbsp;<\/span><span class=\"s2\">entstehen und \u00fcberleben kann. W\u00fcrde man die Lust absolut setzen und total befreien, w\u00fcrde der Mensch nur noch f\u00fcr die Lust leben wollen und alles andere dabei vergessen. Es &nbsp;kann keine Kultur wie auch immer (Kunst, Institutionen, Forschung, Wissenschaft etc.) entstehen und das ganze gesellschaftliche System m\u00fcsste zusammenbrechen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Angeblich gibt es Experimente mit Affen, die nach einer Stimulierung des Lustzentrums im Gehirn sogar<\/span><span class=\"s2\"><span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/span><span class=\"s2\">die Nahrung, also die Selbsterhaltung zugunsten der Arterhaltung ganz aufgegeben haben. Energie, Kreativit\u00e4t und Aktivit\u00e4t, wohl auch kriegerische Aggressivit\u00e4t (nach Wilhelm Reich) entwickelt die menschliche Natur, sagen wir ruhig auch \u201eder <\/span><span class=\"s2\"><u>K\u00f6rper des MenschenTiers<\/u><\/span><span class=\"s2\">\u201c nur durch Sublimation oder auch \u201eKanalisierung\u201c von Lust.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><b>Alle B\u00fccher von Reinhold Urmetzer in Nr.282<\/b><\/p>\n<a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-twitter nolightbox\" data-provider=\"twitter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" title=\"Share on Twitter\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?url=https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog&#038;text=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px;margin-right:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"twitter\" title=\"Share on Twitter\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/twitter.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><a class=\"synved-social-button synved-social-button-share synved-social-size-48 synved-social-resolution-single synved-social-provider-mail nolightbox\" data-provider=\"mail\" rel=\"nofollow\" title=\"Share by email\" href=\"mailto:?subject=310%20Wieder%20gelesen%3A%20%C3%9Cber%20Liebe%20und%20Lust&#038;body=Ein%20neuer%20Beitrag%20ist%20da%21%20:%20https%3A%2F%2Fedition-weissenburg.de%2Fblog\" style=\"font-size: 0px;width:48px;height:48px;margin:0;margin-bottom:5px\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"mail\" title=\"Share by email\" class=\"synved-share-image synved-social-image synved-social-image-share\" width=\"48\" height=\"48\" style=\"display: inline;width:48px;height:48px;margin: 0;padding: 0;border: none;box-shadow: none\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/edition-weissenburg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/social-media-feather\/synved-social\/image\/social\/regular\/96x96\/mail.png?resize=48%2C48&#038;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;Platons Phaidros Mein fr\u00fcher Blog Aufsatz Nr. 22 \u00fcber Platons \u201ePhaidros\u201c wird ebenso wie auch Derridas folgenschwere \u201eEurozentrismus\u201c-These (Nr.45) immer wieder angeklickt. 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